Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Article
- Der Zionismus
- Date
- 1902-09-19
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 38 tAfe^-^Wett^ Seite 11 ner Scholle zu schaffen, verdient die Achtung aller Vorurteilslosen/ Im Jahre 1897 war es, wo die Anhänger der zionistischen Idee zum erstenmal e in Basel zusammenkamen,' um sich über die zu ergreifenden Mittel schlüssig zu werden. Es wurden dort Berichte über die Lage der Juden in den einzelnen Ländern erstattet. Sie entrollten Rein freundliches Bild.' Es wurden ferner lange Debatten über die Notwendigkeit einer Organisation und eines engeren Zusammenschlusses gepflogen. Der Hauptzweck war aber, die ganze Frage der weitesten 'Öffentlichkeit zur Erörterung zu unterbreiten. Alle Welt sollte wissen, was der Zionismus anstrebt, und ihn keiner Geheimbündelei zeihen können. Das Resultat dieser Beratungen war: Für die Juden, welche nirgends heimisch sind, welche sich nach Arbeit sehnen und keine finden, soll auf dem Boden Palästinas eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte geschaffen werden. Hier sollen die den einzelnen Völkern zur Last fallenden Elemente in mühseliger, fleissiger Arbeit dem Boden seine Schätze abgewinnen. Die Ideehat unterdessen allenthalben im Judentum, im Osten sowohl wie im Westen, viele Anhänger gefunden; auch nichtjüdische Kreise stehen ihr durchaus sympathisch gegenüber. Zur praktischen Durchführung der erstrebten Ziele wurde beschlossen, ein Instrument zu schaffen, vermittelst dessen die Kolonisation Palästinas, wie überhaupt die vorbereitenden Arbeiten, vollführt werden könnten. Es wurde die Gründung einer Kolonialbank angeregt, die mit Recht eine Volksbank genannt werden kann, da ihr Vermögen sich aus den allerkleiiisten Anteilen zusammensetzten sollte. Der Bestand des Kapitales wurde auf 40 Millionen Mark veranschlagt. [Nach Erreichung eines Sechstels dieses Kapitales wird die Bank aktionsfähig. Gleichzeitig wurde bereits ätrf dem ersten Kongress im Jahre 1897 die Gründung eines NaEftnalfonds angeregt. ' ,f •" Im Dezember 1901 fand nun zum fünftenmale ein Zionistenkongress statt. Die flammende Begeisterung, die: das erstemal Männer und Frauen aus aller Herren Ländern und aus allen Berufsklassen zusammengeführt hatte, zeigte auch diesmal keine Abschwächung. Dieser V. Kongress konnte aber bereits mehr Positives als. die vorangegangenen" bieten. Die Bank ist Unterdassen aktionsfähig geworden. Sie soll demnächst ihre Tätigkeit beginnen; es wurde die Errichtung von Filialen in Frankreich und Russland beschlossen. Mft Nachdruck wurde auch auf diesem Kongress hervorgehoben, dass das geplante Werk der Zionisten nielft als ein humanitäres Bestreben aufzufassen sei. Nicht Wohltat soll die Erlösung bringen1, sondern Selbsthilfe, eigene, harte Arbeit der Hilfsbedürftigen. Die früheren Kolonisationsversuche seien deshalb gescheitert, weil sie alle auf der Wohltat basierten. Der Zionismus hingegen will die Massen selber zum Wiederaufbau ihrer Existenz verhelfen. Er will, wie der Vorsitzende des Aktionskomitees, Dr. Herzl, in der Begrüßungsrede ausführte, dass die Ansiedler in Zukunft „auf der Scholle von der Scholle leben, nicht besorgt als kraftlose Händler nach dem Marktpreise auslugen. Den Markt sollen sie nur mit den Erzeugnissen aufsuchen, die sie über den Eigenbedarf hinaus haben. Jede Ansiedlung soll sich nach den Grundsätzen, die uns Erfahrung und Wissenschaft schon heute an die Hand geben, als landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft selbst verwalten ... Was sich auf diesem breiten, festen Unterbau einer arbeitenden landwirtschaftlichen Bevölkerung erheben wird, welches moderne und wohnliche Gebäude1, das wird vom Volke seihst abhängen, nachdem wir ihm die Selbstbestimmung seiner Geschicke verschafft haben werden ..." Sind nun die Endziele des Zionismus erreichbar? Es ist nicht zu verkennen, dass eine ungeheure Fülle von Schwierigkeiten mancherlei Art sich dem entgegenstellt. Das Land, in das der Zionismus eine kompakte Judenmasse zu verpflanzen gedenkt, bildet seit Jahrhunderten einen heiss umstrittenen Besitz. Es ist das „Heilige Land", die Wiege der Religionen aller christlichen Völker. In diesem Moment allein kann bereits ein Hindernis für die Verwirklichung aer zionistischen Hoffnungen erblickt werden. Allein gerade