Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 37 (12.9.1902)
- Article
- Erste Landes-Konferenz der russischen Zionisten in Minsk
- Date
- 1902-09-12
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 37 hatte einen regen, stellenweise bewegten Verlauf. Namentlich der Antrag, die Föderation „Misrachi* möge einen Beitrag für ihre Agitationskosten aus der allgemeinen Kassa beanspruchen, rief eine stürmische Debatte hervor. Einzelne Vertreter der Vereine des „Misrachi* sprachen sich gegen den Antrag aus, indem sie meinten, der „Misraehi", dem sich bisher bereits 150 Vereine angeschlossen haben, müsse dartun, dass er kein künstliches Gebilde sei und sich selbst erhalten könne. Wenn der „Misrachi" von der allgemeinen Kasse subventioniert werden sollte, würde die „Fraktionu das Gleiche beanspruchen. Schliesslich wurde der Antrag einer Kommission zur Beschlussfassung überwiesen. Die Vorkonferenz des „Misrachi" dauerte bis 1 Uhr nachts. m Minsk, 4. September 1902. In der Vorkonferenz der „Fraktion", die vorgestern abends abgehalten wurde, verlas Herr M o z k i n das Programm der „Fraktion" und kündigte eine Diskussion über die einzelnen theoretischen Punkte des Programms für Samstag den 6. d. ML an. Die'von der Misrachi-Gruppe eingesetzte Kommission beschloss, dass die Gruppe von der Forderung einer Subvention aus der allgemeinen zionistischen Kasse absehen solle. Soeben langte ein Telegramm von Dr. Kohan- B e r n s t e i n an, in dem dessen Erscheinen angekündigt wird. Die „Fraktionisten" nahmen die Nachricht von der Ankunft ihres Führers sehr erfreut auf» Anscheinend war das Unwohlsein Dr. Kohan-Bernsteins nur ein vorübergehendes. Der Andrang vor dem Bureau steigert sich von Minute zu Minute. Die Beamten des Bureaus haben alle Hände voll Arbeit und sind nur mit äusserster Anspannung ihrer Kräfte imstande, allen Anforderungen, die an sie herantreten, genüge zu leisten. Die Ordnung wird von städtischen Polizeiwachleuten aufrecht erhalten. * Minsk, 4. September 1902. Soeben (11 Uhr vormittags) wurde die Landes-: konferenz der russischen Zionisten im Beisein von 500 Delegierten und zahlreichen Gästen aus allen Teilen Russlands feierlich eröffnet. Die Eröffnungsrede hieit der Rayonsvorsteher Dr. Bruck aus Hornel Zum Vorsitzenden wurde Dr. Tschleno w aus Moskau gewählt. Zahlreiche Telegramme sind eingelaufen. Das Begrüssungstelegramm Dr. Herzls rief eine minutenlange, stürmische Ovation hervor. Beifällig wurden auch die Telegramme des Wiener A.-G. und die von dem Delegierten des Odessaer Zentralkomitees der „Ghowewe Zion" in dessen Namen ausgesprochenen Glückwünsche aufgenommen. Minsk, 5. September 1902. Die Eröffnungssitzung. Wie Ihnen bereits telegraphisch gemeldet worden ist, wurde die erste Landeskonferenz der russischen Zionisten gestern mit einer Rede des Rayonsvorstehers Dr. Bruck eröffnet. Auf der blauweiss drapierten Tribüne hatten die anwesenden Mitglieder des grossen Aktionskomitees (liayonsvorsteher) Platz genommen, nämlich die Herren: Rabbiner S. J. Rabbinowitz (Sopotzkin), Professor Belkowsky (Petersburg), Dr. Tschleno w (Moskau), Ing. Wladimir Temkin (Elisabethgrad)Rechtsanwalt Ja sinowsky (Warschau), M. Goldberg (Wilna). Dr. Bruck führte in seiner Eröffnungsrede ungefähr folgendes aus: „ Ich schätze