Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-09-19 · 38 (19.9.1902) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
38 (19.9.1902)
Article
Der allrussische Zionistentag in Minsk
Date
1902-09-19
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315998-3324757--34717-3324818
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 2 „Die $ Welt" Nr. 38 Sache birgt Von den zwei Kräften, welche zur Rettung unseres Volkes fahren, muss die erste Kraft, „Nationalität", die leitende sein. Die Aufklärung der judischen Massen muss stets und immer nur ein Ziel verfolgen: die Befestigung der nationalen Einigkeit in der Intelligenz sqivohl, als auch in; Volke. Und die Nationalisierung"'der Schüler wird die Frage zum Nutzen und Frommen des Volkes lösen* Der Zionismus, welcher die Rettung des jüdischen Volkes anstrebt, hat natürlich für alles Verständnis, was mit den Geschicken des jüdischen Volkes in irgendwelcher Verbindung steht. Das hat der Zionistentag in Minsk vor aller Welt bekundet. In dieser Beziehung bieten die Stimmen der russischen Blätter grosses Interesse. Aus ihnen ersieht man erst, wie tief und ernst die zionistische Idee eingeschlagen, welche verh eissende Zukunft man von dem Zionismus erwartet. So schreiben die Petersburger „Nowost iÄ wörtlich: „Dem Zionismus steht eine glänzende Zukunft bevor. Nur Leute, welche mit dem Wesen des Zionismus völlig unbekannt sind, können von angeblicher Schädlichkeit des Zionismus sprechen. Der Zionismus will das nationale Selbstbewusstsein der Juden wecken, ihnen eine freie Existenz geben, weil sie eine Recht dazu haben. Auch die Christen werden gewiss die Zionisten unterstützen, um dem unglücklichen jüdischen Volke ein besseres Leben bereiten zu helfen." Auch die „Odesskija Nowosti" widmen der Konferenz in Minsk und dem Zionismus längere Betrachtungen, in denen die zionistische Bewegung als eine reale Lebenserscheinung bezeichnet wird. „Der Zionismus", sagt das Odessaer russische Blatt, „ist die Stimme des Lebens selbst. Er gehört zu den hervor- . ragendsten sozialen Erscheinungen unserer Zeit, er muss überall Sympathie und Unterstützung finden." Sogar die antisemitische» N o w oj eWr e m jawelche sich über die Jaden als Nation lustig macht, muss doch zugeben, dass der Zionismus die Juden vollauf beherrsche und zu den Erscheinungen zähle, welche früher oder später Früchte tragen. . Unser Versuch, aus den Ergebnissen der Zionisten- Konferenz in Minsk das Fazit zu ziehen, kann nicht alles das wiedergeben, was die Grösse und die Bedeutung der zionistischen Bewegung, wie sie die Minsker Konferenz gezeigt, charakterisieren könnte; er dürfte jedoch genügen, um die Kämpfer für die heilige Sache anzuspornen in der Zuversicht, dass der Zionismus in seiner Lebensfähigkeit nicht weit vom Ziele steht: gemeinsame und einigende Arbeit wird die Erreichung des Zieles beschleunigen. Gt. Erste Landeskonferenz der russischen Zionisten in Minsk- (Von unserem Berichterstatter.) Minsk, 8. September 1902. Zu meinem Berichte über die bisherigen Sitzungen sind noch folgende Einzelheiten nachzutragen: In der Donnerstag-Sitzung (1. Tag) verlas, wie bereits gemeldet* Herr Dr, B r u c k den Rechenschaftsbericht des unter der Leitung des Herrn Dr. Jacobsohn in Simferopol stehenden Informationsbureaus. Dieser Bericht bietet eine allgemeine und detaillierte Uebersicht über die bisherige zionistische Tätigkeit in Russland. Der Bericht hebt insbesondere die Tätigkeit im Rayon Jekäterinoslaw rühmend hervor und konstatiert