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Die Welt · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Article
Der 24. August 1349 in Mainz
Date
1902-08-29
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 ißle 2$Wt$t** ' Nr. 35 naeli jedem Satz auf das Judenviertel mit gestrecktem' Arm herunterwies und der wahrnehmbare Zuruf und die emporgehobenen Arme der Menge zeigten deutlich den Beifall seiner Zuhörer, ^saftali konnte sieh die Worte wohl dazu denken. Eilends stieg er von der Mauer herab und bald darauf standen dreihundert junge Leute am Ghettotore, entschlossen, ihr Leben teuer zu verkaufen. Bestürzt hatten die Aeltesten den Eabbi gefragt, was jetzt zu tun sei. Sie waren verwundert über das Lächeln, mit dem der Kabbi ihnen antwortete, man möge den Trauergottesdienst abbrechen, denn es nahe der Sabbat und es zieme sich, die hohe Braut mit Ehren zu empfangen. Bald aber ging aus dem Herzen des hohen Iiabbi ein stählerner Strom grossen Mannesgeistes in die Herzen seiner Umgebung über und von einem gemeinsamem Gefühl ergriffen, umarmten die Todgeweihten einander zum Abschied, als sie ihre letzte EatsVersammlung schlössen. Keinen Jammer, keine Klage hörte man im Ghetto, wo schon alle wussten, was bevorstand. Die Mütter gaben ihren Kindern die letzten Küsse, die Väter erzählten vor glühenden Wangen die Geschichte der Mutter, die mit ihren sieben Söhnen einen martervollen Tod für ihren Glauben fand. Dann strömte alles im hell-erleuchteten Tempel zum Sabbatfreudendienste zusammen. Zur selben Zeit ging durch die Keinen Naf talis eine starke Bewegung. Man hörte eine tobende Volksmenge, aus deren Lärm schrille Gesänge hörbar wurden, dem Ghettotor immer näher kommen. Fester griffen die Braven ans Schwert, denn schon stand der brüllende Haufe vor dem Tore und „Tod! Tod den Juden!" stürmte es wie ein Ozean. „Auf! Macht auf!" schrien die Wahnsinnigen draussen und Axthiebe donnerten in das Tor. Das dauerte ihnen aber zu lange und schon sah man von drüben Leiteronden hinüberragen. „Auf die Mauer!" schrie jNaftali. Behend klommen die Jungen hinauf. Rusch waren die Leitern umgestürzt, aber immer neue Mörder kamen herauf mit vertiertem Gesicht. Unten sangen unentwegt die Geissler ihre aufgeregten Hetzlieder, oben trommelten jüdische .Schwerter ein tapferes Amen. Aber was war die Handvoll! Einer nach dem anderen sank mit verglastem Auge zu Boden, den Blick nach oben gerichtet, zum Himmel, für den er gestorben. AViitend stiess die feige Meute ihre Lanzen in die Leichen der Verteidiger, deren jede auf einem Leichenhügel seiner Feinde lag. Im Tempel drinnen nahm der Gottesdienst seinen Lauf. Die Sabbatbraut war eingezogen und wurde mit Gesang gefeiert. Bald wurde es eine Totenbraut und ein Totengesang! Deutlich hörte man draussen das Hasen der eingedrungenen Mörder. Lautes Weiber schluchzen und Weinen der Kinder tönte in die Andacht der Männer. Die aber schauten unentwegt auf den Eabbi, der heiter dem Vorbeter antwortete, wie's dem jüdischen Frommen ziemt. Er hörte auch nicht auf, als der Flammenschein des brennenden Ghettos in den Fenstern lohte; er hörte nicht auf, als ein Steinregen durch die zerschmetterten Fenster herein prasselte. Laut schrien jetzt die Weiber, denn krachend stürzten die Synagogentüren zusammen und mit einem Kruzifix voran stürzte eine brüllende Menge mit Fackeln und Lanzen in den Innenraum. Einen Moment noch blie- Ixm die Vordersten scheu stehen, denn mit imposanter Majestät war der Eabbi auf die Bundeslade zugeschritten, hatte daraus eine Thorarolle genommen und sie entrollt. Er hielt sie4 