Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Article
- Uebergang
- Date
- 1902-08-01
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315991-3323332--33813-3323412- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 31 „Die £ Welt** Seite 15 Ich schulde dir, die Gründe hierfür anzugeben. Wie du weisst, habe ich nur unter der Bedingung meine Zustim-; mung dazu gegeben, dass unsere Liebe durch die Ehe gekrönt werde, dass mein Vater hiermit einverstanden sei. Ich finde nun, dass sein Einverständnis nicht der freie Ausf luss seiner Seele ist, sondern von ihm nur kundgegeben wurde, um mein Glück zu fördern. , Versuche es, dir vorzustellen, was es für einen alten Mann in den Siebzigern heisst, sich von den Vorurteilen des ganzen Lebens loszureissen und du wirst einen Begriff bekommen von dem, was er für mich tun wollte. Aber das ging über seine Ivräfte. Sein Herz war im Begriffe, dabei zu brechen und ich fürchte, dass auch sein Verstand gelitten hat. Du wirst sagen, warten wir wieder jene Möglichkeit unserer Vereinigung ab, die ich offen auszusprechen nicht kaltblütig genug bin. Aber ich halte es nicht für geziemend, dass du dein Glück fürderhin mit dem meinen verquickst. Ein neuer Gedankengang ist in meinem Geiste entstanden. Wenn eine Eeligion, die ich bloss für Formalismus hielt, imstande ist, solche Typen der Selbstverleugnung, wie mein teurer Vater, hervorzubringen, dann muss auch sie auf die eine oder andere Weise veredelnden Inhalt und alle jene Antriebe zur Selbstaufopferung enthalten, welche die Welt als christlich bezeichnet. Ich habe sie immer missverstanden. Wir werden so schlecht belehrt. Vielleicht ist die Epoche des Judentums, in welcher ich geboren bin, bloss eine Uebergangs-Epoclie, vielleicht bezieht sich das überhaupt nur auf die mittleren Klassen, denn ich weiss, dass ich mehr von seiner Poesie in meiner Kindheit empfunden habe; vielleicht wird die Zukunft die göttlichen Seiten des Judentums entwickeln oder wieder pflegen und mehr Nachdruck legen auf schönes Leben. Der blinde Isolierungsinstinkt ist nur das Bestreben der Erhaltung der Rasse für ihre edlere Zukunft, in der unser Volk im wahren Sinne ein auserwähltes sein wird, in. dem alle Familien auf Erden ihr Heil finden werden. All dieses ist wahrhaft konfus und chaotisch. Es ist mir diese Nacht in den Sinn gekommen. Ich weiss nichts Genaues; aber das eine weiss ich, dass ich eine sichere Hoffnung auf irdische Erfüllung unserer Liebe nicht hegen kann. Ich fühle mich auch im Uebergange, wenn auch ich nicht weiss, nach welcher Bichtung. Aber, teurer Alfred, werden wir das christliche Leben der Selbstverleugnung nicht wahrer leben, wenn wir die Hoffnung auf persönliches Glück aufgeben? Vergib mir, Teuerster, die Pein, die ich dir verursache und das wird mir helfen, die meinige zu ertragen. Bis ans Lebensende deine Freundin Florenee." Es war einUhr nach Mitternacht, als der Brief beendigt war, und als er gesiegelt war, stahl sich ein Zug der Erleichterung über das Verbleiben in der jüdischen Gemeinschaft über ihr Gesicht, obgleich sie es sieh selbst nicht zugestehen wollte und das Gefühl ungeduldig als Atavismus analysierte. Aber wenn sie den Brief über Facht liegen Hesse, würde er dann je auf die Post befördert werden? Doch über das ganze Haus war bereits Finsternis gebreitet. Sie war das einzige wache Geschöpf in demselben. Und doch verlangte es in ihr, die Sache überstanden zu haben, sie unwiderruflich zu machen. An der Strassenecke befand sich ein Brief kästen. Sie zündete eine Kerze an und schlich auf den Vorplatz hinaus, einen ungeheuren Schatten werfend, der sie erschreckte. In ihrer erhitzten Stimmung schien es ihr, als ob eine unheimliche Gestalt sie angrinste. Ihrer