ein allgemeines stetiges Wachstum der Bewegung, Zum Schlüsse enthält er den Vorschlag, es mögen Flugschriften, die^die Institution des Schekels und deren Bedeutung erklären, unentgeltlich unter das Volk verteilt werden. Nachdem Herr Losinsky aus Kiew den Kassenbericht über das letzte Verwaltungsjahr (Juli' 1901 bis Juli 1902) verlesen hatte, referierte Ing. Wladimir T e m ki n, Vorsteher des Rayons Eiisabethgrad, über den Stand der Bewegung in seinem Rayon. In Odessa allein gebe es 50 zionistische Vereine, die durch ein Zentralkomitee miteinander verbunden sind. An der Spitze dieses Zentralkomitees steht Herr Dr. Saphir, dem der Referent bei dieser Gelegenheit seine besondere Anerkennung ausspricht. Die Entsendung tüchtiger Wanderredner habe sich sehr gut bewährt; ein einziger Zions-Redner, den der Referent entsandte, habe in 37 Ortschaften reges zionistisches Leben gebracht. Im Rayon des Referenten gebe es auch 21 Frauen vereine gegen 9 im vorigen Jahre. Referent gelangt zum Schlüsse, dass es Aufgabe des Zionismus sei, Licht in das Dunkel des Volkes zu tragen, Licht unter alle Schichten und Klassen, namentlich unter die armen Arbeiter. Der Zionismus wolle das Zelt Israels nicht gleichviel in welcher Weise aufrichten, nicht aus dünnen, schwanken Brettern zimmern. Der Zionismus strebe darnach, das Haus Israel auf den stärksten und wertvollsten Grundlagen aufzurichten; auf jenen idealen Grundlagen, die unsere Propheten verkündet haben und die noch heute die Hoffnung der auserlesensten Menschheit in sich fassen. (Lebhafter Beifall.) Der Referent berichtet in begeisterten Worten über die Kulturtätigkeit der Zionisten seines Rayons. Bisher sind dort 48 Muster-Chadarim gegründet worden, darunter solche, wo das Hebräische nach der Berlitz- Methode („Ivrith-B'ivrith«) unterrichtet wird. Auch in den Talmud-Thora-Anstalten wehe ein frischer Hauch, Lichtfunken brechen durch ihre verschlossenen Fenster. Es sind auch Mädchenschulen gegründet worden, um unseren Töchtern guten jüdischen Unterricht zu erteilen. Mit sichtlicher Genugtung erzählt der Referent von den Abendlehrkursen, die in den meisten Städten seines Rayons eingerichtet worden sind und den jüdischen Volksmassen allgemeine und jüdische Kenntnisse mit Hilfe verschiedenen Illustrationsmaterials, wie Skioptikon etc. anschaulich vermitteln. In den . Lesehallen, die in vielen Städten ins Leben gerufen worden sind, versammelt sich die Jugend und das Bürgertum zur Lektüre jüdischer Zeitschriften und Bücher. „Indem wir sehen" — schliesst der Redner — „wie tief der Zionismus bereits ins Volk gedrungen ist, beseelt uns die Hoffnung, dass in gar nicht ferner Zeit der Tag kommen wird, wo der Zionismus alle Klassen und Parteien des Volkes zu gemeinsamem Streben zusammenschliessen wird. Dann wird unsere Bewegung auch alle die grossen Pflichten erfüllen, die sie dem jüdischen Volke schuldet. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Rechtsanwalt Jasinowsky, lebhaft akklamiert, erstattet. Bericht über den Rayon Warschau. Er zieht in kurzen, schlichten Worten das Fazit der zionistischen Tätigkeit in seinem Rayon und bemerkt, dass das Rayonsbureau infolge der lokalen Verhältnisse, die allen Bewohnern des Königreiches Polen bekannt sind, nicht in so intensiver Weise habe arbeiten können, wie zur Erzielung grösserer Erfolge notgetan haben würde. Doch sei immerhin vieles erreicht worden und man könne sagen, dass die Bewegung allerorten im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.