Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Article
- Die Heloten von Park Lane
- Date
- 1902-08-15
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Sie hatten zu leben, die Heloten, sonst hätten sie die schmutzige Arbeit der Spartaner nicht leisten können, aber wie sie lebten, wie sie wohnten,, wie sie fühlten und dachten, das war den spartanischen Herren gleichgiltiger als die Temperamentsäusserungen der Pferde, denen sie sicherlich mehr Seele zuschrieben als den vollkommen stumpfsinnigen sklavischen Heloten. Die Spartaner hielten bekanntlich alle männlichen Tugenden hoch, Wahrheitsliebe, Tapferkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit; bei den Heloten hätte sie eine solche Tugend empört. Die Heloten durften sich allen Lastern hingeben — je schlimmer, desto besser. Edle Spartaner zeigten ihren Knaben betrunkene Heloten, um ihnen Abscheu vor der Unmässigkeit einzuflössen. Das alles wissen wir von der Schulbank her. Auch Park Lane ist ein wohlbekannter Begriff: es ist die vornehmste Strasse der Welt. Wenn du einmal in London bist, versäume ja nicht, an der Ecke von Piccadilly und Hyde Park das Dach eines Omnibusses zu erklettern und auf der langsamen Fahrt die Paläste rechter und linken Hand sorgfältig zu studieren. Hier wohnen die Beherrscher der Erde. Halte den Atem an: hier ist der Traum des Altertums und der finsteren Jahrhunderte zur Wirklichkeit geworden, hier ist das irdische Paradies. Hier fliesst das Leben sorglos dahin, hier ist die Grenze, wo der alte Menschheitsfluch seine Wirkung verliert, hier gibt es keine Arbeit und keinen Sehweiss, hier gemessen die Glücklichen das Dasein, wie einst die Götter auf dem Olymp. Das ist Park Lane. Was in aller W^elt hat aber Park Lane, der Sitz der Herzöge und Grafen von England, mit Heloten zu tun? Das ist eben das Merkwürdige an der Sache: es gibt Heloten in Park Lane! Eine sehr vornehme englische Monatsschrift, vielleicht die vornehmste, nämlich die „Monthly Review", die seit ihrem Bestehen den Interessen des Hochadels dient und die jetzige konservative Regierung mit rückhaltlosem Parteieifer unterstützt, hat sie entdeckt. In der Juli-Nummer dieser Zeitschrift wird England vor den Gefahren gewarnt, die dem Reiche drohen, wenn die Regierung nicht rechtzeitig den grosskapitalistischen Inhabern der Goldaktien von Südafrika, den „Heloten von Park Lane'' einen Teil ihres Einflusses entreisst. Nun geht uns Südafrika gar nichts an, die englische Politik nach dem Frieden macht uns keine Sorgen, nicht einmal das zweifelhafte Schicksal der Goldminen raubt uns den Schlaf. Die Warnung der englischen Monatsschrift hätte uns also ganz kalt gelassen. Aber die „Heloten von Park Lane"! Wer sind die Heloten von Park Lane?? Sehen wir uns die Stellen näher an. „Eine der grössten Gefahren," sagt die „Monthly Review", „ist die ungeheure Macht, welche das internationale Kapital in Südafrika besitzt, denn dieses Kapital ist weder britisch noch eigentlich recht europäisch." — „Man kann nicht oft genug wiederholen, dass der ungeheure Einfluss, den das Kapital in Südafrika ausübt, zum sehr grossen Teil Leuten gehört, die von Geburt keine Briten sind und gewöhnlich auch nicht politisch zum britischen Reiche gehören." — „Nun wollen wir ja nicht gerade sagen, dass die Heloten von Park Lane eine doppelte Portion der ererbten menschlichen Schlechtigkeit besitzen; aber . . ." Ein)? Analyse dieser rätselhaften Ausdrücke ergibt auch kein befriedigendes Resultat. Internationales Kapital — das stimmt. Die Goldfelder in Transvaal gehören allen Nationen, Engländern, Holländern, Deutschen, Franzosen, Amerikanern. Nicht europäisch — kann auch stimmen : Amerika ist ja wesentlich beteiligt. Aber wieso H eloten von Park Lane? Weder die deutschen, noch französischen, noch amerikanischen Goldmillionäre haben Paläste in Park Lane: sie alle gemessen ihren Reichtum zu Hause. Und wenn vielleicht ein Deutscher oder Amerikaner in Park Lane wohnte — seit wann ist ein Untertan Kaiser Wilhelms oder ein Bürger des Sternenbanners ein Helot?! Sollte vielleicht gar--? Wir weisen den Gedanken als lächerlich, unmöglich aufs entschiedenste zurück. Die jüdischen Goldmillionäre, deren es übrigens im Verhältnisse zu den nichtjüdischen sehr, sehr wenige gibt, haben von Uranfang an mit Zurückstellung aller Sonderinteressen so viel extremen englischen