Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 35 (29.8.1902)
- Article
- Der 24. August 1349 in Mainz
- Date
- 1902-08-29
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr, 35 „Die # Welt" Seite 13 Ecke sass ein schlanker Jüngling, schweigend, mit verschränkten Armen. „Friede mit euch \" „Friede mit ganz Israel. Habt ihr etwas auf dein Herzen, so sprecht. Will euer Kranker Pflege, so führt mich zu ihm. Seid ihr ein Gast, so seid willkommen. Mein Knabe soll euch Lager und Zehrung weisen," sagte der Rabbi. „Mir nur so viel als die Füsse brauchen, um mich zu tragen. Wenig bedarf der Mensch, dessen Herz voll Jammer ist über Israel." „Du sprichst mit Jeremias Munde! Was bringst du?" „Entlasse den Knaben," antwortete der Gast. „Sonst mag wohl der Jammer des Kindes Verwirrung in deine Gemeinde bringen/4 „Sprich nur, es ist mein Sohn, ein Stück meines Herzens und verschwiegen wie dieses. Ein Mann jst es, kein Kind! Doch du scheinst Schweres zu bringen?<c „Schweres, ja schwer lastet die Hand des Ewigen auf unserem Yolke. Höre die Botschaft, die Rabbi Meir vom Totenbette an Rabbi Esra sendet." „Wie? Rabbi Meir ist tot?" „Er und alle Brüder in Frankfurt. Und das ist meine Botschaft: Du mögest dich vorsehen, denn die Lügen der Hölle leben im Kopfe unserer Feinde. Der schwarze Tod bringt sie zum Wahnsinn und so haben sie aufgebracht, wir hätten ihre Brunnen vergiftet. Zu Hunderten sind unsere Brüder in Oesterreich, in Deutschland und im Lande der Berge auf den Scheiterhaufen geschleppt worden. Aber doch blieben viele am Leben. Nun aber ist das Ende aller Tage über Israel gekommen. Scharen von Wahnsinnigen ziehen von Stadt zu Stadt; Geissler nennen sie sich. Bis zum Gürtel nackt, schlagen sie sich mit Geisseln und singen wilde Lieder an ihre Götter um Verzeihung von ihren Sünden. Ueberall horcht man erregt auf die Gesänge und auf die Beden ihrer Führer. Die schreien aber laut, die grösste Sünde wäre es, Ketzer in den Stadtmauern zu dulden und das sei der Grund der Heimsuchung des Landes. Das Volk zieht in Massen den Wanderern nach, die rings um unsere Wohn statten schreiten mit auf reizendem G esang. Und überall, wo es geschah, hat das Volk das Ghetto erstürmt und kein Leben entging dem Schwerte. Kein Jude lebt in Speyer, keiner in Strassburg, keiner in Worms. Ein Sabbat liegt dazwischen. Da kamen sie auch nach Frankfurt. Unsere Brüder, vor teil Unholden zitternd, zogen den Feuertod ihrem Schicksale vor. Als das Volk in unsere Strassen eindrang, schlugen ihm aus allen Häusern Flammen entgegen, ein Wall zwischen dem sterbenden Juda und seinen Feinden. Kur mich hat Rabbi Meir im Kamen Gottes beschworen, flüchtend den Geisslerscharen voran zu eilen, dass du Botschaft hättest zur Flucht, oder Schutz zu suchen beim mächtigen Bischof. Handle nach deiner Weisheit." Viel fragte noch der Eabbi, dann aber geleitete er den müden Boten zur Kuhe. Als er zurückkam, war der Knabe verschwunden. In seinen Sorgen beachtete es der Vater nicht. Bis zum Morgengrauen durchmass er das Zimmer. Fliehen? Wohin? Zu den nordischen Heiden? Auf den Fluss? Alle Schiffe waren weit fort, beladen mit Leuten, die der Pest entflohen. In ihren Mauern hatte die Gemeinde einen schwachen, aber doch einen Schutz. Sechstausend Menschen mit Weib und Kind waren für eine Flucht zu langsam. Schutz suchen? Der Krzbischof war. längst vor der Pest entwichen. Mit klaren Augen sah er, dass seine Gemeinde hilflos dastand, wenn es dem Pöbel gefiel, sie zu vernichten. Sein gemartertes Herz erleichterte sich im Gebete und wie zum Tröste sprach er endlich laut die Worte: „Ohne seinen Willen fällt kein Haar