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Die Welt · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Article
Die rumänische Judenfrage
Date
1902-08-29
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 35' „Die & Welt" Seite 5 diesen kommen aber, jeweils am Donnerstag, Gruppen von 200 bis 300 Auswanderern in Basel an, welche auf eigene Hand reisen, sie fanden sich in Wien zusammen; die Fahrkarte haben sie sich aus dem Erlös ihrer dürftigen Habe erworben oder von Verwandten in Amerika zugeschickt erhalten. Sie dnd mit wenigen Ausnahmen ganz mittellose jüdische Handwerker, die unter den jetzigen Verhältnissen Rumäniens keine Arbeit finden können und daher notgedrungen zum Wanderstabe greifen müssen. Ich sprach mit verschiedenen Auswanderern — es waren Tapezierer, Klempner, Schneider — immer derselbe Refrain. Mit den auswandernden Handwerkern und ihren Familien ziehen zugleich auch viele Frauen und Kinder, welche dem vorausgegangenen Familienvater nachreisen. Besonders wird der Blick gefesselt durch jene greisen Männer und Frauen, die ihr ungastliches Vaterland verlassen müssen, und durch die zarten Kleinen, die sich auf den Armen ihrer Mütter befinden oder müde auf den Bündeln herumliegen. Für die Verpflegung dieser auf eigene Hand reisenden Auswanderer ist bisher keine genügende Fürsorge getroffen. Die Auswanderungsagenten reden ihnen vielfach vor, dass sie unterwegs verpflegt würden, und so machen sich die Bedauernswerten ohne alle Mittel auf den Weg. Hungernd und erschöpft kommen sie in Basel an. Viele sind tagelang ohne Nahrung, jedenfalls ohne ausreichende Nahrung gewesen. Ein alter Mann klagte, dass ihm der Magen vom vielen Hungern ganz schwach geworden sei; die Hitze der Julitage erhöhte noch die Beschwerden. Frauen kamen ohnmächtig, Kinder krank an. Doch ich will die Szenen des Elends nicht schildern, die sich Woche um Woche in Basel abspielen. Man muss diese vergrämten Menschen gesehen haben in der dürftigen, abgerissenen Kleidung, mit den unbeschreiblichen Päckcn und Bündeln, in denen sie das Nötigste mit sich führen. Dagegen muss ich mit einigen Worten darauf hinweisen, wie die Baseler Juden, vorab unsere Gesinnungsgenossen, sich grosse Mühe geben, um die Not dieser Armen zu lindern. Die Gemeinde steuerte eine kleinere Summe bei. Auf die Initiative der Herren Joel Weil und Julius Mayer wurde im Lokale der Zionistischen Vereinigung eine öffentliche Versammlung abgehalten, um ein Hilfskomitee zu bilden. Es wurden Sammlungen veranstaltet, ein Aufruf an die jüdischen Gemeinden der Schweiz, sowie einige grossere jüdische Gemeinden in Baden und im Elsass erlassen. Nicht nur Geld, auch Kleider und Wäsche waren erforderlich, um der Not zu steuern. Ein besonderer Aufruf wendet sich dieserhalb an die jüdischen Frauen. Auch die Presse wurde für die Sache der Auswanderer interessiert: mehrere Baseler Zeitungen brachten ausführliehe Berichte. Die Generaldirektion der Eidgenössischen Bundesbahnen stellte auf Ansuchen des Komitees bereitwillig eine leerstehende Halle, die alte Post, den Auswanderern während ihres hiesigen Aufenthaltes zur Verfügung. Hier fand die Verköstigung der Auswanderer seitens des Komitees statt, bestehend aus Frühstück und nahrhaftem Mittagessen. Die Komiteernitglicder, ausser den genannten Herren noch die Herren Bolley-Feuchtwanger, Arnsteiri, Dr. Schmoll, Jurist Bloch und Moritz Bernlieim, haben, unterstützt von einigen Damen, sich mit vielem Eifer der Aufgabe gewidmet, den verstossenen