die Tatsache, dass es nicht ein dem Christentum angehörendes autonomes Gebilde ist, das sich auf dem BocTen Palästinas erheben soll, dürfte diese Schwierigkeit mildern. So gross aber auch die ideellen und materiellen Ilenunnisse sein mögen, die sich dem erstrebte-ii Ziele in den Weg stellen, es unterliegt keinem Zweifel, dass mit der Verwirklichung der zionistischen Idee nicht nur für die Juden selber ein ungeheuerer Fortschritt erreicht werden wvurde, sondern auch die Völker, in deren Mitte grosse Judenmassen jetzt leben, würden aus der veränderten Sachlage Vorteil ziehen; der überschüssige Teil der Juden würde, durch Sesshaftigkeit und Anbau des eigenen Bodens, zu neuer Kulturarbeit geführt werden, deren Früchte ohne Zweifel in erster Reihe dem Abendbinde, den Erziehungs- 1 ändern der ausgewanderten Juden, zugute kämen. Freilieh darf nicht verkannt werden, dass eine ganze Reihe von Grossstaaten nicht ohne Prätensionen auf das Heilige Land sind. Frankreich glaubt seit altersher gewisse politische Ansprüche auf Palästina zu haben. Allein Palästina und Kyrieu bilden ein so wertvolles" Stück Erde, dass keine der (Irossniächte einer anderen dessen Besitz rückhaltlos gönnen würde. Hierin liegt schon die Gewähr für eine Anerkenntnis der Neutralität Palästinas durch*, die Mächte. Wenn Russland seinerseits im Heiligen Lande heute eine orthodoxe Propaganda durch massenhaft« Scliulirründungen betreibt, so kann man daraus nicht seh Ii essen', dass dies den ersten Schritt zur späteren politischen Annektierung bildet. Die. Türkei ttnd alle Mächte, welche der Unterwerfung der Türkei durch Russland sieh widersetzen, werden ihrerseits bestrebt sein, das Vordringen der russischen Interessensphäre in Palästina möglichst hintanzuhalt'en. Zu bedenken ist ferner, dass durch die wirtschaftliche Erschliessung Palästinas die Finanzen der Türkei eine wesentliche Aufbesserung erfahren und dass dank diesem Umstände sowohl der Einfluss Frankreichs wie Ilusslands abgeschwächt werden würde. Husslands Eifer ruft gerade die Wachsamkeit der anderen Mächte hervor und muss in ihnen den Wunsch zeitigen, in Palästina einen neutralen Faktor zu besitzen, das nach keiner "Richtung hin gravitiert. Ausserdem ist gar nicht anzunehmen, dass Russland sieh mit irgendwelchen Rpansionsgeliisten hinsichtlich Palästinas und Syriens trägt. Pas mächtige Zarenreich hat alle Hände voll zn tun, um die Gärung im Innern niederzudrücken, um der Unzufriedenheit und der revolutionären Umtriebe seiner eigenen Untertanen Herr zu werden. Wie wenig die massgebenden Kreise Russlands übrigens im Zionismus eine den Interessen der Regierung entgegenstehende Bestrebung erblicken, geht schon daraus hervor, dass, während dort alle sonstigen öffentlichen Versammlungen und Vereine Jiuf ein Minimum beschränkt sind imd kaum geduldet werden, die zionistische]!. Organisationen sieli frei betätigen dürfen. Was die russische llegierung hierbei leitet, ist die richtige Erwägung, dass gerade in ihrem Lande eine nach Millionen zählende proletarisch-jüdische Bevölkerung vorhanden ist, der fast jede ErwerbsmJJglichlieit abgeschnitten ist und dass "diese Verzweifelten, die nichts mehr zu verlieren haben, die willigste Gefolgschaft der revolutionären "Bewegung bilden. Im Zionismus erblickt daher die russische "Regierung ein willkommenes Ablenkungsinittel für einen beträchtlichen Teil seines Proletariats von der Auflehnung gegen das Regime. Von den anderen Mächten ist natürlich die etwaige Haltung Englands in Betracht zu ziehen. Aber auch England besitzt keine politischen Aspirationen auf Palästina. Die Bestrebungen zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung des Heiligen Landes müssen diesem Staate umso lieber sein, als Aegypten, infolge seiner Nähe, von dem aufblühenden "Naehharhinde nur wirtschaftliche" Vorteile erzielen kann. Selbst hier die Initiative zu ergreifen, wird aber England schon deswegen Bedenken tragen, um nicht mit den anderen Staaten, die gleich ihm an Palästina interessiert sind, in unliebsame Verwicklungen von vielleicht weittragendsten Folgen zu geraten. Ueberdies hat Salisbury sich noch vor kurzem sehr sympathisch über diese Ziele der jung-jüdischen Bewegung geäussert. Was endlieh Deutschland anbetrifft, so kann sein schon heute unzweifelhaft bestehendes Prestige im Orient nur dadurch gewin-