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Die Welt · 1902-09-05 · 36 (5.9.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
36 (5.9.1902)
Article
Stimmen der Presse und des Publikums über die Konstantinopler Verhandlungen [Kommentar]
Date
1902-09-05
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3« M^W-^tii^ Seite 5 der Satten. ■ I>er satte Jude schimpft gerne ein wenig auf antisemitische Behörden und Leute. Er sieht sich gerne gedrückt. Er tratscht gerne über Verhältnisse in der Gemeinde. Er hört die Juden gerne nur gelobt. Den Stoff dazu liefert ihm diese Presse. Ausserdem noch eins. Auch der aufrüttelnde Zionismus passt den satten Brotgebern dieser Presse nicht. Oefters fehlen hundert Zeilen im Blatt. „Töten Sie ein bisschen den Zionismus," befiehlt der Herausgeber, und im nächsten Moment liegen wir am Bouen. Diesmal war's besonders gefährlich. Und feierlich! Ein Begräbnis erster Klasse in einem Leitartikel. Und was brachte diese Aufregung? Aus den letzten Verhandlungen Dr. Herzls in Konstantinopel fabrizierten die Hoehedeln auf der Drehbank einen gänzlichen Misserfolg der zionistischen Bewegung. So antwortet man auf eine offene und ehrliche Mittheilung, freiwillig im Bewusstsein ehrlicher Absieht und ehrlicher Arbeit gegeben. In einem reichsdeutschen Blatte ist zum Beispiel zu lesen: „Haben wir es nicht immer gesagt, dass diese Bittgänge Dr. Herzls nach Konstantinopel zwecklos sind? Er hätte sich und dem jüdischen Volke diese Demütigung ersparen können." In der Veröffentlichung heisst es aber deutlich, dass Dr. Herzl durchaus nicht pilgerte, sondern vom mächtigen Herrscher der Türkei telegraphisch berufen wurde und während der ganzen Zeit sein Gast war. Unten wurde unser Führer mit Ehren und Aufmerksamkeiten überschüttet. Man beruft doch niemanden zu Verhandlungen in der Absicht, schroff „Nein!16 zu sagen. Dies geschah auch gar nicht. „Die Zugeständnisse, die Se. Majestät einer jüdischen Ansiedlung zu machen sich bereit erklärten, konnten nichl als ausreichend nach unserem zionistischen Programm erklärt werden. Die Verbindung ist keineswegs abgebrochen/' So steht es wörtlich in der Veröffentlichung. Wer wie ein ehrlicher Mensch einem ehrlichen Menschen glaubt — und die Wahrheit der Mitteilung anzuzweifeln erkühnt sich ja niemand — der kann aus diesen Worten nur ersehen, dass das „Nein!" nur ein halbes war und jedenfalls kein endgiltiges, und dass Dr. Herzl zu seiner Aeusserung berechtigt war, dass die Verhandlungen noch ein positives Resultat bringen würden. Unser wackeres Blatt aber druckt nach der Mitteilung den schwungvollen Satz: Damit ist der Zionismus zu Ende. Also sprach Zarathustra. Nur dass wir Zionisten mit unserer unmodern geradlinigen Denkart eher einen Erfolg als einen Misserfolg in der Konstantinopler Mitteilung finden. Allerdings, wenn es nach den Wünschen gewisser Koulissenschieber der Politik ginge, wäre morgen schon die Hoffnung des jüdischen Volkes ein wesenloser Schein. Der Humor hat übrigens bei diesem letzten Feldzug der antizionistischen Blätter nicht gefehlt. Da gibt es ein englisches Blatt, das sein Lebelang dem Zionismus Prügel zwischen die Füsse geworfen hat. Auch diesmal stellt es diesem seinen gedruckten Totenschein aus. Im selben Artikel fühlt sich das Blatt berufen und berechtigt, Aufschluss darüber zu verlangen, was in Konstantinopel eigentlich vorgefallen sei. Denn nicht nur der Zionismus, sondern das ganze jüdische Volk habe ein Interesse daran, das zu erfahren. Wir Zionisten bitten das Blatt