Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 35 (29.8.1902)
- Article
- Der Allgemeine Oesterreichisch-Israelitische Bund
- Date
- 1902-08-29
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seiten rf^i^%w^t« Proletariat. Wir erinnern die Pierren vom Bunde daran, welche Steigerimg das Judenelend iin letzten Jahrzehnt erfahren hat und fragen, ol> es nach menschlicher Voraussicht besser oder schlechter werden wird. lieber diese Frage kommt der Bund nicht hinaus, wenn wir ihn nicht bald schnarchen hören sollen. Ein Hilfsbureau für jeden einzelnen der hunderttausend Desparados kann er nicht sein, für seine bisherigen zwecklosen Zwecke wirken genug andere. "Mit seinen Mitteln kann der Bund nicht weit reichen, denn mit den Aufrufen an „werte Glaubensgenossen" lockt mau im religiösinditterenten Oesterreich keine Krone hinter dem Zahlti sch hervor. Der Bund niüsste sich die opferfreudigen Juden mit dem Gefühl der Zusammengehörigkeit erst sehalfen. Ob es nicht ratsam wäre, nationale Agitation zu treiben und zu fördern, überlassen wir seiner Ueberlegung. Es dürfte bereits Zeit sc in v die Judenfrage nicht anzugreifen wie einen heissen Teller. Ein herzhaft nationales AYort wird niemanden mehr ersehrecken. Es ist fraglich, was der Bund mit seinen Mitteln tun könnte. Xotstandsarbeiten, Fabriken und Almosen würden aus den grössten Summen Luft machen. Dem riesigen Judenproletariat hier Arbeit zu schaffen, dürfte auch der Kühnste nicht hoffen. Vielleicht, meine Herren vom Bunde, studieren Sie das Problem der Hilfe für alle Juden durch alle Juden. —y. Zeitungsstimmen über die Konstantinopeler Verhandlungen. Der Zionismus von heute. Der „J ewish World" in London schreibt unter diesem Titel über das bekanntgegebene Resultat der letzten Verhandlungen in Konstautinopel: „ . . . . Dem unparteiischen Beobachter will es erscheinen, dass Dr. Herzl und seine Freunde ein beträchtliches Werk damit vollführt haben, dass der zionistische Führer durch den Herrscher der Türkei, seinen Premier* Minister und andere hohe Beamte dieses Reiches empfangen wurde. Was immer auch gegen den Sultan gesagt werden mag, und wie immer der Vergleich mit den Grossmächten Europas ausfallen mag — er ist immer noch eine Macht mit der man rechnen muss, und weder er, noch ,der Grossvezier .ist für jedermann zugänglich und zu Hause, der einen wohlfeilen Ausflug nach Konstantinopel macht und an das Tor des Palastes anklopft. Es hat schon akkreditierte Botschafter gegeben, welche auf eine Audienz warten mussten, und wohlbekannte Leute, welche den mächtigsten Herrscher des Ostens auf eine blosse Anfrage nicht fanden. Dr. Herzl und alle, weche mit ihm in der zionistischen Bewegung tätig sind, verdienen den Lohn der Beachtung. Trotzdem hat der Sultan nach reiflicher Ueberlegung „Nein" gesagt Dass er aber zugestimmt hat, sich in die Sache einzulassen, wie er es unzweifelhaft getan hat — das erreicht zu haben, ist schon eine grosse Sache für einen Mann, der in der diplomatischen Welt keine offizielle Stellung einnimmt. Wir haben nicht den Wunsch, weder der Partei der strengen Kritiker, noch der Verteidiger des Zionismus zu gefallen. Wir erachten es als die Aufgabe einer Zeitung, den Lesern einen wahren und klaren Bericht über die Vorfallnisse mit einem Kommentar, welcher auf einem kompletten Studium und vielleicht tieferer Kenntnis der näheren Umstände beruht, als sie sonst dem Durchschnittsmenschen zugänglich ist, zu geben und ihm so zu helfen, sich selbst ein Urteil zu bilden. Die Frage, welche, nun die meisten Leute .stellen werden, wird die sein: „Was wird .die