Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Article
- Stimmen der Presse und des Publikums über die Konstantinopler Verhandlungen [Kommentar]
- Date
- 1902-09-05
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 „Die £ Weltp Nr. 36 „blinden Manir, der den Lahmen auf seine Schultern nimmt". Aber diese erreichen zusammen die Trauben, verzehren, sie und freuen sich. Zionisten! Seid guten Mutes und guter Hoffnung! Swansea, den 22. Ab 5662. S. Fyne, Der „Jewish World" erhielt dagegen den folgenden Brief: Herr Redakteur! Jeder wahre Zionist muss dem „Jewish World'* mehr als dankbar sein, nicht nur., weil diese Zeitung immer die Ehrlichkeit der Absicht und Lauterkeit der Gesinnung anerkannt hat, sondern auch stets rühmenswerte Klugheit in allen das Judentum als Ganzes betreffenden Angelegenheiten bewiesen hat. Am Morgen des ID. d. M. — als ich mein Morgenblatt des „Glasgow Herald" öffnete — fand ich darin mit Angabe des „Jewish. World* als Quelle die Nachricht von 3>r. Herzls Besuch in Konstantinopel. Es ist unnötig zu sagen, dass die anderen Blätter kein Wort darüber brachten. Ich möchte sagen, dass, während die, welche der Bewegung feindlich gegenüberstehen und sie als blossen Traum und Unmöglichkeit ansehen, die Verhandlungen als fehlgeschlagen ausrufen, die Zionisten sie sicherlich als einen erfolgreichen Schritt der Darlegung des zionistischen Planes vor Sr. Majestät dem Sultan und seinen Ministem ansehen. Und bevor ich schliesse, gestatten Sie mir, Ihnen tausend Dank zu sagen in meinem und meiner Freunde, der Zionisten von Glasgow, Namen für Ihr bekundetes Zusammengehörigkeitsgefühl. Ihr ergebener P. Weitzmann, Glasgow. * Vergangenen Sonntag fand in Breadalbane Hall in Glasgow eine enorm stark besuchte jüdische Volksversammlung statt, welche von Mr. J. Kramrisch präsidiert wurde, und in welcher nach einer Ansprache des Rev. Silverstone aus Belfast folgende Resolution mit Enthusiasmus angenommen wurde: „Mit Bezug auf "die offizielle Verlautbarung der Verhandlungen zwischen der Regierung Sr. Majestät des Sultans und unserem Führer Dr. Herzl nehmen wir heute in grosser Zahl in Glasgow versammelten Mitglieder, Freunde und Anhänger der zionistischen Sache die Gelegenheit wahr, um unseren freudigen Dank und unsere Anerkennung für die Tatsache auszudrücken, dass die Verhandlungen auf Basis des zionistischen Programms begonnen haben; und obgleich diese Verhandlungen noch nicht zu einem definitiven gegenseitigen Einverständnis geführt haben, nehmen wir die getroffene Entscheidung mit Vertrauen zur Kenntnis und versprechen, mit ungeschwächter Kraft und Eifer dem Zionismus treu zu sein und seine Ideen zu propagieren und zu fördern/*' Die Lage der Juden in Serbien. In Belgrad leben zirka 350 Familien spanischer Juden und etwa 100 Familien deutscher Juden. Die ersteren nennen sich die Erbgesessenen, da sie tatsächlich seit mehr als dreihundert Jahren hier wohnen, wenngleich unter denselben viele türkische und österreichisch-ungarische Staatsangehörige sind. Die letzteren hingegen sind zumeist erst in den letzten Dezennien eingewandert und unter denselben haben sich bereits zirka 30 Familien naturalisiert, da sie zufolge ihres Metiers oder Profession hierzu gesetzlich gezwungen wurden, zum Beispiel Aerzte, Buchhändler, Buchdrucker etc. Sowohl die deutschen als die spanischen Juden bilden je eine Kultus gemeinde für sich und besitzen vollständige Autonomie. Die deutsche Gemeinde, welche ihre Autonomie erst vor zehn Jahren erlangte und deren offizieller Titel „Serbisch - Eskenasisch - Israelitische Kultusgemein de" ist, war früher von der spanischen Gemeinde in gewissen Beziehungen abhängig. Die Juden hierzulande gehören zumeist dem Kaufmanns- und Gewerbestande an, auch in den Provinzgemeinden, wie Nisch, Schabatz etc., welche zumeist aus spanischen und wenigen deutschen Juden sich zusammensetzen. Im ganzen leben in Serbien etwa 2000 Juden, deren grösserer Teil sich mit Import und Export befasst. Dank dem Freigeiste des weiland verblichenen König Milan und des Königs Alexander I. wird hier die grösste Toleranz geübt und geniessen die Juden hier jede Freiheit. Im Verhältnisse zum geringen Perzentsatz der Juden (0'8%) sind hier viele jüdische Offiziere und Staatsbeamte und manche haben es sogar zu Sektionschefs in den Ministerien und