Stammesgenossen ihr Leid für einige Stunden weniger fühlbar zu machen. Die meisten von ihnen waren den ganzen Tag auf dem Posten, ratend, helfend, ordnend. Und es war keine kleine Aufgabe. Ich war zugegen, wie schon eine Stunde vor Abgang des Zuges die Leute sich gegen den Bahnsteig drängten und ihre Bündel herbeischleppten, wie sie fortwährend mit allerhand Anliegen die Komiteemitglieder umringten. Am meisten wurde einiges Bargeld für die Reise gewünscht. Aber die Kommission hat, abgesehen davon* dass die vorhandenen Mittel hierzu nicht ausreichend sind, bisher prinzipiell davon Abstand genommen. Bis jetzt wurden über 1000 Auswanderer seitens des Komitees verpflegt. Wahrscheinlich dauert die Auswanderung noch wochenlang fort. Etwas Sicheres ist hier darüber nicht bekannt. Das Baseler• Komitee hat sieh mit der Wiener Schiffsagentur, welche die Auswanderung vermittelt, in Verbindung gesetzt, um zu erfahren, ob und wieviele jüdische Auswanderer unterwegs sind. Eine andere Verbindung existiert bis jetzt nicht. Es ist dringend zu wünschen, dass in Wien, Paris, Havre. also an allen Haltepunkten der Fahrt, sich Komitees bilden, um die Hilfeleistung zu organisieren, und dass diese Hilfskomitees miteinander in Verbindung treten. Nebenbei will ich bemerken, dass mit den jüdischen Auswanderern sich auch jeweils einige nichtjüdische in Basel eingefunden haben, so neulich ein rumänischer Bauer in Nationaltracht. Auch diese haben an der Verpflegung teilgenommen. Die Abfahrt bot einen traurigen Anblick. Nach dem Hasten und Drängen des Einsteigens sassen die jüdischen Auswanderer still, zusammengedrängt zwischen ihren Bündeln, während es nebenan in einem Wagen mit auswandernden Italienern viel lauter, ja lustiger zuging. Wieviele jener Aermsten mögen aber auch zugrunde gehen, ohne dass ihnen das Glück einer bescheidenen Existenz zuteil wird. Wir stehen diesen Auswanderungen wie einer unabwendbaren Katastrophe gegenüber. Möchten sie die letzten sein vor der Wanderung in das vom Zionismus erstrebte Land, in das Heimatland! Aber so sehr wir auch unsere Mittel und Kräfte auf die Erreichung unseres Zieles verwenden und zusammenballten müssen, so dürfen wir aber doch an diesen Unglücklichen nicht vorbeisehen. Ja, wir Zionisten müssen in erster Linie die Initiative ergreifen, um die weiteren jüdischen Kreise zu Hilfeleistungen heranzuziehen. Es kann und darf ja freilich nur das Notwendigste geschehen; denn wer wollte die Verantwortung übernehmen, die Auswanderung zu fördern, ehe wir wissen, wohin wir die Vertriebenen schicken können. Wir wissen wohl, wie blutwenig damit geschehen ist, wenn wir die Wanderer unterwegs vor dem Verhungern schützen. Aber uns Zionisten darf nichts Jüdisches fremd sein, und ferner: Sind wir nicht die besten Interpreten solcher Vorgänge? —Tv.— * Die „Neue Freie Presse'*' schreibt über die rumänische Juden frage: B u k arcs t , 20. August. Wenn vor kurzem von allerentscheidendster Stelle die Meinung ausgesprochen wurde, dass durch die Auswanderung der rumänischen Juden nicht allein diese selbst, sondern auch das Land empfindlich geschädigt werde, und dass mau trachten müsse, der Auswanderungsbewegung Einhalt zu tun, so kann man einer solchen Meinungsäusserung nur rückhaltlos beipflichten. Aber letzteres wäre nicht etwa mit Korrektivmassregoln, sondern nur dadurch zu erreichen, dass die Ursachen des Uebels beseitigt, dass Gesetzgebung und Verwaltung in neue Bahnen gelenkt werden. In einer Unterredung, welche vor einigen Tagen