Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 39 (26.9.1902)
- Article
- Die dritte bulgarische Zionisten-Landeskonferenz in Rustschuk
- Date
- 1902-09-26
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 39 liess auf seine zahlreiche Anwesenheit bei der Konferenz schliessen. Und wirklich, als wir Sonntag den 4. September um 9l/2 Uhr morgens in den schön mit zionistischen Fahnen geschmückten Festsaal des „Isla-Hane", eines Hotels Rustschuks, wo die Konferenz stattfinden sollte, eintraten, waren schon zahlreiche Gäste anwesend und man hatte die grösste Mühe, das eindringende Publikum an der Thüre zurückzuhalten. Unter den Gästen befanden sich neben Juden auch Christen,Vertreter derBehörden, Stadtbeamte und Redakteure, welch letztere sich in ihren Blättern sehr lobend über die Konferenz aussprachen. Unter anderen waren auch der Präfekt der Stadt und der zweite Kammerpräsident Herr F r a n g i a, der in Rustschuk anwesend war, im Saale. Ersterer wohnte fast den ganzen Tag der Konferenz bei und letzterer entfernte sich volle drei Stunden nicht vom Platze. Besonderes Interesse zeigte dieser, als Herr Herbst im Anschluss an das Referat des Herrn Doktor Nachimson über die Stellung der Juden zu ihren bulgarischen Mitbürgern im Sinne des Zionismus sprach. Um punkt 10 Uhr wurde die Konferenz eröffnet. Da die Rustschuker Gemeinde nicht einwilligen wollte, uns einen ihrer Rabbiner zur feierlichen Eröffnung zu entsenden, sahen wir uns genötigt, einen Herrn aus unserer Mitte zu wählen, der den Segenspruch sagen sollte. Die Wahl fiel auf Herrn Bechmoram aus Tatar-Bazardjik. Darauflas Herr Herbst einen Brief vÖn Herrn Dr. Ehrenpreis vor, in welchem er sich entschuldigt, bei der Konferenz nicht anwesend sein zu können, worauf vom Präsidenten des Landeskomitees, Herrn Persiado Romano, die Eröffnungsrede gehalten und zur Tagesordnung geschritten wurde. Bevor man sich an die Arbeit machte, wurden mehrere Begrüssungstelegramme verlesen, unter welchen eines von einigen Soldaten aus Slivno mit stürmischem Applaus entgegengenommen wurde. Die Soldaten sprachen nämlich den Wunsch aus, bald der jüdischen Fahne Treue schwören zu dürfen und Judäas Ehre als Judäas Kämpen bewachen zu können. Der Präsident schlug vor, zwei Telegramme, und zwar eines an Se. königliche Hoheit den Landesfürsten und eines an unsere Führer, zu entsenden, was mit nicht endenwollenden Hurra-Rufen angenommen wurde. Die Wahl des Bureaus ergab: Persiado Romano, Präsident, Dr. Romano und Karl H er bs t Vizepräsident, die Herren Sigmund Rintel und Michel Bej arano als Sekretäre und als Vizesekretäi e die Herren Nissim D a v i d o f f und Moses K o h n. Ferner wurden folgende Ausschüsse gewählt: Studien- Kommission für verschiedene Projekte und Propositionen: Dr. jur. Rafael C a 1 e f, Agronom Jacques Arie und Nissim Daniel; Legitimations-Kommission: Nissim Davidoff, Bechor A s r i a und Isaac C alef; Rechnungs-Ueberprüfungskommission : Aron Rosanis, Isaac Semo und Jakob Abramoff. An erster Stelle der Tagesordnung kam das Referat des Herrn Dr. Nachimson „über die Stellung der Zionisten zu den politischen Parteien in Bulgarien, zu den Nichtzionisten und zu den jüdischen Institutionen", welches von Herrn Rafael C a 1 e f vtrlesen wurde. Nach längerer Debatte über dieses wichtige Referat nahm die Konferenz die von Herrn Karl Herbst vorgeschlagenen Aenderungen in den Thesen des Herrn Dr. Nachimson an und beschloss folgendes: 1. Die zionistische Organisation Bulgariens wird dafür Sorge tragen, ein Kompromiss mit jeder politischen Partei, die für das Wohl des Landes arbeitet, einzugehen, welche sich zur Abgabe einer feierlichen Erklärung bereit erklärt, die Interessen der Juden Bulgariens energisch zu verteidigen und zum mindesten einen jüdischen Deputierten in die Sobranje zu wählen. Dieser Beschluss soll erst dann Anwendung finden, wenn der Augenblick am geeignetesten scheint. Bis dahin aber haben die Zionisten ihre Stimmen für jene ernsten Kandidaten abzugeben, welche schriftlich erklären würden, für die Gleichberechtigung und die Ehre der Juden Bulgariens immer einzutreten. 2. Die dritte Konferenz erinnert alle Zionisten Bulgariens an ihre aus der Kongress-Eröffnungsrede Herrn Dr. Herzls hervorgehende Pflicht, keine Mühe und Anstrengung, die Gemeinden und Schulen zu gewinnen, zu scheuen. 