Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 39 (26.9.1902)
- Article
- Die dritte bulgarische Zionisten-Landeskonferenz in Rustschuk
- Date
- 1902-09-26
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 39 ,Die $ Welt" Seite 5 halten. Stürmischer Beifall b« gleitete den Redner. Er bewies unter anderem, dass eine unserer momentanen Hauptaufgaben, das Hereinbringen von jüdischem Geist ins Judentum ist, und wies auf die Mittel hin, wie dies bei uns zu Lande zu erreichen wäre. Seine Thesen zur Frage der Agitation sind folgende: 1. Die Errichtung von hebräischen Sprachkursen. In jedem Vereine sollen wöchentlich zwei populäre -Abendkurse zur Erlernung der hebräischen Sprache stattfinden, an welchen ausser den Mitgliedern auch Private teilnehmen können. 2. Die Konferenz soll eine Prämie zur Herausgabe einer Chrestomatie in spaniolischer Sprache festsetzen, welch letztere die erhabensten Episoden aus der jüdischen Geschichte enthalten soll. 3. Die Herausgabe eines Katechismus des Zionismus. 4. Die Herausgabe einer bulgarischen Beilage zum „Haschofar". 5. In diesem Jahre wenigstens zwei der besten Broschüren über Zionismus zu übersetzen, und zwar solche, die das Verhältnis des Zionismus zu den anderen Weltanschauungen darlegen. 6» Ein literarisches Zentrum zu schaffen, bestehend aus 3—4 hiezu befugten Personen aus unserer Mitte. 7. Zur Grundlage einer jüdischen Bibliothek soll die Konferenz beschliessen, eine Beilage zum „Haschofar" in spaniolischer Sprache herauszugeben, die Uebersetzungen aus einer gut gewählten jüdischen Geschichte enthalten soll. Die zionistischen Vereine sollen verpflichtet sein, für je 50 ihrer Mitglieder 10 solcher Exemplare zu abonnieren. Später kann dem literarischen Zentrum eine gewisse Summe zur Verfügung gesteilt werden zum Ankauf von in die bulgarische Sprache übersetzten Büchern mit jüdischem Thema oder von solchen jüdischen Autoren, welche Bücher geeignet scheinen, zur nationalen Ausbildung beizutragen. Die Konferenz fasste folgenden Beschluss: Die Kreierung einer literarischen Abteilung des Landes-Komitees. die zugleich auch statistische Kommission sein soll und die die Aufgabe hat, alle im Referate enthaltenen Vorschläge zu erfüllen. Bezüglich der Errichtung von hebräischen Sprachkursen äusserte die Konferenz den Wunsch, die Vereine mögen diese so weit als möglich in Anwendung bringen. In der Nachmittags-Sitzung wurden noch folgende \Beschlüsse gefasst: 1. Die bulgarische Organisation soll einen beständigen Wanderredner erhalten. 2. Als erste Arbeit soll die literarische Kommission einen Katalog von solchen Büchern in bulgarischer Sprache, vorzugsweise von jüdischen Autoren, herausgeben, die einen allgemein bildenden Charakter haben. 3. Der „Haschofar" soll auch eine hebräische Monatsbeilage bpkommen. Auf Antrag des Herrn Rafael Calef wurde beschlossen : das Andenken des seligen Marco Barouch zu verewigen, indem man ihn als ersten Kämpfer für den Zionismus in Bulgarien anerkennt; das Landes-Kornitee soll Sorge tragen, Material für seine Biographie zu sammeln; das Landes-Komitee soll trachten, die Herausgabe aller seiner Werke zu ermöglichen. Herr Gueron, Delegierter aus Russiand, las sein sehr gründliches und ausführliches Referat über die ökonomische Lage der Juden Bulgariens vor. Es wurde aus Mangel an Zeit darüber nicht verhandelt und beschlossen, dasselbe zum Gegenstande einer speziellen Besprechung im Parteiorgane zu machen. In der Nacht-Sitzung wurde noch folgendes beschlossen: 1. Die Referate sollen mit den darüber gefassten Beschlüssen gedruckt werden; 2. der statistischen Kommission 50 Francs zur Deckung ihrer Spesen zu gewähren; 3. der Literatur-Kommission 200 Francs und mit 50 Francs den Erhaltungsspesen des Berliner statistischen Bureaus beizusteuern. Endlich fanden die Wahlen des Landes-Komitees, der Bank und Schekel-Kommission und der Literatur- Kommission statt. Gewählt wurden als: Präsident des Landes-Komitees Persiado Romano, Mitglieder die Herren Dr. Rimalowski, B. Ju da, M. Moskuna. Präsident der Bank- und Schekel-Abteilung, die nach Rustschuk versetzt wurde, Herr Tschelebou Rosanes, als Mitglieder die Herren Aron Gueron und M. Daniel. Präsident der Literatur-Kommission Herr Dr. Kima- 1 o w s k i, Mitglieder die Herren Dr. Romano und Jakob Calef. Nach 24stündiger ununterbrochener Arbeit am letzten Sitzungstage wurde die Konferenz um 9 Uhr morgens unter Hochrufen auf unsere Führer geschlossen. Müde von der letzten Arbeit, aber mit frischem Mute für die neue Arbeit, traten unsere Delegierten den Heimweg an, um in