Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Article
- Zur Lage des jüdischen Proletariats in Mohilew am Dnjepr
- Date
- 1902-08-22
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # WettP Nr. 34 da schlummern lebensfähige Keime, welche bei einer richtigen Pflege fruchtbar gedeihen könnten. Auf der finsteren Oberfläche des Elends und der Entbehrung des oben beschriebenen Bevölkerungsteiles von Mohilew erscheint ab und zu ein heller Strahl der aufopferungsvollen Liebe und Sorge in der Person der sogenannten „Gabete". Das ist gewöhnlich eine ältere Frau, meist aus der Mitte der Armen, welche schon an den Tod und an das Jenseits zu denken anfängt und ihre Seele durch Hingabe an die Armen zu retten sucht. Sie knüpft gewöhnlich Beziehungen mit den reicheren Bevölkerungssehichten der Stadt an, um von ihnen Beiträge zugunsten der Armen ihrer Strasse zu sammeln. Da sie alle diese Armen personlieh kennt, so gewinnt sie sich leicht durch ihre Hilfe ihr volles Vertrauen. Auf ihre Anregung und unter ihrer Kontrolle bilden dann die armen jüdischen Frauen ihrer Strasse eine eigentümliche Art der gegenseitigen Unterstützungskassen, welche mit den allgemeinen Sitten und Bräuchen des jüdischen Volkes eng verknüpft sind und Chewras (Bruderschaften) lieissen. Die Zahl ihrer Mitglieder ist unbestimmt und locker und ist nach oben von der Zahl der jüdischen Armen des Stadtviertels, in welchem sie entstehen, abhängig. Den Mittelpunkt derselben bilden immer die Gabete und ihre Gehilfinnen. Jedes Mitglied hat an djer Wand seiner Wohnung eine geschlossene Blechbüchse, „Puschke", anzuschlagen, deren Schlüssel bei der „Gabete" aufbewahrt wird. Von Zeit zu Zeit werfen die Besitzer dieser Büchse in ihre Spalte eine Kupfermünze hinein, welche sie als unantastbar und für das Eigentum der Chewra betrachten. Es ist nämlich eine alte unter allen Juden ohne Unterschied von Besitz und Stand verbreitete Sitte sich eine solche Büchse anzuschaffen und bei Erfüllung gewisser Wünsche (Genesung, Erfolg gewisser Unter- , nehmungen) „für die Büchse" etwas zu geloben, um es für charitative Zwecke zu verwenden. Dieselbe Sitte hält also auch hier die organische Sparkasse der Armen zusammen. Da unter die freudigen Ereignisse dieser Leute vor allein unerwartete ■ wirtschaftliche Erfolge zu zählen sind, so wird die Erfüllung des Versprechens, bei solchen Fällen etwas für die Büchse zu geben, gleichsam zur Ausnützung der glücklichen Zufälle für die weit öfteren Fälle.der völligen Arbeitslosigkeit. Das Geld aus den Büchsen wird von der „Gabete" einmal im Monat gesammelt und gewöhnlich während der Winternion ate, der Zeit der Krankheiten und der Arbeitslosigkeit, unter de i am meisten darunter leidenden Mitgliedern verteilt. Auch die Männer Besitzen unter der Leitung eines „Gabe" in vielen Strassen solche Chewras. wodurch die Tätigkeit der Frauenchewra ergänzt wird. Natürlich handelt es sich dabei um so kleine Einnahmen (3—5. Rubel monatlich), dass von einer eingreifenden Wirkung der Chewra im Leben der Armen keine Bede sein kann. Prinzipiell wird sie aber von einer richtigen Erkenntnis getragen, da sie die Menschen von den Launen des Schicksals zu befreien sucht: dort, wo sie — von demselben Prinzip getragen — mit grösseren Mitteln operiert, ist ihre Wirkimg auch eine ganz andere. Es ist hier nicht der Ort, jene weiteren Fälle, welche für das ganze soziale Leben des russisch-jüdischen Proletariats von allergrösster Bedeutung werden, zu besprechen. Es sei mir nur erlaubt, von diesem Punkte aus eine allgemeinere Folgerung speziell für die jüdische Wohlfahrtspflege zu ziehen. Wer, wie die Verfasserin, Gelegenheit gehabt hat, in den Kleinstädten des russisch-jüdischen Ansiedlungsrayons lange Zeit zu leben und die Tätigkeit der dortigen jüdischen Philanthropen zu beobachten, weiss, dass die russisch-jüdische Intelligenz die besten Absichten für ihre armen Glaubensgenossen hegt. Und doch — sieht man sich in den jüdischen Wohlfahrtsei nrichtungen, in dieser Reihe von