um ein klein wenig Geduld! Wir werden gewiss nicht ermangeln, seinen Chefredakteur in unser engeres Aktionskomitee zu wählen, damit er über jeden Punkt der Konstantinopeler Verhandlungen informiert ist. Aber wir sind doch tot, kein Hahn kräht mehr nach uns! Was pocht also das englische Blatt an die Pforten unseres Grabes? Will es uns durch seine Mitarbeit wieder erwecken, oder durch seine Gegenarbeit vollends erschlagen? Je öfter einer totgesagt wird, meint das Volk, desto länger lebt er. Wir laden die antizionistischen Schriftsteller ein, die letzten Berichte über unsere Bewegung zu lesen. Das sind lauter Berichtigungen für ihre —> nennen wir es Werke. Der Zionismus ist grossgeworden und wächst, weil er der Lebensschrei des wiedergeborenen Juda* der Schrei nach der Heimat, weil er die Notwendigkeit seine« Elends ist. Eine impulsive Volksbewegung findet immer die Geister, deren sie bedarf, immer die Mittel, um ans Ziel zu kommen, wenn auch noch so viel Irrlichter am Wege tanzen. Der Zionismus wird sterben, wenn das jüdische Volk stirbt, mögen noch so viele Volksverräter sich darum bemühen. Das englische Leserpublikum steht mit feiner Zeitung in viel engerem Kontakte als bei uns. Es besteht ein Wechsel- und Korrespondenzverkehr zwischen beiden. Bei jedem Anlasse greift der Leser zur Feder und die Zeitung gewährt seinen Auslassungen, Beschwerden, Anregungen Raum. Interessant sind nun zwei Briefe, welche der .,Jewish Chroniole" aus Anlass seiner Haltung dem Zionismus gegenüber, speziell bei Besprechung der Konstantinopler Verhandlungen, aus dem Kreise seiner Abonnenten erhalten; hat und in seiner letzten Nummer mit sauersüsser Miene publiziert. Der erste Brief lautet: Mein Herr! Es scheint mehr zu sein als eine Unterströmung von schlecht unterdrückter Freude, welche in den sogenannten jüdischen "Wochenschriften jenseits des grossen Wassers zum Ausdrucke kommt anlässlich der Nachricht von des Sultans leerer Sympathie mit der grossen Sache, welche die Zionisten vertreten. Fünfzig Jahre früher hätte die Nachricht von der Verschiebung von Israels süssester Hoffnung ganz Israel in die tiefste Trauer versetzt. Heute hat der modernisierte Jude nicht allein den Ruhm seiner Ahnen überlebt; er würde gut daran tun, auf seiner abschüssigen Bahn innezuhalten, um sich selbst zu fragen, ob die Anbetung plumper Teraphim etwas anderes ist als Abgötterei und der Sklave der Umstände etwas anderes als ein Sklave. Niemals seit der unter Führung des unsterblichen Schreibers erfolgten Rückkehr der Juden zur Wiederaufbauung des Tempels gab es eine Bewegung, welcher die verfolgte Rasse mehr "Vertrauen entgegenbrachte als der, welche Millionen trauernder Herzen zu hoffnungsvollem Gebet und Sympathie erbeben macht. Ach! ist es bloss eine flackernde Morgendämmerung am Rande des grauen Horizontes^ so ist es doch für wenigstens drei Viertel des gemarterten Israel ein Lichtschimmer in der endlosen Nacllc voll von herzbeklemmendem Alpdrücken. Es ist bei klarer Fassungskraft zu begreifen, warum die verlorenen, fälschlich Reformjuden genannten Sühne Israels die Idee einer anderen Erlösung verspotten, obgleich grössere Dinge in unserer epischen Geschichte nicht gelungen sind. Unwissenheit, materielles Gedeihen und selbstsüchtige Motive machen diese Leute unfähig, solche Eindrücke zu besprechen., welche die törichte, unnachgiebige Natur des historischen Sohnes Judas bilden. Aber was sollen wir von unseren heiligen Orthodoxen denken, welche dreimal täglich für die Wiederaufrichtung Zinns