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Die Welt · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Article
Der Allgemeine Oesterreichisch-Israelitische Bund
Date
1902-08-29
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Jetzt, wo sie herausgelehnt wurden und in unseren Gemeindestuben vergebens nach freiheitlicher Luft schnappen, sind sie noch böse über die schlimmen Buben, von denen sie aus der Kinderstube herausgejagt wurden. Wütend schlagen sie mit Kanzleipapier voll Protesten und Entrüstungslumdgebungen nach den Buben und hoffen die Stube wieder rein zu bekommen. Die Feinde aber lachen bloss. Da haben wir einen „Oesterrcicliisehcn Israelitischen Bund". Die meisten Kultusgemein den der Monarchie sind seine Mitglieder. Sein Programm ist in folgendem Kernsatz seines vorliegenden Rechenschaftsberichtes enthalten: „In einer Zeit, in der leider so häufig alle nur denkbarenAnlässe herbeigezerrt werden, um uns in unseren Institutionen, religiösen Gebräuchen, in unseren Anschauungen und Empfindungen, überhaupt in der Gesamtheit anzugreifen, soll uns die Möglichkeit geboten sein, dagegen im Namen der Gesamtheit in solcher Weise zu reagieren, wie es nach Lage der Dinge einer einzelnen Knltusgemeinde oder den einzelnen Persönlichkeiten versagt ist." Dem Programm applaudieren wir. Der Bund steht demnach vor unserer Religion Wache. Es ist uns zwar nicht bewusst, dass diese vorderhand grossen Gefahren entgegenginge, aber es ist besser Feuerehen zu löschen als Feuer. Aber die Angriffe auf die Gesamtheit, die geben wohl dem Bunde alle Hände voll zu tun! Da ist die wirtschaftliche Aussperrung der Juden und ihre stetige Verarmung. Da ist das Auftauchen von Mengen Arbeitsloser und Hungriger. Da ist das Herabsehrauben der Juden zu einer minderwertigen Kaste, .ihr Ausschluss von den Aemtern, ihre Steuerüberlastung, ihre Behandlung bei den Behörden. Was tat der Bund gegen all dieses? Wir lassen den Inhalt seines Berichtes kurz folgen: Er hat einzelnen Rat und Hilfe gewährt. Er hat über die Funktionen der Schiedsgerichte in Sachen der Kultussteuer beraten. Er hat galizischen Genieinden geraten, wie sie bei den Gerichten für sich die Sabbatruhe durchsetzen könnten. Er ist dem Vater Araten zur Seite gestanden und hat in ähnlichen Fällen m ancli m a 1 Erfolg gehabt. Er hat einem Rabbiner den Dispens von der Matura verschafft. Er hat dem ramänisehen Könige eine Denkschrift über die Juden übergeben. Er hat ein tschechisches Buch gegen den Blutaberglauben herausgegeben. Er hat dem Staatsanwalt judenfemdlichc Artikel zur Anzeige gebracht. Er wollte, dass der Prager Judenfriedhof nicht demoliert werde. Er hat bei Ritualinordanklagen einen Verteidiger gestellt. Er hat einer galizischen Gemeinde das Versprechen verschafft, sie werde eine Baron Hirsch-Schule bekommen. Er hat für Zivilgerichtsfälle Anwälte bestellt. Er suchte mehreren Gemeinden Subventionen zu verschaffen. Er hat streitende Gemeinden zum Frieden ermahnt. Das ist aber schon alles. Wir fragen: Wo bleibt die Gesamtheit? Wir meinen, eine nüchterne, wirksame Hilfe für sie? Papier-Unterzünder haben jetzt: der rumänische König — das Handwerkergesetz wurde \on den Kammern doch beschlossen; der Oberstaatsanwalt — von der Giftpresse wurde nichts konfisziert; der Verwaltungsgerichtshof — der Prager Friedhof wurde demoliert; die Prager Buchhändler — niemand hat ihnen das Buch gegen den Ritualmord abgekauft. Ist es des Bundes fast aller Kultusgemeinden würdig, die Geschäfte des selig schlafenden Vereines zur Abwehr des Antisemitismus zu treiben oder die Geschäfte eines jüdischen Rechtsschutzbureaus, das ja in Wien bereits bestellt und sich in seinem Rahmen bewährt, Ist es des mächtigsten Judenbundes Oesterreichs würdig, die Judenmassen Galiziens und Wiens trostlosem Elend zu überlassen? Weiss der Bund nicht, dass der jüdische Mittelstand auf dem Flachland Oesterreichs einem schnellen Ruin entgegengeht? Seinen eigentlichen Aufgaben ist der Bund derzeit bei seinem System nicht gewachsen. Sein System führt in die Ministerien und dort zu höflichen Versprechungen für grobe Verletzungen der Judenrechtc. Sein System ist eine hilflose Bekehrungsanstalt für jene, die sich als Radauantisemiten bereits bewährt haben. Das System sehliesst das Tor, wenn die Kuh draussen ist; erst muss den Juden etwas passiert sein, dann entwickelt er seine Tätigkeit. Die Frage der Hebung wirtschaftlichen Judenelends, die ewige Jtidennot, findet in den Beratungen des Bundes keinen Raum. Eine Politik für die Gesamtheit müsste sich wohl mit der Politik für den grössten Teil befassen, das ist das

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