Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Article
- Zur Lage des jüdischen Proletariats in Mohilew am Dnjepr
- Date
- 1902-08-22
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 34 „Die # Welt" Seite 5 nach nannten sieh von den 1000 von mir Befragten als Schneider 45, Näherinnen 69, Schuster 55, Strumpfwirkerinnen 19, Tischler 51, Backer 40. Da ■ es sich bei den meisten dieser Handwerker um Kleinmeister handelt, welche für dieselben Stadtviertel, in welchen sie wohnen oder für die in beschränkter Anzahl vorhandenen städtischen Läden produzieren, so kann man sich denken, wie wenig Nachfrage auf den einen entfällt. Hier gilt daher die Behauptung Büchers: „Die zu leistende Arbeit kann geringer sein als die verfügbare Menschenkraft. Da würde die Menschenkrait nicht voll ausgenutzt werden, wenn der Arbeiter sich nur auf diese eine Arbeit beschränken würde. Die betreffende Arbeit würde auch nicht die Grundlage eines Lebensberufes bilden können, der einen Mann ernährt." So finden sich auch in unserem Falle Kombinationen verschiedenster Natur. Ich fand z. B. folgende Kombinationen: viele Maler, welche gewöhnlich nur im Sommer Beschäftigung in ihrem eigenen Berufe finden, beschäftigten sich im Winter mit Schneiderei und Galoschengiesserei; Krämer waren oft daneben Schneider, Schuster, Tagelöhner usw. Fast jede Möglichkeit eines ökonomischen Avancements ausserhalb seines Berufes ist hier für den kleinen Mann ausgeschlossen. Jedes originelle Unternehmen verlangt Geld, und Geld ist nur auf eine Weise zu verschaffen: durch die gänzliche Uebergabe auf Gnade und Ungnade an den Wucherei". „Wocber" heisst der Wucherer im jüdisch-deutschen Jargon, welches Wort aber nicht von dem deutschen „Wucherer" abzuleiten ist. Es stammt von dem Worte „Woche", da das Geld hier auf Wochen-, nicht auf Jahreszins verliehen wird, und zwar auf folgende Weise: Der Geldleiher verpflichtet sieh,, dem Gläubiger 1—3 Prozent wöchentlich für eine bestimmte dargeliehene Summe zu zahlen, und zwar wird die Summe des Zinses einfür allemal festgesetzt, bis der letzte Grosehen der Schuld bezahlt ist. Wenn also z. B. A an B 100 Rubel zu 3 Prozent leiht, so hat ihm B, solange er ihm überhaupt noch etwas von den 100 Rubel schuldet, 3 Rubel wöchentlichen Zinses zu zahlen und wenn er daneben seine Schuld ratenweise bis auf einen Rubel reduziert hat. Da aber der kleine Mann seine Schulden nur in Raten zahlen kann, so ergibt sich daraus ein ganz unberechenbar hoher Zinsgewinst für den „Woeher". Freilieh, bei dem Risiko, dem ein Wucherer bei solchen Geschäften sich . unterwarft und bei dem schnellen Umsätze des Kleinhandels wird diese Summe nicht so ersehreckend gross erscheinen wie auf den ersten Blick. Aber bei hohen Kapitalanlagen (Maschinen bei Schneidern, wovon noch unten die Bede sein wird; Pferde und Wagen für Fuhrleute und Lumpenhändler) macht sie schon fast das aus, was in ihrer Zahl liegt. Vor allem aber beim Erwerbs- und Notkredite zeigt er alle seine ruinierenden Folgen. Derjenige, welchem es gelungen ist, durch jahrelanges Arbeiten und Entbehrungen etwas zur Gründling einer besseren Existenz zurückzulegen, presst er mit schlauen Kniffen dieses Ersparte aus; demjenigen., der nichts als sein Leben hat, verzinst er jeden Schritt, jeden Bissen, jeden Atemzug. Im ersten Falle überrascht der Wucherer sein Opfer in dem Moment, da es, glücklich in dem Besitze eines kleinen Kapitals, sich mit dem Gedanken herumzutragen beginnt, ein eigenes Häuschen zu erwerben. Der Wunsch, Herr in seinem eigenen Hause zu sein,, ist ein nicht nur der Fabrikantenklasse eigentümliches Bedürfnis. Wie dem westeuropäischen Arbeiter kein Wunsch so teuer ist als der, eine, wenn auch kleine Bodenparzelle sein eigen nennen zu können, so sieht auch der jüdische Proletarier in der Möglichkeit, sein eigenes Haus zu besitzen, den Gipfel der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Ist doch die Wohnungsfrage auch hier trotz der im Verhältnis zu den europäischen billigen Bodenpreise, eines der drückendsten Phänomene im Leben des Proletariats! Fast keine einzige der von mir befragten Familien bewohnte mehr als 2—3 Jahre ihre Wohnung, und zwar waren es fast immer die Hausbesitzer., welche zuerst gekündigt