Erfüllung zu bringen, was sie auf der Konferenz beschlossen, was den bulgarischen Zionismus befestigen und heben und den Zionismus der ganzen Judenheit fördern kann. Malvine Herbst. Neujahr! Es ergeht an alle Gesinnungsgenossen hiemit die Aufforderung, keinerlei Neujahrskarten oder Briefe zu verschicken, sondern jeden noch so geringen Betrag für den Jüdischen Nationalfonds (in Marken oder in Spenden) anzulegen. Die Form dafür ist leicht gefunden. Die „Welt" wird eine eigene Rubrik führen unter der Aufschrift: „Neujahrswunschenthebung zugunsten des Nationalfonds41. Darunter folgen voll ausgeschrieben Name und Wohnort aller derjenigen, welche auf diese Weise ihren Bekannten gratulieren und zugleich auch einer dauernden Einrichtung etwas zuwenden wollen. Die Beträge können in Briefmarken an die Administration der „Welt" eingeschickt werden. Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. K i e w. Der Gemeinderat Jassnogurskij hat der Städteverwnltung von Kiew eine Denkschrift überreicht, in welcher die Ausweisung aller in Kiew lebenden Juden vorlangt wird. In dieser merkwürdigen Denkschrift heisst es unter anderem wörtlich: „Die Juden müssen als äusserst schädliches und in jeder Beziehung gefährliches Element aus Kiew verwiesen werden. Die Städteverwaltung, welche gesetzlich verpflichtet ist, die Interessen der christlichen Einwohner zu schützen, muss iin Interesse dieser Einwohner Kiew von den Juden befreien, welche für die Stadt das grösste Unglück bilden." Die Stadtverwaltung hat sich zwar für inkompetent erklärt, die .Denkschrift des Genieinderates Jassnogurskij in Beratung zu ziehen, auf die Polizei scheint die Forderung des in Kiew bekannten Gemeinderates jedoch Eindruck gemacht zu haben. Die Judeiuiusweisungen aus Kiew haben in der letzten Zeit einen epidemischen Charakter angenommen. Und wie immer, wird erklärt, dass die ausgewiesenen Juden in Kiew nicht wohnen durften . . . Sehitomir. Der Gemeindorat von Schitoniir hat, um das Andenken des verstorbenen Mitgliedes der Stadtverwaltung, des rinden Israel Rosenberg, zu verewigen, beschlossen, an einer der städtischen Schulen ein Stipendium für einen Schiller mosaischer Konfession zu gründen. Die Gourernemcntsverwaltung für städtische Angelegenheiten hat diesen Beschluss annulliert und die Gründung des Stipendiums untersagt. Odessa. Die jüdischen Zöglinge der Odessaer Kaiser Nikolaus I. - Handelsakademie haben mit Rücksicht darauf, dass ihnen, trotzdem die Schuh» zu den höheren Lehranstalten zählt, der Aufenthalt im ganzen Deiche nicht gestattet ist, dem Ministerium des Innern eine Bittschrift um Einräumung des unbeschränkten Wohnrechtes unterbreitet, die jedoch bis jetzt noch unerledigt geblieben ist. K e r t s c h. Die Zeitschrift ,,Krvniskij Kurjer*' veröffentlicht folgende amtliche Mitteilung des Stadthaupt mannes von Kertsch: ..Die Ueberwachnng der zahnärztlichen .Ateliers stellt nach dem geltenden Gesetze den Medizinal Verwaltungen zu. Da aber Kertsch-Jenikolsk eine selbständige administrative Stadthauptmannschaft bildet, hat der Stadtliauptmann von Kertsch das Medizinische Departement ersucht, die Aufsicht über die zahnärztlichen Ateliers von "Kertsch ihm zu übertragen. Als Begründung seines Gesuches führt, der Stadthauptniann an. ..dass die zahnärztlichen Ateliers von Kertsch ausschliesslich Juden gehören, so dass die Hilfeleistung h. diesen Ateliers, sowie alles andere darin besondere und verschärfte Aufsicht orfordere . . .kk Riga. Von den (14 Juden, welche sich heuer zum Eintritt in das Polytechnikum von Riga gemeldet haben, wurden nur 12 aufgenommen, die übrigen zurückgewiesen. J e k a t e r i n o s 1 a w. Unter den jüdischen. Broti\. Zuckerbäckern von Jekaterinoslaw herrscht, grosse Armut, welche in der letzten Zeit erschreckende Dimensionen angenommen hat. Der Gouverneur von Jekaterinoslaw sah sich infolgedessen genötigt, die Aufstellung von Sparsammelbüchsen in allen öffentlichen Lokalen zu gestatten, um die Notlage der jüdischen Brot- und Zuckerbäcker zu lindern. Petersburg. Eine Reihe von ttenatsentsHieidungeii über die Frage des Wohnrechtes jüdischer Handwerker im Innern Russlands, welche dieser Tage erflossen sind, illustrieren das Martyrium der Juden in erschütternder Weise. Aus diesen Entscheidungen ersieht man deutlich, wie unsicher der jüdische Handwerker sich sogar dann fühlt, wenn er, mit einem gesetzmässigen Handwerkerscheine versehen, das Wohn recht nach den geltenden Vorschriften unbeschränkt gemessen soll. So wurde der jüdische Handwerker Kohan aus Riga ausgewiesen3 trotzdem er sein Hand-