Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Article
- Jahresbericht der "Jewish Colonisation Association"
- Date
- 1902-08-01
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 31 Gewinste der Ernten und Viehzucht für die Rückzahlung ihrer Schulden zu reservieren. Ein günstiges Jahr genügt, um ihren Eifer wiederherzustellen. Im Jahre 1901 zahlten die Kolonisten etwa 50.000 Dollars von ihren Schulden zurück. Die Direktion entschied, ihnen etwa 32.000 Dollars zurückzustellen, um sie in die Lage zu versetzen, Saaten anzukaufen und sich bis zur nächsten Ernte zu behaupten. Z e b a 11 o s. Das Viehzucht - Etablissement in Zeballos hat nicht die Resultate gebracht, die erwartet worden sind. Die Dürre verursachte den Verlust vieler Tiere und die Einnahmen deckten nicht die Ausgaben. Unter diesen Umständen beschloss die Verwaltung, das Etablissement zu sperren. In zu grosser Entfernung von den verschiedenen Kolonisationszentren gelegen, war es nicht in der Lage, die Kolonisten mit dem nötigen Vieh zu versehen. Da es also nur Handelszwecken diente und keinen Gewinn brachte, schien es zweckmässig, dieses Unternehmen nicht fortzuführen. Es sind Schritte unternommen worden, die Tiere zu verkaufen und den Boden und die Einrichtungen zu verkaufen oder zu vermieten. II. Brasilien. Im Jahre 1901 ordnete der Vorstand (der „Ica") eine Untersuchung nach der Richtung an, welches die Bedingungen wären, welche die brasilianische Provinz Rio Grande de Sul einer jüdischen Kolonisation bieten würde. Herr D, Gazes, der Direktor der „IcaK in Argentinien und Herr L a p i n e, Administrator der Entre Rios-Kolonien, studierten die Fragen an Ort und Stelle. Da die Berichte, die sie erstatteten, dem Projekte nicht günstig waren, entschied der Vorstand, die Autoritäten zu sondieren, um zu erfahren, welche Begünstigungen sie einem eventuellen Beginnen zuteil werden Hessen. (Fortsetzung folgt.) Zangwill und die „loa". Die „T i m e s" publizieren in ihrer Nummer vom Dienstag unter dem Titel: Die Hirse loschen Millionen folgenden Brief Israel Zangwills; Geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir in Kürze auf den Gegenstand der teilweise unrechten Verwendung der Hirsch'schen Millionen zurückzukommen. Auf meine in Ihren Spalten wiedergegebenen Anklagen ist von den Kuratoren keine Erwiderung versucht worden, während bei der letztwöchentlichen General-Versammlung der Anglo Jewish Association — der einzigen Gelegenheit im Jahre, wo die Vertreter des Kuratoriums gestellt werden können — eine Diskussion der von mir angeregten Fragen von dem Präsidenten mit der ausweichenden Einwendung hintertrieben wurde, dass ich nicht anwesend sei. — Ich bin gar nicht Mitglied der A. J. A. — Die Verteidigung, die Mr. Claude Montefiore in seiner präsidentiellen Ansprache versuchte, war von derselben wortspielenden Art. Der grösste Teil der Fonds der Iea, sagte er, ist zugunsten der russischen Juden bestimmt. Wie kann dann dieses Geld in Palästina ausgegeben werden, von welchem Lande die russischen Juden ausgeschlossen sind? Ich habe auf diesen kindischen Witz bereits geantwortet. Es könnte ein Teil des Geldes dazu verwendet werden, ihre Zulassung in dieses* Land zu sichern. Mr. Montefiore gibt auch zu, dass das für die Juden in der Türkei gespendete Geld nutzbringender als irgendwo und ohne jegliche amtliche Hindernisse verwendet ist. Mr. Montefiore ist auch nicht darauf begierig, dis russischen Juden nach Argentinien zu exportieren, denn