Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Article
- Jahresbericht der "Jewish Colonization Association"
- Date
- 1902-08-08
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 „Die # Welt?* Seite 7 den., bald ohne Protektion zu existieren und dass der Posten eines Administrators aufgelassen werden kann. * In seiner Nummer 1734 vom 27. Juni hatte der Jewish Chronicle", das Organ der „Ica", mit der Publika- 11 on eines Auszuges aus dem Jahresberichte dieser Gesellsc hafc begonnen. Nachdem der „Jew. Chr." das einzige Blatt war, dessen Vertreter zur Versammlung zugelassen wurde und das im Besitze des streng gehüteten Jahresberichtes sich befindet — der Kassabericht wird ja, wie es naiv im Berichte des „Jew. Chr." heisst, niemals publiziert — so mussten wir uns darauf beschränken, den Bericht aus dem „Jew. Chr." wörtlich zu verdolmetschen. Nur sind wir leider nicht in der Lage, den sehr interessanten und interessierenden Beriebt fortzusetzen, und zwar aus dem Grunde, weil der „Jew. Chr." die angekündigte Fortsetzung bisher (es sind seither sechs Wochen vergangen) nicht gebracht hat. Wir haben auch nicht eine Silbe der Kritik an den Bericht geknüpft, weil wir der Ansicht sind, dass die beste Kritik der nichtigen und zwecklosen Tätigkeit der „Ica" — ihr eigener Bericht ist. Sollte diese Erkenntnis auch zum Bewusstsein der Bedaktion des „Jew. Chr." oder gar ihrer Mandanten gekommen sein? Freilich die jüdische Presse, die bisher kritiklos vor allem Tun der jüdischen „Grossen" auf dem Bauche gelegen ist, braucht den Bericht gar nicht zu kennen, um die Tätigkeit der ,.Ica" „imperial" zu finden. Die Red. Korrespondenzen und Telegramme. Die luden in Russland. Charkow. Wie der „Charkowskij Listok" meldet, erfuhr die Zahl der in diesem Jahre in die Universität zu Charkow aufgenommenen jüdischen Studenten eine neue Beschränkung: sie wurde von 10 auf 3 Perzent reduziert. * Dorpat. Der Rektor der Dorpater Universität gibt offiziell bekannt, dass jüdische Studenten in diesem Jahre an der Universität nur 3 Perzent der Gesamtzahl bilden dürfen. * Warschau. Auf Verordnung des Finanzministers werden in die Handelsschule von Zgerz in diesem Jahre nur solche jüdische Zöglinge Aufnahme finden, welche im Weichselgebiete ihr ständiges Domizil haben. * Odessa. Wir haben unlängst gemeldet, dass viele Juden im Südgebiete als Feldarbeiter bei vielen Landwirten des Gebietes arbeiten. Wie der „Wjestnik Juga" nunmehr berichtet, mussten die jüdischen Feldarbeiter die Arbeit verlassen, weil die Polizei der betreffenden Ortschaften den Juden die Uebernachtung in den Dörfern untersagt hat. * Noworossijsk. Wie unsicher die Juden sogar in den ihnen behördlich zuerkannten Wohnsitzen ausserhalb des sogenannten Niederlassungsgebietes sind, mag folgender von der Zeitschrift„Priasowskij KrajamitgetheilterVorfall dienen : Der in Temirschura geborene Jude Josef Jelitzer erwarb sich die Zuständigkeit der Gemeinde von Noworossijsk. Die Gerichtskammer von Stawropol hatte diese Zuständigkeit bestätigt und Jelitzer liess sich in Noworossijsk nieder. Zwei Jahrzehnte lebte Jelitzer in Noworossijsk unangefochten auf Grund eines Gerichtsbeschlusses. Nunmehr aber wurde Jelitzer auf Befehl des Finanzministers seines Zuständigkeitsrechtes für verlustig erklärt und polizeilich verpflichtet, die Stadt binnen vier Wochen zu verlassen und sich in das jüdische Niederlassungsgebiet zu begeben. * Irkutsk. Der in ßalengensk lebende Jude Berka Jermako witsch, welcher als ehemaliger Soldat der Nikolai'schen Dienstzeit das Wohnrecht für ganz Eussland geniesst, wurde auf Befehl des General-Gouverneurs von Irkutsk verständigt, dass seinem Sohne Hirsch das Wohnrecht bei den Eltern ausserhalb des Niederlassungsgebietes entzogen wurde. Hirsch Jermakowitsch wurde auch polizeilich aasgewiesen und musste seine Vaterstadt verlassen. Der Petersburger Senat hat des öfteren entschieden, dass