Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-09-12 · 37 (12.9.1902) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
37 (12.9.1902)
Article
Erste Landes-Konferenz der russischen Zionisten in Minsk
Date
1902-09-12
Page
3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315997-3324569--34590-3324691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 37 „Die $ Welt** Seite 3 Minsk, 5* September, nachm* Die Diskussion übrr die Rechenschaftsberichte der Rayons Vorsteher dauerte den ganzen heutigen Tag fort. Besonders scharfe Kritik übten die Delegierten Dr. Bragin (Simferopol) und Scheinkin (Balta), die eine Umgestaltung der russischen Organisation von Grund aus fordern. Schliesslich sprach die Landeskonferenz den Rayons Vorstehern ihr Vertrauen aus. # M i n s k, 7. September. Der Samstag verlief erhebend, Jn vielen Synagogen wurden zionistische Reden gehalten. Viele bisher Fernstehende erklärten ihren Anschluss an die Bewegung. Nach Sabbat^ Ausgang referierte Ussischkin unter grossem Beifall über allgemeine Organisation der russischen Zionisten* Heute, Sonntag, Fortsetzung der Diskussion über den Nationaifonds und die Kolonialbank, Der Spezial-Korrespondent der Petersburger „Nowosti" entwirft in seinem Artikel aus Minsk folgendes interessantes Bilcl von der ani verflossenen Donnerstag stattgefundenen Eröffnung der ersten allrussischen Zionisten-Koiiferenz in Minsk; „Die Eröffnung der Konferenz im grossen ^aaie des „Hotel Paris" fand um il Uhr vormittag statt. Aber bereits um 7 Uhr früh waren alle {Strassen, welche zum Sitzungsorte der Konferenz führten, von dichten Volksmassen besetzt. Die vorbeifahrenden Delegierten wurden von der Menge «auf der Strasse, sowie von den auf den Balkons der H&u(ser versammelten, Zuschauern stürmisch ibegrüsst. Beim Eintritt in den Saal bildeten Studenten eine Kette, welche nur unter Vorweis einer Eintrittskarte ICiiüass gewährten. Als die Bevollmächtigten der Konferenz, die Herren Bruck, Belkowsky, Goldberg, Kabbinowitsch, Ussischkin, Tschlenow und Jasinovvski erschienen, erschollen langunhaltende Hochrufe. Bruck verlas ein Begrüssungstelegrainm des Dr. Herzig welches die Begeisterung der Versanmduiig mächtig steigerte. In diesem Augenblicke bot der Saal ein seltenes Bild. Alle, Männer und Frauen, Alte und Junge, Orthodoxe und Aufgeklärte, erhoben sich von ihren Sitzen und riefen; „Hedad, Hedad!" Dr. Bruck sagte in der Eröffnungsrede, dass die Konferenz den Zweck verfolgte, Mittel und Wege zur Herbeiführung der Wiedergeburt des jüdischen Volkes ausfindig zu machen. Die Erfolge der zionistischen Bewegung sind riesig gross, sie drücken sich hauptsächlich in der Hebung des nationalen Selbstbewusstseins der Juden aus. Günstige politische Bedingungen, welche dank der glänzenden und unermüdlichen Tätigkeit des Dr. Herzl geschaffen würden, eröffneten die Hoffnung auf eine gute Zukunft. Diese Worte wurden nj it nicht enden wollendem Beifall und Händeklatschen aufgenommen. Dr. Bruck schloss seine Bede mit der Erklärung, dass die Juden am Eade das Ziel ihres Strebens erreichen werden, weil sie an Kultur, Lebensfähigkeit und Loyalität sich mit allen anderen Völkern messen können. Das in Minsk erseheinende russische Blatt ,jMinskij Ilstok" wjidmet der Zionastenfr Konferenz einen Artikel, in welchem unter anderem folgendes gesagt wird: „Die Zionisten, denen die Gesetze der Geschichte bekannt sind, liaben in Erfüllung ihrer Aufgabe, der Gründung eines Judenstaates, ihr ganzes Augenmerk auf die Hebung des geistigen und kulturellen Niveaus der Juden gerichtet. Und wirklich, nur die Aufklärung der jüdischen Massen kann die Wiedergeburt des Volkes herbeiführen. Und wenn es der Minsker Konferenz gelingen sollte, diese Frage einer günstigen Lösung zuzuführen, so können die Delegierten Minsk mit dem Bewusstsein verlassen, für ihre Volksgenossen eine wirklich gute Sache getan zu haben." Gt. Die Tätigkeit und Bilanz der „Ica". Die von uns aus dem „Jewish Express" in London reproduzierte Bilanz der „Ica" enthält eine unverständliche Post; in Absatz % „Jahres-Subventionen" wird unter den subventionierten Anstalten eine „Spitzen-Schule in Jerusalem" angegeben. Eine solche existiert aber nicht. Es soll statt dessen heissen „L amme 1-Schule in Jerusalem". Und diese Verwechslung hat folgen dt.Geschichte: In dem dem „Jew. Expr." vorliegenden Manuskripte muss das Wort „Lämmelschule" undeutlich geschrieben gewesen sein, und ist vom Setzer im Jargontext mit „Laces-Sehule" gesetzt worden. Laces