hoch über seinem Haupte. Das Gesieht der Gemeinde zugewendet und mit Prophetenstimme trug er seinen Brüdern sein und ihr Stertegebet vor: „Höre Israel, dein Gott ist einig — einzig! Gott ist der Herr, Er war, Er ist, Er wird immer sein \" Von dieser Hoheit gestärkt, hörten, auch die Weiber auf zu weinen. Einen Moment war es stille. Dann aber schrie es aus dem Haufen: „Werdet Christen oder sterbet!" Statt aller Antwort sang die Gemeinde: „Vor dir beugen wir das Knie, o Herr der Heerscharen!" Mit dem Aufschrei der Wut schwangen darauf die Mordbuben ihre Waffen und rechts und links fielen die Opfer der Ehre des Gottes Israels, sein Lob auf den Lippen. Ein Haufe stürmte zum Erker der Weiter hinauf. Da warfen die Geängsteten ihm die Gebetrollen entgegen. War's ein Wunder, war's das glatte Pergament? Die Vordersten verloren ihren Halt; sie fielen wuchtig zurück und erdrückten manchen des Gesindels. Dann aber schwangen sie die Fackeln und knatternde Flammen schlugen aus dem Holzerker hervor, von dem sich die Beterinnen in die Tiefe stürzten, ihre Kinder im Arm. Nur mehr der Eabbi stand noch aufrecht vor der Bundeslade und sang mit der Miene eines Triumphators den Psalm zu Ende. Da hielt ihm ein Mönch in brauner Kutte das Kruzifix vor die Augen und schrie: „Küss1 das, Jude! Und du lebst!" Da lächelte der Eabbi nur und küsste die heilige Eolle. Der Mönch winkte und inmitten der brennenden, Synagoge lag entseelt der tapfere Führer der Helden. Eotcs, schreiendes Blut sickerte langsam durcii seine weissen Haare und vereinigte sich mit dem Strome, durch den die Mörder herauswateten, während der Mönch ihr Lied anstimmte: „Wenn die Ketzer von uns weichen —" Er kam nicht weit. Plötzlich stob alles um ihn auseinander, denn er wand sich mit blauem Gesicht auf dem Boden. Er war der Pest verfallen. Eilend zogen seine Begleiter weiter. . . . Da fiel noch einer um — noch einer — viele . . . In wahnsinniger Angst liefen die Scharen. Aus dem Rauche der brennenden Häuser formte sich ein entsetzliches, riesiges Gespenst, das mit Feuerrnten nach ihnen sehlug, mit schrillem Pfeifen sie verfolgte. Da zertraten die Mörder einander, schlugen den Vordermann nieder. — - Der Weg aus dem Ghetto lag voll qualvoll Sterbender. ' J. U p f i m n y. Briefkasten- Frauen- und Mädchensektion „Hascfcachar" in ßieiitz: Herzlichsten Dank und Zionsgruss.! nnai nna San n o^arstn ijtik bx-ito* pK ^nna riTaa nana npiö nipa l^nwn Gesinnungsgenossen! Agitiert beizeiten für den Vertrieb von Palästina-Ethrogim! Spenden. Für den jüdischen Nationalfonds: Sektion „B'neh ZionÄ, J. H. Ellmann in Tulcea 250 Lei Kronen 238.45, Verein ^Tikwath Z''onu in Ceres (Südafrika) zum Andenken an Jakob Herzl, gesammelt durch J. Kirsch : J. Kirsch, B. Sher, A. H. Miller, M. Estermann, Hermann Miller, L. Goldberg. J. Sher, H. Weinrich, M. Davidofsky, M. Goldstein, Morris Davidofsky, M. Danemann, H. Danemann, Frau S. Danemann, Samuel Danemann, D. Kilmann, L. Abrahams, J. Bloem, Ben. Green, M. Green, zus. Kr. 360.—, Brüder Krachmalnik, O lessa zum Andenken an ihre im 81. Lebensjahre verschiedene Mutter Frau Ida Lwowna Krachmalnik 251.40, Zionistenverein in Astrachan 252.—, Komitee des Zionistenvereines in Tula (M. M. Bamdas, A. L. Blumenthal, S. W. Kogan, M. M. Kogan, B. E. Katzenelson, A. J.Karpilowsky, Ch. Kriwitzky, Sch. Medalje, S. Kabinowitz, G. M. Safren, J. Saslaw, L. G. Sladkin, J. M. Steingold, Abr. Schlagmann, Aron Schlagmann, A. Talant, N. J. Turin, L. S. Zetlin, B. Zenziper) zus. Kr. 252.52, Gustav Auerbach, Warschau, derzeit

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