ihr Gebet erheben und eiligst die Flucht ergreifen, wenn die Verwirklichung ihrer Gebete ihnen als mögliches Ereignis vorgehalten wird? Wenn dies ehrliche, männliche Festigkeit ist, was ist dann drollige Unbeständigkeit? Politische Erwägungen mögen die Zurückhaltung gewisser Personen von der grossen Bewegung gerechtfertigt erscheinen lassen, aber die Freude über ihren augenblicklichen Misserfolg — einen Misserfolg., den jedermann, der nur irgendwie mit tückischen Wegen und Launen vertraut ist, nicht gerade als Ursache zur Verzweiflung ansehen wird — ist s i e h & r 1 i c h ebenso u n j ü d i s c h w i e u in m ii n, n 3 i c h und verächtlich. Die zionistische „Utopie" ist der bedeutendste Ausdruck der unveräusserlichen Ansprüche der Juden seit den Zeiten des Titus Vespasianus, ja das einzige grosse bemerkenswerte Begebnis in der Geschichte der modernen Juden. Möge der Rest unseres sonderbaren farblosen Judentums mit seinen verschiedenen Abarten, die einen in Zweifel lassen, ob man über sie lachen oder^ weinen soll, ungerührt bleiben. Es wird dies mit Stahl und Eisen in der Geschichte eingeschrieben werden, und es wird dabei wenig Platz übrig bleiben für den Ruhm unserer geräuschvollen kleinen grossen Männer. Ihr ergebener Henry Iliowizi.*) 63. Colli ngwood Avenue, Mus well Hill ST. Der zweite Brief lautet noch schärfer: Mein Herr! Die erfolglose Mission Dr. Herzls nach Konstantinopel hat Ihnen Material zu Kommentaren geboten, und derjenige, der sich die Mühe gibt, zwischen den Zeilen zu lescu, muss den schlecht verhehlten Jubel über dieses Fehlschlagen erkennen. Für regelmässige Leser des ,.Jew[ish Chronicle", welche dessen Haltung in der Frage die ganze Zeit über kennen, war diese Haltung nicht überraschend. Eine Ueberrasehung wäre im Gegenteile am Platze, wenn Ihre Kommentare anderartig gewesen sein würden/' Aber was bei dieser Gelegenheit eine kleine Ueberrasehung gewesen war, ist vielleicht, dass der „Jew. Chr." — sonst so schar!sinnig in allen weltlichen Hingen —■ so gänzlich ausserstande ist, das gigantische Werk I)r. Herzls zw würdigen und seinen nicht erzielten Erfolg, bei seinem dritten Besuche vom Sultan den gewünschten Charter zu erhalten, als Beweis ansieht, dass das Projekt nie Erfolg haben werde. Als ob der Sultan bloss auf Dr. llersd gewartet hätte, um seinen Plan anzunehmen! Für den gerade gestalteten Geist besteht das Wunder — wie mir seheinen will — nicht darin, dass der Sultan noch nicht alles zugestanden hat, was Dr. Herzl verlangt hat, sondern dass er das Ersuchen in Betracht gezogen, dass er einige Anerbietungen gemacht hat. Und das ist ein gutes Vorzeichen für den endlichen Erfolg des Zionismus und verdient die herzlichsten "Beglück - wünschlingen. Denn es ist in der Tat weit mehr, als der Sanguinischeste unter uns (den Herausgeber des „Jewish Chronicle" vielleicht ausgenommen) jemals bei Eröffnung der Verhandlungen erwartet hat.... Dr. Herzl wird weiter drauf losgehen und wird zuletzt Erfolg haben. Der Sultan wird — nach seiner gnädigen und wohlwollenden Hultimg dieser grossen Frage und der Tatsache gegenüber, dass er doch schon einige Zugeständnisse gemacht hat. zu urteilen — zum Schlüsse alles gewähren. Kombination und Allianz — das sind die Tageslosungen; und die Türkei kann keine bessere oder verlässlichere Allianz schliessen als mit den Juden. Es ist vielleicht der Fall vom *) Henry 11 i o w i z i ist ein feinsinniger Dichter und Schilderer russisch-judischein Lebens.

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