Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 35 (29.8.1902)
- Article
- Die rumänische Judenfrage
- Date
- 1902-08-29
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315995-3324158--34317-3324294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 1× ep/1044655
OCR text
Seite 6 „Die # Weit* Nr. 35 genau die Verteilung der Gegeilstände auf die einzelnen Tage und Stunden vor. Wieder rnnssten sich die Juden fügen. Aber all das hindert eifrige, der sogenannten „Kulturliga" angehörende Schulinspektoren nicht, lokale, hygienische, analytisch-programmatische oiler sonst allerlei Bedenken herauszufinden, um die Eröffnung von Schulen zu hindern oder bestehende Schulen zu schliessen, wie letzteres beispielsweise seit einem Jahre in dem Jassyer Bezirke so durchgreifend von Herrn Mustazza geübt wird. Ein anderes Kap'itel! Die Ausweisungen. Wir wollen einen Fall erzählen. In Jicila, Bezirk Tulcea (Dobrudscha), lebte ein sicherer Abraham Goldmann, 37 Jahre alt, verheiratet, Vater von vier Kindern. Der Mann hatte vier Jahre in der rumänischen Armee gedient. Mit Ausnahme dieser Militärdienst]ahre hatte der Mann ununterbrochen in seinem Geburtsorte Jicila gewohnt. Er besass dort ein kleines Feld, vier Hektare, welches er selbst bebaute, und hatte sogar noch Staatsländereien in Pacht, zwölf Hektare, wofür er den Jahreszins per 120 Francs pünktlichst entrichtete. Um denselben Zins wurde, als der Pachtvertrag im Jahre 1900 zu Ende ging, die Pacht einem echten 3tfational-Rumänen verliehen. Der Grund für diesen Wechsel in der Person des Pächters war offenliegend ein konfessioneller. Nun geschah aber noch mehr. Der Mann, dem der Bürgermeister amtlich bestätigt, dass „er sich des besten Rufes erfreut", erhielt einen mündlichen Ausweisungsbefehl ohne irgend eine Begründung. Ein paarmal erstreckte der Bürgermeister die Ausweisung. Endlich, im Frühjahre 1902, musste dem Befehle des Präfekten Folge geleistet werden. Der Mann musste um jeden Preis, um 80 Francs per Hektar, sein altes Besitztum losschlagen. Der ausgediente rumänische Soldat musste seinen Geburts- und Heimatsort verlassen; er, seine Frau, seine vier unmündigen Kinder und dazu noch seine alten Eltern, welche seit Menschengedenken dort gewohnt hatten! Solche Fälle kommen zu Hunderten, seit Jahren zu vielen Tausenden vor, nur mit dem Unterschiede, dass zumeist andere Bürgermeister weit unmenschlicher vorgehen: dass die Unglücklichen plötzlieh aus ihren Wohnungen aufgestöbert, mit Familie und ihren geringen Habseligkeiten auf Wagen geladen, mit Sack und Pack bei jeder Jahreszeit — auch im strengsten Winter — bis ausserhalb der Ortschaften befördert und auf freiem Felde abgelagert werden. Der Aufenthalt im Dorfe ist dem ,,Fremd-EinheimLcchen" verboten; und um dieses Verbot wirksamer zu machen, ist eine grosse Zahl kleiner Städte als Marktflecken oder Dorf erklärt worden. Und da fragt man nach den Ursachen der Auswanderungs- Bewegung, welche allerdings dem Lande sehr zu Schaden gereicht! Als ein Wunder möchte man es ansehen, dass solches Leid und Weh ein Menschenalter hindurch in immer steigendem Masse erduldet werden konnte! Heute sind es nicht allein die Unbemittelten, auch Angehörige der bemittelten, der sozial höhergestellten Klassen sind es, welche sich anschicken, das Land zu verlassen. Während erstere sich in Gruppen zusammentun, um sieh die Auswanderung zu ermöglichen, gehen die letzteren daran, ihre kaufmännischen Geschäfte, ihre industriellen Unternehmungen zu liquidieren und den Wanderstab zu ergreifen. Korrespondenzen und Telegramme. i Die Juden in Russland. Petersburg. Das russische Gesetzblatt publiziert eine vom Zaren sanktionierte Verordnung des Kr.iegsrates über die Regelung der Statuten über die Naphtha-Industrie Russlands. In dieser Verordnung fand ein neuer Paragraph Aufnahme, demzuiblge den Juden der Ankauf von Naphthaquellen am Koban und im Terekgebiete untersagt wird. w Sewastopol. Infolge Auftrages des Ministers für Volksaufklärung hat der Stadthauptmann von Sewastopol die einzige jüdische Elementarschule der Stadt geschlossen. Motiviert wird diese Massregel damit, dass die Kosten der Erhaltung dieser Schule, deren Zöglingszahl nur 45 beträgt, sich auf 500Rubel jährlich belaufen. Bemerken wollen wir, dass diese