zu Konsuln gebracht. Das serbische Volk, stolz auf seine Freiheit und Unabhängigkeit, ist für den Antisemitismus unzugänglich. Die Proselytenmacherei wurde durch die letzte Konstitution des Königs Alexander I. strengstens untersagt, was vollständig uem Geiste des serbischen Volkes entspricht, dessen Wahlspruch noch von Mi 1 o sch dem Grossen her lautet: „brat je mio, ma koje vere bio", das heisst „Bruder nenne ich dich mein, magst du welchen Glaubens sein". Der Freisinn des serbischen Volkes dokumentierte sich auch durch sein Verhalten einem ziemlich angesehenen jüdischen Arzte gegenüber, der öffentlich zum orthodoxen Glauben übertrat, um seine hier errungene Stellung zu sichern, indem es die Achtung für denselben in eine Aechtung verwandelte, und sogar die Presse bemächtigte sich dieses Vorfalles mit einem beissenden Artikel unter dem Titel: „trgovina sa verom" das heisst »der Handel mit dem Glauben". Demungeachtet haben die hiesigen Juden die nationale Bewegung der Gesamtjudenheit, den Zionismus, mit Freuden begrüsst. Hat doch das nationale Judentum mit dem Patriotismus und der Loyalität gegenüber Kaiser und König nichts zu tun. Von Belgrad aus sind auch einige Herren zu den Kongressen in Basel gegangen, und als die Zeichnung der Aktien für „The Jewish Colonial Trust" begann, da meldete sich eine ansehnliche Zahl mit nennenswerten Beträgen. Leider aber wurde das Vertrauen einzelner durch verschiedene Gerüchte der Feinde des Guten und Edlen erschüttert, und so wurde ein Teil der gezeichneten Aktien nicht behoben. Die fortwährenden öffentlichen Ausweise der „Welt" werden jedoch hoffentlich hier wie anderwärts die Leute eines Besseren belehren und dürften viele sich nachträglich zum Beitritte erklären. Letzthin wurde auch hier ein „Zionistenverein" gegründet, der zahlreiche Mitglieder zählt und öfters durch Versammlungen und Vorträge die gute Sache propagiert. Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. Cherson. Die bevorstehende Uebergabe der gegenwärtig unter der Leitung des Domänenministeriums stehenden jüdischen Ackerbau-Kolonien in den Gouvernements Cherson und Bessarabien an das Ministerium des Innern, über welche wir bereits berichtet haben, hat, wie zu erwarten war, unter den jüdischen Kolonisten Aufregung hervorgerufen. Die Ursache dieser Aufregung liegt in der Verminderung des Areals der Kolonisten, welche das Ministerium des Innern plant. Die Verminderung, wenn sie vorgenommen werden sollte, würde insbesondere die familienreichen Kolonisten schwer treffen. Wie die Zeitschrift „Jug* meldet, entsenden die jüdischen Colonisten eine Deputattion unter Führung des Oberrabbiners Dr. K r e p s nach Petersburg, um die Verschiebung der Kolonien-Uebergabe auf das Jahr 1912 zu erwirken. Wir werden über das Ergebnis dieser Angelegenheit rechtzeitig berichten. m Melitopol. Die jüdischen Beamten von Melitopol haben dem Gouverneur von Jekoterinosslaw vor geraumer Zeit ein Gesuch um Erlaubnis zur Gründung eines Beamten- Hilfs verein es unterbreitet. Die Antwort des Gouverneurs verlangte nun, wie der „Krimskij Wjestnik" meldet, dass in der Verwaltung desVereines Juden nur zu einem Drittel vertreten sein sollen. Da aber die Beamten, ausschliesslich aus Juden bestehen, so richteten die Petenten abermals ein Gesuch an den Gouverneur, das aber nunmehr endgiltig abschlägig beschieden worden ist. 9k Dwinsk (Dünaburg). Der Gemeindevorsteher von Dagdensk hat den Gouverneur ersucht, die Wahl eines Juden zum Vorsteher der Kleinbürger-Genossenschaft zu genehmigen. Er motivierte dieses Gesuch damit, dass unter den Christen der Stadt keine zuverlässigen Personen vorhanden sind, welche dieses Amt bekleiden könnten. Wie der „DwinskijListok" meldet, hat der Gouverneur in Erledigung dieses Gesuches der Gemein de-Verwaltung vorgeschrieben, zum Vorsteher der Kleinbürger-Genossenschaft nur einen Christen zu wählen, da die Wahl eines Juden niemals Bestätigung finden wird. * Kursk. Die Schülerin des Staatsgymnasiums von Kursk, die Jüdin Faina Schur, begab sich, mit einem ordnungsmässig ausgestellten Urlaubschein der Gymnasial- Direktion versehen, nach Moskau, um dort die Ferienzeit zu verbringen. Der Oberpolizeimeister von Moskau, General Trepow, wies sie aus Moskau aus, weil sie angeblich kein Wohnrecht in Moskau besitzt» Er forderte ausserdem den