AnUyort der Pforte auf die zionistische Bewegung für Eintiuss haben?" Bei vielen wird die Antwort den Wunsch ergeben, weicher der Vater des Gedankens ist, und es wird der Zionismus entweder kurzerhand als tot, erschlagen und dreimal vernichtet ohne jede Hoffnung auf Auferstehung erklärt werden, oder andererseits wird die Hoffnung ausgesprochen werden auf einen kompletten Erfolg in nicht zu ferner Zukunft, um Dr. Herz Ts eigene Phrase zu gebrauchen. Weitere Informationen über die Konstantinopeler Verhandlungen bestätigen, dass der Sultan das Gegenteil von feindselig war, dass er dem zionistischen Führer etwas anbot, weit mehr, als mancher vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätte. Aber der Führer entschied, dass es nicht genug sei, um dem zionistischen Programme zu entsprechen. Die Ablehnung beweist, dass die Hoffnung nicht augenblicklich zerstört worden ist, und es beweist sicher eine beträchtliche Stärke des Charakters, das, was der Sultan zu gewähren bereit war, nicht anzunehmen. Dr. Herzl und seine Freunde haben jedenfalls auf dem Wege, den sie seit fünf oder sechs Jahren gehen, eine weite Strecke zurückgelegt, und die eine Tatsache, dass die zionistischen Pläne von der türkischen Regierung und dem Herrscher jenes Reiches ernstlich in Betracht gezogen werden, rechtfertigt die optimistischen Ausdrücke des Hauptes dieser Bewegung..." * Der „Jeivish Exponent" in Philadelphia über die Constaniinopcler Verhandlungen. „ .... Es gibt Journale und Journalisten — leider sind es fast ausnahmslos jüdische — welche bei jeder Nachricht, die einen Dämpfer der zionistischen Bestrebungen mitteilt, vor Freude laut aufheulen. Nicht alle Intoleranz ist nicht jüdisch oder anti jüdisch, wie die Bannstrahlen der letzten fünf Jahre im TJeberfluss bewiesen haben. Aber der wahre Zionist ist nicht leicht entmutigt, denn er weiss, dass das "Unternehmen, das er begonnen hat, nicht eine Sache von einem Monate oder einem Jahre ist, sondern ein Feldzug, der hart und mühevoll, wie selten einer. Wenn die antizionistischen Zeitungen ihre ausgesuchtesten Sarkasmen und Invektiven auf sein Haupt zu schütten beginnen, wird der echte Zionist seinen Willen noch mehr versteifen und noch energischer ans Werk gehen. Im Augenblicke als die antizionistische Presse Rabbi Meyers jüngsten Vortrag in der Chautauqua-Universität über Palästina*) als „Todesstreich" des Zionismus darlegte, antworteten die Zionisten ehrlich und treu, dass die meisten Anklagen berechtigt seien und argumentierten daraus ganz folgerichtig die Berechtigung der Forderung einer Regulierung und Kontrolle der palästinensischen Frage, wie sie nur eine gut geleitete Organisation an Ort und Stelle bieten kann. In Betreff der jüngsten Episode in Constantinopel ist es unzweifelhaft feststehend, dass der Sultan den Zionisten Sympathien entgegenbringt, wenn auch die Konzessionen, die er zu machen bereit ist, ihren Wünschen nicht ent- *) Die jüdische Cliautauqua-Universität i*t eine jüdische Volksschule in den Vereinigten Staaten*, d. heine Vereinigung, welche jedes Jahr in den Ferien abwechselnd in verschiedenen Städten Zyklen von Vorträgen über jüdische Themata veranstaltet. In diesem Jahre fand der Kursus in Philadelphia statt. Rabbi Meyer, der kürzlieh in Jerusalem war, beschäftigte Meli mit den traurigen Zuständen in dieser Stadt, verurteilte aber auch ganz energisch das Wirken der Allianee daselbst als ,,unjüdisch und unmoralisch".. Die antizionistische Presse übersah das letztere Urteil und frohlockte bloss darüber, dass Palästina ungeeignet zur Kolonisation sein soll. Die Red,