das Wohnrecht eines Juden ausserhalb des Niederlassungsgebietes auch seinen Kindern eingeräumt werden muss. * Aluschta in der Krim. Da Aluschta kürzlich auf Befehl des Zars in eine Stadt verwandelt wurde, so dürfte, wie der „Krimskij Wjestnik" meldet, den dort lebenden Juden das Wohnrecht entzogen werden. Alle Gesuche um zeitweiliges Aufenthaltsrecht in Aluschta müssen die Juden nunmehr dem Gouverneur persönlich unterbreiten. * Balaklawa. Den Juden wurde der Aufenthalt in diesem Kurorte für dieses Jahr untersagt. Viele kranke Juden mussten die Rückreise antreten, weil ihnen nicht einmal das Aussteigen im Kurorte bewilligt wurde. * Wilna. Ein für die Lage der Juden im Nordwestgebiete äusserst charakteristischer Vorfall gelangte dieser Tage, wie das in Wilna erscheinende Blatt „Sewero-Sapadnoje Slowo" berichtet, zur Verhandlung beim Bezirksrichter^von Wilna. Ein Jude, welcher mit einigen Damen in den Strassen von Wilna spazieren ging, führte die Konversation in russischer Sprache. Da trat auf ihn ein Russe zu und versetzte ihm zwei Ohrfeigen mit den Worten : „Saujuden sollen nicht russisch sprechen!" Der Richter verurteilte den Russen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Wochen. Bei Verkündigung des Urteils sagte der Russe verwundert: „Darf man denn Juden nicht schlagen? . . .Ä # Libau Am verflossenen Sonntag abends wurden, wie die „Libauer Zeitung" meldet, mit dem dänischen Schiffe „Cos" mehr als 100 jüdische Emigranten (Männer, Frauen und Kinder) nach dem Auslande expediert. Das Reiseziel der meisten Auswanderer sind die Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo der grösste Teil von Verwandten und Bekannten, die sich dort bereits angesiedelt haben, erwartet wird. * Wolhynien. Wie die „Nowoje Wremja" meldet, macht sich unter den Juden in Russland eine starke Bewegung zur Auswanderung nach Kanada bemerkbar. Es wandern zahlreiche Familien, besonders aus dem Gouvernement Wolhynien, nach Kanada aus. ■X- Tschudnowo. Ein Verein jüdischer Mädchen, welcher sich zur Aufgabe stellte, Bildung unter den armen Juden der Städte zu verbreiten, hat sich an den bekannten russischen Schriftsteller Maxim Gorkij mit dem Ersuchen gewendet, seine Werke dem Vereine zur Verfügung zu stellen. Der Verein erhielt von Gorkij folgende Antwort: „Die Bücher werden Sie aus Petersburg erhalten, wohin ich bereits geschrieben habe. Gebe Gott, dass es dem Vereine gelingen möge, das Licht des Wissens in das Leben des guten jüdischen Volkes zu tragen." Journalistische Heldentaten. Eine der abgeschmacktesten Phrasen, die weder Geld noch Geist kostet, istdie Versicherung jüdischer Assimilantenführer, -Rabbiner und -Journalisten, „Es werde schon besser werden". Mit einer Sicherheit, als ob sie von der Vorsehung der russischen und rumänischen Juden ein Briefchen bekommen hätten, versprechen sie, „dass baldigst der Geist des Fortschrittes, des Lichtes und der Humanität auch in jene Gegenden etc." Der Geist des Fortschrittes und des Lichtes ist zwar ein Hauptantisemit, denn er kommt nie hin, wo sich Juden befinden — aber die Redensart ist schön und klangvoll, und Trost kostet wenig Geld — a]so wird sie aufs äusserste misshandelt. Auch letzthin hat sie ihre berüchtigte Rolle gespielt. Dr. Herzl sagte in London, es fiele den östlichen Juden äusserst schwer, ihr Leben zu fristen. Sofort orakeln ein paar reichsdeutsche Judenblättchen ihren Abonnenten sowie ihren Lesern vor, das wäre eine unvorsichtige Aeusserung gewesen und auch nicht ganz richtig, „denn der Geist--" „Wiener Mittagsblatt" vom ± August 1902: Die Moskauer Gefängnisse sind übervoll von Arbeitern, die nach Sibirien überführt werden. Unter diesen Verbannten befindet sich eine grosse Anzahl jüdischer Arbeiter. Wenn man einen alten jüdischen Arbeiter, der schon seine sechzig bis fünfundsechzig Jahre zählt, fragt, wie er eigentlich zu solchen Dummheiten gekommen ist, so erwidert er