haben. Ist es einem solchen Mieter gelungen, sich ein Vermögen von 50—100 Rubeln zu ersparen, so sieht er sich sofort um, ob sich ihm vielleicht die Gelegenheit bieten würde, ein Häuschen zu kaufen oder zu bauen. Die Gelegenheit bietet sich leicht, erfordert aber doppelt oder drei Mal so viel Geldaufwand als es der Mann besitzt. Da erscheint der „Wocher1' mit seinen Diensten und hier bereitwilliger denn je. Denn in solchen Fällen schafft er sich Garantie dadurch, dass das entsprechende Haus als Pfand auf seinen Kamen gekauft wird und er es immer einziehen kann, wenn der Zins oder die Schuldzahlung zu stocken beginnen. Bei der völligen rechtlichen Unwissenheit seines Schuldners wird dem letzteren ein gerichtlicher Prozess mit seinem „Woeher" nicht leicht fallen. }ioch drückender wird diese Aussaugung dort, wto der Schuldner vor die Alternative gestellt wird: leiben oder Hungers sterben. In den langen Wintermonaten, wenn die Arbeitslosigkeit mit allen ihren unheilvollen Folgen auftritt, ringen die armen jüdischen Bewohner der peripheren Stadtviertel Mohilews mit dem Hungertode einen verzweifelten Kampf. Hier kommt ihnen nicht einmal der „Wocher" zu Hilfe: ihr eigener Nachbar wird ihnen zum Wucherer. Die Wirkungen des „Wochers" erscheinen hier vielmehr erst indirekt. Der Kleinkrämer, der gewöhnlich beim „Wocher" verschuldet ist, tritt gegen den zahlungsunfähigen Abnehmer seiner Ware als Gläubiger auf; er verlangt zwar direkt keine Zinsen^ aber es wird sich von selbst verstehen., dass „auf Kredit" die schlechtesten Waren imi höheren Preis gegeben werden als bei Barzahlung. Auch ist es der Kleinkränier allein, der diesen Kredit verbucht und ist es kaum zu erwarten, dass er, der selber von der Not gepeinigt ist, nicht wenigstens seine Eigenniacht über seinen noch elenderen Schuldner ausnützt. Hier ist der Punkt, wo das charitative System einsetzen soll, wenn es überhaupt irgendwelchen Sinn haben will. Der Zweck jeder Wohltätigkeit, Notleidenden zu einem Existenzminimum zu verhelfen, würde hier durch die Verschaffung billigen Kredites annähernd erreicht werden können. Ernste Versuche nach dieser Pachtung sind von den jüdischen wohltätigen Institutionen nicht gemacht worden. Es soll daraus der jüdischen Wohlfahrtspflege Mohilews kein Vorwurf gemacht werden. Der „Tätigkeitstrich", um einen Ausdruck Spencers zu gebrauchen, ist auch hier im besten Sinne des Wortes vorhanden und brachte und bringt viel Gutes hervor. Von einheitlichen und prinzipiellen Gesichtspunkten ist jedoch dieses Tun nicht geleitet. Denn da die jüdischen Wohl fall rtseinrichtimgen Mohilews von den reicheren jüdischen Bewohnern des'städtischen Zentrums geleitet werden, so wird hei ihnen kein grosses Verständnis für den kausalen Zusammenhang der wirtschaftlichen Not ihrer Unterstützten vorauszusehen sein. Neuerdings hat Herr Dr. Katzenellensohn aus Libau auf dem letzten zionistischen Kongress in Basel vorgeschlagen, Kreditgenossenschaften in grossem Stile über das ganze Ansiediungsgebiet verteilt zu gründen und für die Bedürfnisse der jüdischen Handwerker und Kleinkränier auszudehnen. Dieser Vorschlag wäre nach jeder Richtung hin zu beachten. Leider hat die Verfasserin keine Möglichkeit gehnbt, nähere Studien über diese Kreditorganisationen, von welchen manche schon, im Gange sein sollen, zu machen. Eingehende Studien über die Organisationen des russisch-jüdischen Proletariats haben, ihr aber eine Einsicht in den tiefen genossenschaftlichen Sinn des jüdischen Volkes gewährt. Dieser Sinn könnte Garantie dafür leisten, dass der weitblickende Vorschlag des Herrn Dr. Katzenellensohn bei zweckmässiger Leitung von Erfolg gekrönt werden würde. Als Beleg dafür soll die primitivste Art der jüdischen Genossensehaft in Mobil ew vorgeführt werden. Sie ist so primitiv, dass da von gar keiner aktuellen Wirksamkeit die Rede sein kann; aber gerade in ihrer Primitivität ist sie charakteristisch, da sie prinzipiell jenes eigentümliche und grossartige Organisa tionsverniögen verkörpert, welches allein das jüdische Volk durch alle seine Wanderungen zusammengehalten hat und heute noch erhält. Der aussenstehende Volksfround soll in ihnen einen festen Anhaltspunkt für seine Unternehmungen erblicken, denn