mich glücklich, als zionistischer Vorsteher des Rayons, zu dem die Stadt Minsk gehört, an dieser Stelle im Namen der gesamten zionistischen Organisation unseres Landes die Abgesandten des jüdischen Volkes begrüssen zu könneü, die zusammengekommen sind, um über die Gangbarmachung des neuen Weges zu. beraten, den wir seit nunmehr fünf Jahren wandeln. Es sind nun vier Jahre verstrichen, seitdem sich Vertreter der zionistischen Vereine Russlands zum erstenmale versammelt haben. Heute können wir uns durch den Augenschein von den Fortschritten überzeugen, die wir seither gemacht haben. In allen Gebieten unseres Lebens können wir erfreuliche Veränderungen wahrnehmen, eine Hebung der allgemeinen Lage und eine Steigerung des nationalen Selbstbewussleins. Das höhe Ideal unserer nationalen Wiedergeburt und die auf realen Gmndlagen beruhende Sehnsucht nach der Väterheimat — vor Jahren noch das Besitztum einiger Auserwählten — sie sind zum Gemeingut eines grossen Teiles unseres Volkes geworden. An allen Enden der Erde spriessen die Keime der Wiedergeburt Israels aus dem Dunkel hervor. Wir haben eine ausgebreitete Organisation, Weltkongresse, grosse Versammlungen, ein Aktionskomitee, eine Kolonialbank, zahllose Vereine in allen Weltteilen. Heute ist keiner mehr berechtigt, uns als Träumer und Phantasten hinzustellen, denn die grössten Skeptiker sehen schon die feste Ba^is, auf der wir fussen. Sie sehen, dass unser Streben, uns selbst und andere zu achten, überall Anklang gefunden hat. Auch der politische Stand unserer Bewegung ist konstant und hoffnungsvoll. (Lebhafter Applaus.) Nun, da wir die Frucht unseres heissen Bemühens vor Augen sehen, da wir unsere Arbeit wachsen und alle Herzen gewinnen sehen, dank unseren unermüdlichen Arbeitsgenossen, insbesondsre dem Manne, der an der Spitze unserer Bewegung steht, Herrn Dr. Th. Herzl (stürmischer Beifall.) — nun müssen wir, meine Brüder, uns alle um das Zionsbanner scharen, Hand in Hand dem hohen Ziele entgegenstreben, auf das unser Auge gerichtet ist und um dessentwillen wir uns heute versammelt haben. Ich erkläre die Landeskonferenz für eröffnet." Nachdem Dr. Bruck der Versammlung die Vertreter des Odessaer Zentralkomitees der „Ghowewe Zion" und des „Vereines zur Verbreitung von Aufklärung unter den Juden Russlands" vorgestellt hatte, ging man an die Wahl des Präsidiums. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig Dr. T sc h 1 e n o w (Moskau), zu Beisitzern die Herren Rabbiner Rabbinowitz (Sopotzkin), Ing. Ussischkin (Jekaterinoslaw), Prof. Belkowsky (Petersburg), Ing. Temkin (Elisabethgrad), Dr. Bruck (Hornel), Rechtsanwalt J a s in o w s k y (Warschau), G o 1 d b e r g (Wilna) und Rechtsanwalt Rosenbaum (Minsk) gewählt. Sodann erstattete Dr. Bruck im Namen des am Erscheinen verhinderten Leiters des Informationsbureaus Dr. Jakobsohn aus Sim feropol den Rechenschaftsbericht über die zionistische Tätigkeit in Russland. Herr Losinsky verlas den Kassenbericht. Hierauf referierten die einzelnen Rayonsvorsteher über den Stand und die Ausbreitung der Bewegung in ihren Rayons. Schluss der Sitzung um 2 Uhr nach Mitternacht. Heute begann die Diskussion über die einzelnen Referate. Einunddreissig Redner sind zum Worte gemeldet. Die Rededauer wurde auf 5 Minuten festgesetzt. *