ist das englische Wort für Spitzen. Die Lämmel-Schule ist eine zu Anfang des völligen Jahrhunderts von einem Wiener Kultusvorsteher in Jerusalem errichtete Stiftung. * Das Organ der „Ica", der „Jewish Chronicle" schreibt, dass es zurErklärung ermächtigt sei, dass die Ziffern der publizierten Bilanz unrichtig seien. Weiters sei mehr als einmal ausgesprochen worden, dass die „Ica" ihre Bilanz nicht zu veröffentlichen beabsichtige. Das ist sehr kurz und bündig und — sehr bequem. Aber die Stiftung des Baron Hisch ist eine dem ganzen jüdischen Volke zugewendete öffentliche Institution. Solange es keine öffentliche Meinung im Judentum gegeben, hat sich niemand um die Tätigkeit der Kuratoren dieser Millionen gekümmert. Das neu auflebende Judentum hat sich aber schon eine eigene öffentliche Meinung gebildet und diese wird immer energischer die Forderung erheben, dass ihm Aufklärung werde über die Verwaltung dieser Nationalstiftung. Nur eine subventionierte oder subventionslüsterne Presse kann ohne genaue Kenntnis der Leistungen und Erfolge und ohne Kenntnis der aufgewendeten Mittel von vornherein in Panegyriken und Entzücken verfallen. Was aber mit den 11*5 Millionen (denn diese Summe ist unbestritten) geleistet wurde, das zeigt — der eben aasgegebene Jahresbericht der „Ica4'. Nebenbei bemerkt, ist das nicht wörtlich derselbe Bericht, der den Kuratoren (die, wie das Organ der „Ica" seinerzeit sehrieb, die Mühe sich nicht nehmen wollten, zur Generalversammlung nach Paris zu kommen) zugestellt wurde, sondern ein von einem Sub¬ Komitee für die Oeffentlichkeit redigierter Bericht. Nun, dieser Bericht sieht sich genötigt, in der grössten Mehrzahl der Unternehmungen — Misserfolge zu konstatieren. Während die „freiwillig Gouvernementalen", wie z.B. die Berliner „Jüdische Presse" des Dr. Hildesheimer, vor Entzücken sich kaum fassen können, schreibt der „Jewish Chronicle" in seiner Nummer vom 5. September : „Der Bericht der „Ica" ist kein gleichförmig zufriedenstellendes Dokument. Es ist ein Register verschiedenen Glückes, wobei die Elemente keine unbeträchtliche traurige Rolle gespielt haben. In Argentinien hat die Dürre einen unglücklichen Einfluss auf das im Felde stehende Getreide geübt und hat einen grossen Teil der Schuld an dem Misslingen der Kolonien Moisesville und Entre Rios. Und in Palästina traf die Kolonisten dasselbe Unglück, während die Phylloxera unter den Weinreben Verwüstungen anrichtete. Alle diese Vorfälle sind aber Fügungen Gottes und alle Weisheit der Welt konnte ihnen nicht ausweichen, Sie bilden eine Verzögerung in der Entwicklung der Kolonien zu Selbstständigkeit und Wohlfahrt und dienen dazu, eine Kritik der Tätigkeit der „Ica" herauszufordern. Aber sie sind unvermeidliche Zwischenfälle, mit der jedes grosse Unternehmen dieser Art rechnen muss; und — wie wir früher schon gesagt haben — jedermann, der plötzliche und wunderbare Veränderungen in den Situation der Jndenheit durch die „Icak* oder eine andere Körperschaft erwartet, muss eine Enttäuschung erfahren, N i chtfünf Millionen oder zehn Millionen oder gar fünfzig Millionen werden die Judenfrage lösen. Es ist keine Sache von Silber oder Gold, sondern von gesunder und geduldiger Staatsmannschaft. Sie (die Lösung der Judenfrage) hängt von der Weisheit der anderen und nicht vom Scheckbuche der Juden ab.u # So weit der „Jew. Chr.". Wir sind ganz seiner Meinung? dass nicht das Geld allein die Judenfrage lösen wird — und Dr. Herzl hat es vor der Fremdeneinwanderungs-Kominission präzis ausgesprochen: Es gehört eine grosse Idee und eine Flagge dazu. Und da diese der „Ica" fehlen — so wird ihre Tätigkeit immer nur Kärrner-Arbeit bleiben. Den lehrreichen Bericht der „Ica" werden wir in unserer nächsten Nummer fortsetzen. Der Zionismus in Süd-Amerika. Eine der bemerkenswertesten Erscheinungen in der Geschichte der Entwicklung der zionistischen Bewegung ist die Tatsache, dass der Zionismus sogar dort emporblüht, wo der sogenannte Antisemitismus und andere, den Juden ungünstige Faktoren keine aktive Tätigkeit entwickeln. Man hat bis jetzt diese Tatsache zu wenig hervorgehoben, und doch ist sie im höchsten Masse geeignet, die grosse Anziehungskraft des Zionismus deutlich zu illustrieren. Zu dieser Bemerkung führen uns die Erzählungen eines russischen Reisenden, welcher in der in Odessa erscheinenden Zeitschrift „Juschnoje Obosrenje" („Südliche Rundschau") sehr interessante Reiseskizzen aus Argentinien

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.