er sagt, dass die russisch-jüdische Frage nur in Kussland selbst gelöst werden könne. Allein es war dies nicht die Ansicht des Baron Hirsch. Seine Idee war, die Juden aus Eussland wegzuschaffen. Die Jüdische Kolonisationsgesellschaft (Jewish Colonisation Association) ist nicht die Jüdische Beschönigungsgesellschaft. Sie hat zu kolonisieren. Wenn sie das. nicht ausführen kann, was Baron Hirsch gewünscht hat, so mögen die bisherigen Verwalter von ihren Stellen zurücktreten oder aber wenigstens die Stiftung ändern. Aber bei dem gegenwärtigen Stande des Vermächtnisses darf Mr. Montefiore das Geld des Baron Hirsch nicht dazu verwenden, um Mr. Montefiores Ideen zu fördern. Die Jewisch Colonisation Association ist eine öffentliche Körperschaft. Ich frage nun noch einmal: W a r u m zaudert sie, ihre Bilanz zu veröffentlichen? Ihr ergebener Israel Zangwill. Die sozialen Verhältnisse der deutschen Juden. Vor Jahren kennzeichnete Nordau die Lage der Juden mit den knappen Worten: „Im Osten gibt es eine physische, im Westen eine moralische Judennot." Da wir Zionismen von der Wahrheit dieser Worte durchdrungen waren, so haben wir eine Partei geschaffen, deren Tätigkeit den beiden genannten Uebeln abhelfen soll. Von gegnerischer Seite wird nun zwar die physische Judennot des Ostens zugegeben, aber die moralische des Westens entweder gänzlich geleugnent oder als vorübergehend und als „nicht so schlimm", für nicht beachtenswert erklärt. Unsere Gegner pflegen zum Beweis triumphierend auf die Aussprache irgend eines berühmten Mannes hinzuweisen, der den Antisemitismus verurteilt hat, und die Worte werden dann mit breitem Behagen in den Assimilationsblättern abgedruckt. Man übersieht dabei gänzlich, dass es ein böses Zeichen ist, wenn man extra mitteilen muss, dass jemand kein Judenfeind sei. Das Endresultat der Betrachtungen ist natürlich, dass ein deutscher Jude sich diesem grossen '^Kampfe nicht anzuschliessen brauche, denn die Zionisten übertrieben absichtlich die Schilderung der moralischen Judennot. Führen aber Exzesse des ungebildeten oder gebildeten Pöbels eine zu vernehmliche Sprache, so pflegt man seiner Untätigkeit noch einen Nimbus durch die prophetischen Worte zu verleihen: „Es wird schon wieder besser werden." Wird es wirklich besser oder haben wir Zionisten nicht doch recht, wenn wir auch in Deutschland eine gänzliche Umgestaltung der Lebensweise und der Lage der Juden anstreben? Ist der Optimismus der Assimilanten nicht vielmehr eine Frivolität, und die moralische Judennot in Deutschland nicht von den übelsten Folgen * für die Entwicklung des Judentums begleitet? Für manche dieser Behauptungen wollen wir aber heute nicht das gekränkte Ehrgefühl und das blutende Herz als Beweismittel anführen, sondern nüchterne Zahlen, denen auch ein fühlloser Mensch glauben muss. In den „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik" ist von A. Euppin eine „statistische Untersuchung der sozialen Verhältnisse der Juden in Preussen und Deutschland" veröffentlicht worden, aus der einige Daten folgen mögen: „Dem Handel gehören fünfmal mehr Juden als Christen im Verhältnis zur Bevölkerungszahl an, dagegen stellen sie nur des ihnen zukommenden Kontingents in der Landwirtschaft. In Handel und Industrie sind ungefähr drei Viertel aller erwerbsfähigen Juden vertreten, wählend nur 8,9& Perzent anderen Berufsarten angehören. Unter diesen ist die Handarbeit mit kaum nennenswerten Zahlen yertreten* Dei Best von 16a36 Per-