von des Menschen Haupte. Siehe, er schläft und er schlummert nicht, der Hüter Israels lu Wie ein Gotteszeichen blitzte der erste Sonnenstrahl durchs Fenster und goss Wärme in das erstarrte Gemüt des Trauernden. „Vater!" Durch die offene Türe flog Kaftali auf seinen Vater zu und küsste ihm die Hand. Der Rabbi zog seinen Sohn' empor und drückte feuchten Auges einen langen Kuss <mf dessen Stirne. Er mochte sterben, er war alt; aber es schauderte ihn bei dem Gedanken, dass diese junge Kraft diese knospende Menschenblüte ins Grab sinken soll. „Vater," sprudelte es über die frischen Lippen. „Du hast gewiss die ganze Kacht mit Sorgen verbracht. Sorg' dich nicht, Vater, uns wird nichts geschehen. Du weisst, dass Matatjahu mit dreihundert Kriegern das ganze Heer der Syrer besiegt hat. Nun weisst du, Vater, wir haben auch dreihundert Krieger. Als gestern der Fremde kam, da dachte ich an Matatjahu und weisst du, ich ging noch am Abend auf die Gasse und Hess den Pfiff ertönen, auf den. wir uns als Knaben versammelten. Und obwohl sie ihn schon lange nicht gehört hatten, kamen doch die jungen Leute herunter. Sie mussten Stillschweigen geloben und dann erzählte ich ihnen alles und weihte sie in meinen Plan ein. Avigclor, der Waffenhändler, ist verreist und sein Sohn hat die Schlüssel. Dort gibt es Waffen genug; dass ich/s dir kurz erzähle, wir haben dreihundert junge Leute gesammelt, wir haben jeder ein Schwert und einen Helm und so lange wir leben, wird kein Feind das Ghetto betreten/' Stolz erfüllte den Rabbi bei den Worten seines Sohnes. Mitgerissen von dem Heldengeist des Jünglings, sagte er: „Gut. Es mag sein. Ihr sollt die Wache am Tore halten. Kur verhüte. Gott, dass eure Waffen blutig werden. Jetzt aber geh7 und rufe die Aeltesten der Gemeinde." Nach kurzer Beratung gingen die Männer schweren Herzens nach Hanse. Ausharren und Gottvertrauen, anderes konnten sie nicht beschliessen. Der Eabbi ordnete fortwährende Tauergottesdienste an.-------- Am nächsten Tage meldete der zur Aufmerksamkeit angespornte Wächter eine freudige und eine Trauernaehricht. Seit gestern war die Seuche im Ghetto erloschen; aber auf der Strasse längs des Rheines näherte sich ein auffallender Menschenhaufe. Der Wächter musste sofort alle Tore schliessen; alle Fensternach der Manerseite mussten verhängt werden, nur der Rabbi und die Aeltesten schauten verstohlen auf den Zug herab. Halbnackte Gestalten, denen, der Irrsinn aus den Gesichtern sprach, einige hundert an der Zahl, schwangen Lederriemen und Peitschen, mit denen sie sich zerfleischten. Ihnen voran wurde ein grosses Kruzifix getragen und ein Vorsängt1]' stimmte Lieder an, die der Chor dann wiederholte. Und alle Lieder, das hörten die Zuschauer entsetzt, klangen aus in den Refrain : „Wenn die Ketzer werden weichen, wird Maria Hilfe reichen." Hinter dem Zuge lief viel Volk einher, freches Gesindel, hungrig von der letzten Plünderung, gierig auf neue; mau sah viel Fäuste sieh drohend gegen das Ghetto erheben. An wem der Zug vorüberging, fiel in die Knie und wurde vom führenden Mönch laut aufgefordert, mitzugehen, auf dass er teilhaftig werde des Heiles. Naftali hatte auf der Mauer, die das Ghetto gegen den anderen Stadtteil abschloss, einen Späherposten bezogen. Plattgedrückt auf die Steine, hatte er Ausblick bis auf den Markt, wo eben der Geisslerzug unter ungeheurem Zulauf der Bevölkerung Halt machte. Die monotonen Gesänge verstummten, das Kruzifix wurde in die Erde gepflanzt und vor demselben hielt jetzt anscheinend der Priester eine Rede. Was er sprach, konnte Kaftali nicht verstellen. Kur das eine sah dieser, dass der Priester