Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
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- Date
- 1902-08-01
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 ^Die 2& Welt" Nr. 31 tragischen Moment zu stärken. Er wollte mit anderen Leuten durch das Mitteltor hineingehen, aher der Polizist'wies ihn zum Seitentor. Er schlich scheu hinein. Trotzdem die Kirche voll war, wirkte der kalte Steinraum eisig auf sein Herz, das fremde Lehen konnte seine Seele nicht erwärmen. Das furchtbare Wort Meschumed*) schien ihm von den kalten Pfeilern entgegenzutönen. Er bemerkte plötzlich, dass seine Begleiter ihre Häupter entblösst hatten und hastig riss er seinen ländlichen Hut vom Kopfe — das Ungewohnte seiner unbedeckten Glatze vervollständigte sein Gefühl des nicht Weihevollen. Die Zeremonie schien noch nicht zu beginnen, doch als er in einen Kirchenstuhl im Seitenschiff schlüpfte, ertönton von einer Orgel fröhliche Präludien. Einen Augenblick lang wunderte er sich, dass alles ringsherum fröhlich war, während seine Augen sich mit bitteren Tränen füllten. Durch Vorstrecken des Halses erblickte der alte Mann am entfernten Ende der Kirche eine Art Plattform und darauf vier Männer in sonderbaren fliegenden Gewändern unter einem Kreuz stehend. Er schloss seine Augen vor dem Anblick des Symbols, das das Leben seiner Ahnen verdunkelt hatte. Als er sie wieder öffnete, knieten die Männer. Würde auch er zu knien haben? Würden seine alten Gelenke sich auch dieser heidnischen Stellung anpassen müssen? Dann erschienen vier Brautjungfern mit grossen Bhimen-Bouquets auf der Plattform und schritten theatralisch gemessenen Schrittes den weiten Mittelgang entlang, zu. entfernt für sein Gesicht. Seine Kachbarn erhoben sich, um sie zu sehen. Auch er stand auf. Und währenddem rauschten die fröhlichen Kadenzen der Orgel durch den Baum. Eine Bewegung und ein Summen entstand. Die Prozession begann einzutreten. An ihrer Spitze ein blasser, ernst dremblickender junger Mann, von einem munteren, jüngeren begleitet. Ihnen folgten andere junge Leute; dann erschienen die Brautjungfern wieder. Und zuletzt — das Ziel aller Blicke -— kam die Braut, ganz in weissen Schleiern verhüllt, geführt von einem alten Manne von militärischem Ausdruck. Ah! Das wird er und Schapsie sein. Diese lange Allee entlang unter den Blicken all dieser neugierigen christlichen Augen, wird er, Daniel Peyser, einher schreiten. Er versuchte es im Geiste durchzumachen, um sie nicht zu beschämen : er schritt steif und feierlich einher, Schön-Schapsic in einer Wolke von Sehleiern am Arm. Er sah sich langsam die Plattform unter dem kalten Kreuz erreichen; dann schwamm alles vor seinen Augen und er sank schaudernd in seinen Sitz zurück. Seine kleine Schapsie! Sie war im Begriffe, von diesem verhassten Heidentum aufgesogen zu werden. Er süss in sonderbarem Taumel da, es kaum bemerkend, dass die Orgel zu spielen aufgehört hatte und dass an dessen Stelle der Priester seine Bede begonnen hatte. Als er seine Augen erhob, erblickte er die ganze Hochzeitsgesellschaft wie durch einen Nebel. Er hielt seine Hand über seine Augenbrauen. Plötzlich drang ein Satz aus der Ansprache des Geistlichen in sein Gehirn: „Wenn irgend jemand einen gerechten Grund anzugeben vermag, dass das Brautpaar nicht gesetzlich vereinigt