Kosten von den Juden selbst bestritten werden .... * Petersburg. Das hiesige Polytechnikum publiziert die Liste der in diesem Jahre aufgenommenen Hörer. Im ganzen wurden 280 Studenten aufgenommen, darunter nur fünf Juden. m Nowo-Poltawka. Die Errichtung einer landwirtschaftlichen Schule für die Kinder der jüdischen Kolonisten in Nowo-Poltawka, welche bereits in Angriff genommen werden sollte, wurde plötzlich eingestellt, angeblich aus Mangel an Mitteln. * ' * Bary (Gouvernement Podolin). Die Juden von Bary betreiben ausschliesslich Tabakbau, von dem sie sich und ihre Familien erhalten. Den Grund und Boden für die Tabakplantagen hatten die Juden bis jetzt bei der Stadt Bary gepachtet. Nunmehr hat der Gemeinderat von Bary die Pachtverträge mit den Juden annulliert und beschlossen, den Juden Grund und Boden nicht mehr zu verpachten. Dieser Beschluss wurde zwar auf höhere Weisung rückgangig gemacht, aber der Gemeinderat will seinen Plan dennoch durchführen. * Pruschany (Gouvernement Grodno). Wie die „Nowosti" melden, hat der neue Gouverneur von Grodno, Kammerherr Stolypin, unlängst die jüdische Stadt Pruschany besucht und Vertreter der Judengemeinde in Audienz empfangen. Kammerherr Stolypin sagte in seiner Ansprache an die Vertreter der Judengemeinde Folgendes: „Mir ist wohl bekannt, dass in den Städten des jüdischen Ansiedelungsgebietes eine schreckliche und erschreckende Armut herrscht. Aber ich kenne den sehr entwickelten Wohltätigkeitssinn der Juden, den ich hochschätze und mit allen Mitteln zu fördern bereit bin." * Kiew. Die schreckliche Wetterkatastrophe, deren Schauplatz unlängst Kiew war, hat zahlreiche jüdische Familien zu Bettlern gemacht. Viele arme jüdische Familien büssten auch ihre Ernährer ein, da die Wetterkatastrophe die im Erdgeschoss liegenden Wohnungen dieser Armen überschwemmt und viele Menschenleben vernichtet hatte. Die verarmten Familien werden vorläufig von der jüdischen Volksküche in Kiew gespeist, für ihre Zukunft aber konnte nicht gesorgt werden. #• Der „Morning Leader" schreibt: Die Gesetze gegen die Juden in Rusland sind fo drastisch geworden, dass eine Spezial-Verordnung ihnen den Besuch der Mineralbäder verbietet. Die jüdischen Kaufleute erster Gilde, welchen das Reisen ausserhalb des Ansiedlungsbezirkes erlaubt ist, dürfen die Badeorte nur besuchen, wenn ihre Pässe den Vermerk tragen: Ohne das Recht, vom Mineralwasser zu trinken. Patriotismus der Vertriebenen. Wir erhalten folgende Zuschrift: Unter dem Titel „Patriotismus der Vertriebenen" bringt Ihre werte Zeitung in Nr. 30 nach dem „ Bukarester Tagblatt" eine Mitteilung, dass die aus Rumänien ausgewanderten Juden eine Schule gegründet hätten, welche bereits mehr als 400 Zöglinge zähle und dass unter anderem auch Unterricht in rumänischer Sprache erteilt würde. Diese Kundgebung des „Bukarester Tagblatt" ist grundfalsch. Von Patriotismus für Rumänien der von dort hier eingewanderten Juden wird wohl kaum die Rede sein. Wenn die Juden noch Sehnsucht nach Rumänien haben, so ist diese gewiss nicht für das „glänzende" Leben, sondern nach ihren Verwandten, die sie dort zurückgelassen hatten und die sie so schnell als möglich hier sehen möchten. Was die Schule betrifft, so weiss ich genau, dass eine solche gar nicht existiert hat. Es existiert vielmehr eine schöne Synagoge der rumänischen Juden und im Hofe ein „Cheder", dessen „Melamed* ein rumänischer Jude ist und der in seinem Privatunternehmen zirka 30 Zöglinge zum Unterricht der englischen und hebräischen Sprache unter sich hat. Es gibt hier zirka 150 rumänische jüdische Familien und ich kann es bestimmt sagen, dass sie vergessen möchten an alles, was sie früher an Rumänien gebunden hielt. Vor zwei Wochen hat übrigens ein junger Mann aus Braila, namens Abr. Falick, in einer zionistischen Versammlung über die traurige Lage der Juden in Rumänien berichtet. Montreal. Mit Zionsgruss F. Libanon. Kleine Zeichen der Zeit. In der letzten Sitzung der Fremden ein wanderungs-Kommission in London fand eine kleine antisemitische Demonstration statt, indem die zahlreich anwesenden Mitglieder der britischen Bruderliga die Aussagen eines ihrer Genossen mit den Rufen begleiteten: „Tun wir, was Amerika tut. Werfen wir sie in die Themse," Das sind vielversprechende Scherze,