Mutter Totenbett stieg plötzlich vor ihr auf und ihre Stimme rief ihr zu: „Florie, fürchte dich nicht, ich will dir einen Bräutigam findend War dies der Bräutigam? „Vater, Vater," rief sie in plötzlichem Schrecken. Eine Tür öffnete sieh rasch; eine Gestalt in Pantoffeln, stapfte heraus — eine teure, beruhigende Gestalt. Sie hielt in der Hand das farbige Taschentuch, welches mit die Ursache seiner Verbannung aus dem Salon gewesen war. Seine Augenlider unter den auf die Stirne geschobenen Augengläsern waren rot: auch er hatte gewacht. „Was gibt's? Was hast du, Klein-Schapsie?" „Vichts. Ich — ich — ich wollte dich nur fragen, ob du nicht so gut sein wolltest, diesen Brief in den Briefkasten zu werfen — noch heute nachts?" „Ob ich nicht so gut sein wollte? Warum nicht, ich werde frische Luft schöpfen." Er ergriff den Brief und versuchte schalkhaft zu lächeln, nachdem er die Adresse gelesen hatte. „IIo, ho!" Er kniff ihr in die Wangen. „Wir dürfen keinen Tag vorübergehen lassen, ohne ihm zu schreiben! Was?" Sie erbebte unter seinem unvorhergesehenen Missverständnis. „Nein," wiederholte sie, „wir dürfen keinen Tag vorübergehen lassen." „Aber jetzt geh' zu Bett, Klein-Schapstc. Du bist ganz blass. Wenn du so spät wach bleibst, um ihm Briefe zu schreiben, wirst du ihm eine schöne Braut abgeben!" „Nein, ich werde ihm keine schöne Braut abgeben," wiederholte sie. Sie hörte die Eingangstüre leise schliessen, und ihre Augen füllten sich mit göttlichen. Thränen, als sie an die Freude, dachte, die ihn nach seiner Rückkehr erwartete. Mitteilungen des österreichischen L-C. Bureaustunden täglich von 6—8 Uhr abends im Bureau IX., Türkenstrasse 9, T. 36. Arbeitskalender: August: 11. September: 1. 15. An diesen Tagen sind die Mitglieder des L.-C. im Kongressbureau von 7—1/28 Uhr abends zu sprechen. In der Sitzuog vom 28. Juli wurde beschlossen, eine Nationalfonds-Kommission, mit deren Bildung der Kassier des L.-C. betraut wurde, zu ernennen. Alle Bestellungen auf Nationalfonds-Marken wolle man von nun an den Kassier Herrn Dr. Hugo Benedikt, I., Tiefer Graben 25, richten. Wegen Verschleissartikel wende man sieh an Herrn Sekretär Adolf Pollak, IX., Türkenstrasse 9, der auch wegen Parteisteuer Auskunft erteilt. * Krakau. Das Distrikts-Comiie Westgaliziens hielt seine erste konstituierende Sitzung am 25. Mai d. J. in Krakau ab. Von Seiten der am IL Zionistentage in Bielitz ernannten drei D.-C.-Mitglieder wurden weitere vier Heeren kooptiert und besteht sohin das D.-C. aus folgenden Herren, die gemäss § 9 des öst. Org.-Stat. vom L.-C. bestätigt wurden: Advok.-Kand. Dr. Ludwig Goldwasser, Obmann, Sina Pel z, Kaufmann, Obmann-Stellvertreter, Advok.- Kand. Dr. Hermann Syrop, I. Sekretär, Paul Ei es er, Bankbeamter, II. Sekretär, stud. med. Heinrich H i 1 f s t e i n, Kassier, Heinrich B a n d e t, Privatbeamter, Kassier-Stellvertreter, Advok.-Kand. Dr. Michael Lehr freund. Nach Annahme einer Geschäftsordnung wurde, gemäss den Bestimmungen derselben, die Bildung von fünf Sektionen des D.-C. beschlossen und übernahmen die diesbezüglichen Aufgaben folgende Herren als Eeierenten dss D.-C: Dr. Sjrop und Dr. Lehrfreund, Broschüren- und Presssektion, Ries er, Agitation und Organisation, Hilfstein undßandet, Finanzen, Pelz undDr. Goldwasser, Wirtschaftliches, Dr. Goldwasser und Dr. Lehr freund, Statistisches. Die einzelnen Sektionen werden durch Kooptation ausserhalb des D.-C. ergänzt, und sind beratende, sowie Vollzugsorgane des D.-C. Es wurde endlich beschlossen, einen Aufruf an alle Vereine und Vertrauensmänner des Distriktes auszusenden, beziehungsweise in einzelnen Ortschaften Vertrauensmänner zu ernennen und damit den ersten Schritt zur Organisation der Provinz vorzunehmen.