werde, möge er jetzt sprechen, sonst aber möge er von nun an ewig Buhe geben." Gott Israels! Das war die letzte Gelegenheit! Er sprang auf und schrie in Todesangst: „Nein, nein, sie darf ihn nicht heiraten! Sie darf nicht!" Alle Köpfe wendeten sich, dem schäbig gekleideten alten Manne zu. Ein Fieberschauer ging durch die Kirche. Die Braut erblasste; eine Brautjungfer schrie laut auf; der bestürzte Geistliche stand sprachlos da. *) Apostat. Ein weissbehandschuhter Zeremonienmeister sprang herbei. ": " *J","S „Sie verbieten das Aufgebot?" fragte der Geistliche. Des alten Mannes Geist erwachte und suchte tappend zu begreifen. „Was haben Sie einzuwenden?" fuhr ihn der Zeremonienmeister an. „Ich — gar nichts," murmelte Daniel in furchtsamer Verwirrung. „Er ist betrunken," rief der Zeremonienmeister. „Hinaus mit euch, Mann!" Er drängte Daniel zum Seitentor hinaus und warf es hinter ihm zu. Daniel bebte vor der draussen stehenden Schar der Neugierigen zurück. Er blieb in elendem Zustande im Vorraum, bis der Hochzeitsmarsch in ironischem Triumphe vorbeizog und der Menschenstrom ihn auf die Strasse mitzog. XL Seine zerstreuten Blicke, seine zerrissenen Beden beunruhigten Schapsie bei der Abendmahlzeit, aber sie konnte nicht herausbekommen, was vorgefallen war. Im Abendblatte fiel ihr Auge auf einen grossgedruckten Titel: „Ich verbiete das Aufgebot". Merkwürdige Szene in der Chalk Earm-Kirche. Nachdem sie schon die Lektüre dieses Artikels beendigt hatte und einen anderen zu lesen begann, kam ihr der erstere langsam zum Bewusstsein und ein sonderbarer Verdacht begann in ihr aufzusteigen. Das war ja die Kirche, in der —? Und ein jüdisch aussehender alter Mann —! Grosser Gott! Dann war alles bloss Pose, Selbstaufopferung! Und sein Geist brach unter der zu schweren Last zusammen. Bloss blinde Gier nach eigenem Glück konnte sie glauben machen, dass die Lebensgewohnheiten von siebzig Jahren vergessen werden könnten. „Vater," fing sie an, „du wirst mich nun bald verlieren." Seine Lippen erzitterten und bemühten sich, dabei ein Lächeln zur Sebau zu tragen. „Ich bin sehr froh." Er ruhte aus, mit sich selbst kämpfend. „Wenn du nur sieher bist, glücklieh zu werden!" „Aber haben wir darüber nicht oft genug gesprochen, Vater?" „Jawohl, aber du weisst, wenn ein Streit ausbrechen wird, wird er dir vielleicht vorwerfen, dass du — " „Unsinn, Unsinn," lachte sie. Aber die Wiederholung des alten Gedankens traf sie scharf, als ein Zeichen des faselnden Geistes. „Und du bist sieher, mit ihm dauernd beisammen zu leben?" „Vollkommen sieher." „Dann bin ich froh." Er zog sie an sich und küsste sie. Sie brach zusammen und weinte unter der Ueberzeugung, dass er nicht die Wahrheit sprach. Nun wurde er seinerseits zum Tröster. „Weine nicht, Klein-Schapsie, weine nicht! Ich wollte dich nicht erschrecken. Alfred ist ein guter Mensch und ich bin dessen sieher, dass — selbst, wenn ihr streiten werdet, er dir niemals vorwerfen wird, dass du eine —" Das Murmeln ging in einen Kuss auf ihre nassen Wangen über. XII. Nach einem langen Wachen in ihrem Zimmer schrieb Schapsie noch in derselben Nacht den folgenden Brief: „Teuerster Alfred! Es wird dir ebenso peinlich sein, diese Zeilen zu lesen, als mir, sie niederzuschreiben. In der elften Stunde finde ich, dass ich dich nicht heiraten kann*