der Bürgermeister von Jassy, Herr Penescu, mit dem Redakteur des Journals .Universul" hatte, beklagte er den Niedergang dieser vormals blühenden Stadt, der zweiten Hauptstadt des Reiches. <>000 Juden seien ausgewandert, zumeist Arbeiter. Handwerker. Bedienstete. Mangel an Beschäftigung, an Erwerb, die bitterste Not habe sie aus dem Lande getrieben. Ganze Familien mussteu miit 30 Centimes (etwa 27 Heller) per Tag leben. Angesichts einer solchen Notlage bestellt die Handelskammer in Jassy Agenten mit der Mission, diejenigen, welche die — daselbst nicht kundgemachte — Sonntagsruhe verletzen, zur Anzeige zu bringen, und werden die jüdischen Händler, welche die Vorbereitung treffen, um an einer Messe in Folticeni teilzunehmen, vorgerufen und bestraft. Aber nicht genug mit der Unterbindung der ErwerbstFitigkoit. bemüht sich die Behörde, die Juden in dem zu treffen, was ihnen am empfindlichsten ist, in ihren Kindern, in der Entziehung des Unterrichtes an diese. Seit einem Jahre waltet in dem Bezirke Jassy ein Schulinspektor. Herr Mustazza, welcher nahezu fünfzig jüdische Schulen geschlossen hat, weil — so heisst es in den betreffenden Verfügungen — die Gegenstände nicht gemäss dem analytischen Programme der staatlichen Schule behandelt werden. In einem Kinder-Asyle wird die Schule geschlossen, weil die hebräischen Bibeln und ABC-Bücher nicht eine rumänische Uebersetzung aufwiesen. — Um all die Ohikanen voll zu erfassen, muss man einen Blick auf die staatliehe Unterrichts-Vorwaltung werfen, wie sieh" dieselbe seit Jahren konsequent gegen die Fremden und die ,.Fremd-Einhoimischona, das ist gegen die Juden, kehrt Per Öffentliche Volksunterricht ist unentgeltlich, sagt das Gesetz. Aber für jüdische Kinder wurden Taxen von 20 Eres, für die Volks-, 30 Francs für die höheren Schulen festgesetzt. Als hiemit das Ziel, die jüdischen Kinder von der Schule abzuhalten, nicht in gewünschtem Masse erreicht wurde, wurden die Taxen a u f 30 u n d 40 Fr a n e s und neuerlich gar a u f 4 0 und 6 0 Francs erhöht. Und nun stelle man sich vor. was solche Summen jährlich per Kind für einen minder bemittelten, mit Kindern gesegneten Familienvater bedeuten. Uebcrdies wird dm jüdischen Kindern der Eintritt in die öffentliche Schule nur' d a n Ii g e s a 11 e t. w e n n n a c h U n t e r b r i n g u n g a 11er n a t i o n a 1 - r u m ä n i s c h e n K i n d er noch Raum vorhan den ist. Auch dann darf die Anzahl der jüdischen Kinder in einer Schule nicht mehr als fünf Perzent sein. Und selbst wenn die Perzentziffer nicht erreicht ist^ wird es nunmehr den Schuldire k t o r e n nach deren freiem Belieben ü b e r 1 a s s e n , j ü d. i s c h e K i n d e r z u r ü c k z u w e i s e n. Um nun ihre Kinder nicht ohne Unterrieht aufwachsen zu lassen, gingen d'ie Juden daran, aus eigenen Mitteln Schulen zu errichten. Selbstverständlich hielten sie ihre aus eigenen Mitteln errichtete konfessionelle »Schule am Samstag geschlossen und am Sonntag geöffnet. Letzteres verbot der Minister. Es dürfe nicht am Sonntag Schule gehalten werden. Die Juden fügten sich und schlössen ihre Schulen Samstag und Sonntag; fünf Tage Schulunterricht seien jedenfalls besser als gar keiner. Wieder folgte ein Verbot des Ministers. Nach der Schulordnung müsse sechs Tage in der Woche Schule gehalten werden. Hie Juden fügten sich und verlegten die Religionsstunde auf den Samstag. Neuerliches Verbot des Ministers. Das Schul reg! ement schreibe

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