Armenküchen, Armenschulen, Frauen-Vereinen usw. um, so stösst man an eine gänzliche Machtlosigkeit. Es ist ein vollständiger Mangel an einer volkstümlichen Grundlage, der hier auffällt, und der Arme wird da als etwas völlig Fremdartiges, als ein Objekt der Unterstützung, nicht als ein Subjekt, dem man zu helfen sucht, betrachtet. Die intelligente rusisch-jüdische Jugend zeigt eine instinktive Erkenntnis der Mangelhaftigkeit dieser Einrichtungen. Jedenfalls tauchen von ihrer Seite fast jedes Jahr Projekte neuer wohltätiger Anstalten auf, welche scheinbar von einem neuen Prinzipe geleitet werden. Aber auch hier ist kein richtiger Zusammenhang anzutreffen. Statt neue Projekte auszuarbeiten, hätte die philanthropische russisch-jüdische Jugend sich um jeden sittlich zulässigen Preis einen tätigen Einfluss in den bestehenden philanthropischen Einrichtungen verschaffen sollen. Was uns fehlt, ist die Zusammenfassung aller organisatorisch tätigen jüdischen Philanthropen zu einer einheitlich wirksamen Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft müssten aber in erster Linie Vertretern aus dem Volke in der Person der „Gabete" und des „Gabe" grosse Mitwirkungsrechte eingeräumt werden. Freilich, den Versammlungen der Frauenkomitees in Mohilew wohnen gewöhnlich auch „Gabetes" bei, welche im Auftrage dieses Komitees in den armen Vierteln geringe Geldsummen in der Form von Unterstützungen oder zinslosen Darlehen verteilen. Aber die Stellung dieser „Gabetes" ist eine durchaus untergeordnete. Wie viel könnte man hingegen von ihnen erfahren, wenn man sie als Gleichberechtigte mitreden Hesse und ihre Meinung mit Respekt anhören wollte! Die Verfasserin selber hat einen grossen Teil ihrer Kenntnisse über das jüdische Proletariat Mohilews einer solchen „Gabete" namens Zirele zu verdanken, mit welcher sie im Laufe einer längeren Zeit fast täglich verkehrt und durch die sie einen Teil ihrer Enquete ausgeführt hat. Wohl weiss ich, dass nicht immer die Meinung der „Gamete" resp. des „Gabes" die richtige und allein zutreffende sein wird. Sie ist meist sehr kurzsichtig und von den engen Interessen eines Stadtviertels oder einer Strasse getragen. Aber sie verdient es jedenfalls, aufmerksam angehört zu werden. Ein; weiteres Kriterium kann man erst dann auf der Grundlage des volkstümlichen Urteils aufbauen. Und je mehr die „Gabetes" und die „Gabes" bei philanthropischen Unternehmungen in den Kleinstädten des Ansiedelungsrayons zurate gezogen werden, desto weitblickender werden auch jene. Auf diese Weise kann die jüdische Philanthropie feste Wurzel im Volke fassen, statt ein Organ zur Betätigung der humanitären Regungen der Reichen zu schaffen. Es wird der Zweck einer weiteren Abhandlung sein, positive Wege auf diesem Gebiete aufzuzeigen. (Weitere Artikel folgen,) Die Juden in Kairo und in Persien. Die Legende von dem angeblichen Wohlstande der Juden ist in der letzten Zeit gründlich zerstört worden. Die Notlage der Juden in Galizien wurde bereits von berufener Seite ziffernmüssig illustriert. lieber die Armut der Juden in Russland haben Wir an dieser Stelle einige Artikel bereits veröffentlicht, welche das Elend unserer Volksgenossen im Zarenreiche hell und grell beleuchten. Aber nicht nur in den Ländern, wo die Zahl der jüdischen Bevölkerung beträchtlich ist, sondern auch dort* wo diese Zahl verschwindend gering ist, stehen die Juden unter dem Zeichen grosser Not und tiefer Armut. Ein russischer Orientreisender, der in Egypten lange Zeit geweilt und reichlich Gelegenheit hatte, die Lage unserer Volksgenossen im ehemaligen Pharaonen-Lande kennen zu lernen, veröffentlicht in der Petersburger Wochenschrift „Woskhod" einen interessanten Reisebrief aus Kairo, in welchem die Lage der Juden in dieser Stadt geschildert wird. Und diese Schilderungen sind es, welche die Tatsache bestätigen, dass die Juden fast überall in Not und Kummer lel>en, einen erbitterten Kampf ums Dasein führen und in diesem Kampfe verkümmern. Egypten ist bekanntlich das freieste Land der Welt. Spe-