3. Die Zionisten werden das Landeskonsistorium, das eine von den Zionisten geschaffene demokratische Kontrollinstitution ist, in seiner gegenwärtigen Krise, welche es durch die Machinationen unserer Gegner durchlebt, gebührend unterstützen und trachten, in dasselbe wieder in überwiegender Mehrzahl hineingewählt zu werden. Die Beratung weiterer Vorschläge des Herrn Dr. Nachimson wurde für den Augenblick, wo die Schulfrage zu einer speziellen Behandlung kommen wird, vertagt. Nun betrat Frau Malvine Herbst die Tribüne und hielt ihr Referat: „ Die jüdische Frau in unserer Bewegung" und mussten die Debatten über dasselbe wegen Müdigkeit der Referentin für den nächsten Tag aufgeschoben werden. Der Präsident verlas eine Bittschrift einer Lehrerin, die um ein Stipendium zur Vervollkommnung in der hebräischen Sprache ansuchte. Die Konferenz, beschloss im diesjährigen Budget 400 Frcs. vorzusehen als Unterstützung jener pädagogisch gebildeten Kandidaten oder Kandidatinnen, weiche sich für hebräischen Unterricht spezialisieren wollen. Anknüpfend an die Vorschläge des letzten Referates, welches von der Heranbildung hebräischer Kindergartenlehrerinnen handelt, um so durch die Kleinen die Sprache zu einer lebenden Sprache zu machen, wurde beschlossen, bei gleicher Tüchtigkeit die Kandidatinnen den Kandidaten vorzuziehen. Für das erhaltene Stipendium ist eine dreijährige Dienstpflicht, an einer jüdischen Schule des Landes festgesetzt worden, widrigenfalls der Stipendist die Unterstützung zurückzuerstatten hat. Ferner wurde beschlossen, dass das Landes-Komitee längstens in einem Monate sämtliche Beschlüsse der Konferenz den Vereinen mitzuteilen hat. Nach Festsetzung der Tagesordnung für den nächsten Tag wurde die Sitzung geschlossen. Am zweiten Tage der Konferenz wurden drei Sitzungen abgehalten. Eine Vormittagssitzung, eine Nachmittagssitzung und eine Nachtsitzung. Letztere wurde um 3 Uhr nach Mitternacht geschlossen. An erster Stelle der Tagesordnung stand: Die Debatte über das Referat „Die jüdische Frau und ihre Stellung im Zionismus". Es wurden angenommen die Vorschläge : 1. Eine Seite in unserem Zentralorgan „Haschofar" ist für die Tätigkeit der Frau in unserer Bewegung offen zu halten. 2. Das Landes-Komitee soll Redner entsenden, die in eigens einberufenen Frauenversammlungen das Wort an die jüdische Frau richten, 3. Es sollen in jedem Vereine Frauensektionen eingeführt werden, um den Frauen auch dort, wo sie wenig an der Zahl sind, die Möglichkeit zu geben, sich nützlich zu machen, um dann selbständig tätig sein zu können. Die Debatten über die weiteren Thesen dieses Referates wurden für den nächsten Tag aufgeschoben, um mit den Vorschläger über Schulwesen, da sie in dieses eingreifen, zusammen besprochen zu werden. Da aber aus Mangel an Zeit über diese so wichtige Frage nicht verhandelt wurde, so wurden auch diese Thesen nicht mehr berührt, sondern als Direktive vom Landeskomitee zur Kenntnis genommen. An zweiter Stelle der Tagesordnung kam das Referat des Herrn Dr. Rimalowski. Der Referent gab in seiner Arbeit interessante Daten über die Bewegung der jüdischen Bevölkerung im Lande. Er bewies unter anderem durch Vergleiche mit den anderen hierzulande lebenden Völkern die siark überwiegende Zahl der Sterblichkeit unserer Neugeborenen als auch die grosse Zahl der Totgeborenen und die grosse Produktivität bei den Juden. Da es für einen Menschen und in kurzer Zeit nicht möglich war, den Tatsachen auf den Grund zu gehen, so wurde auf Antrag des Herrn Karl Herbst beschlossen, eine beständige statistische Kommission einzusetzen und das statistische Elaborat des Herrn Dr. Rimalo wski soziologisch zu beleuchten. Nun kam der ausgezeichnete Rechenschaftsbericht des Präsidenten der Bank- und Schekelabteilung Herrn Bechmoram. In Bezug auf diesen Bericht wurde beschlossen, den Jörn Haschekel früher, als dies bisher geschah, zu feiern, um mehr Zeit vor Abschluss der Rechnungen zum Absammeln des Schekels zur Verfügung zu haben, ferner den als Zuschlag auf den Schekel für die Landesorganisation bestimmten Beitrag weiter bestehen zu lassen. Endlich kam der Bericht des Landeskomitees an die Reihe. Die Debatten darüber währten bis Mitternacht, wiewohl man im ganzen und grossen mit der Tätigkeit des Landeskomitees sehr zufrieden war. Wir Zionisten kritisieren aber unsere Institutionen mit einer Strenge, die nur durch die Liebe für unsere Sache zu entschuldigen ist. Am nächsten Morgen um 8 Uhr waren wir schon bei der Arbeit. Die Sitzung des dritten Tages begann mit dem Referate des Herrn H e r b s t über „Agitation*. Um nicht vielleicht das zu wiederholen, was andere schon in der Konferenz in ihren schriftlichen Referaten gesagt haben könnten, zog er vor, sein Referat mündlich zu