Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 30 (25.7.1902)
- Article
- Jahresbericht der "Jewish Colonisation Association"
- Date
- 1902-07-25
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 „Die £ Welt" Seite 5 Es bestehen in Mauricio 2 Schulen mit 171 Schülern. Die sanitären Verhältnisse liessen im Jahre 1901 nichts zu wünschen übrig. Ein Arzt aus Gazares besucht zweimal wöchentlich die Kolonie und kann in dringenden Fällen gerufen werden. In der Kolonie gibt es eine Apotheke. Die allgemeine Lage der Kolonisten hat sich im vergangenen Jahre bedeutend verbessert. Sie haben sich in grösserem Masse selbst von schweren Schulden befreit, die sie in Cazares eingegangen sind. Die Administration erwägt einen Plan zur Gründung eines Uiniwirtschafttichen Kreditorenvereines, um die Kolonisten von den oft exorbitanten Forderungen der Geldleiher zu befreien. Es herrscht hier unleugbares Gedeihen. Die zwei Fleischerladen in Alice und Algar- , obo liefern den Kolonisten dreimal in der Woche Fleisch ins Haus. Die grosse Schwierigkeit besteht darin, mehr Land zu bekommen. Viele Besitzungen sind dieses Jahr angesehen worden, aber keine einzige konnte gekauft werden. Verschiedene tausend Hektar sind notwendig, am die Schwiegersöhne und Söhne der Kolonisten, sowie die Familien der Arbeiter anzusiedeln. Der Besitz „La Esperanzau, welcher vergangenes Jahr erworben wurde ufl4 8000 Hektar misst, ist noch für 6 Jahre verpachtet, und aller andere Boden der Kolonie, zirka >3.500 Hektar, ist besetzt. Erwähnung muss noch gemacht werden der Gebäude, welche die Kolonisten zum Einlagern des Getreides aufgeführt haben, welche sie auf eigene Kosten errichtet haben, von 80 Brunnen, welche gebohrt wurden, und von 34.000 Wald- und 2100 Fruchtbäumen, welche gepflanzt werden. Mehr als 400.000 Dollars sind für diese Verbesserungen und Erwerbungen ausgegeben worden. Die Kolonisten haben eine Krankenkassa gegründet,'welche sehr zufriedenstellend tätig ist, Ferner zwei Wohltätigkeitsgesellschaften für gegenseitige Hilfe. Die Bibliothek ist in zwei Sektionen geteilt worden"; ine ist in der Schule von Algarrobo, die andere in der von Alice untergebracht Wirklicher Fortschritt ist im sozialen Leben der Kolonisten wahrnehmbar. (Fortsetzung folgt.) Mädchenhandel. Von Israel Auerbach. Es geschehen auch heute noch Zeichen und Wunder. Misere „Geistlichen'^ diese inkarciierten Symbole einer ■•■einen Idee, diese talar behängten Bekenntnisse einer blossen Konfession, diese wandelnden Gewissen der monotheisti- Hjhen Geisteswelt, haben es über sich gewonnen, einmal herabzusteigen von ihrem Wolkenbodeir*und auf harter, nia- ■erieller Erde unter körperlichen Menschen und Dingen miherzuwandeln. Sic haben wirklich einmal nicht nur über lie „höheren" Bedürfnisse gebetbuchdürstiger Seelen räoniert, sondern sich wahr und wahrhaftig mit einem — .:;uiz gemeinen sozialen Probleme beschäftigt. Die Seelorge ist tot: es lebe die Sozialpolitik! 'lieber uns, die Juden der Tat, kam's wie ein Aufatmen 'vi diesem Gedanken. Das ist doch ein erster, wenn auch hiiehterner Spatenstich in neues Land! Das ist doch, irenn auch zaghaft, der erste Schritt, der Fortschritt vom bieten zum Arbeiten. Endlieh auch von — drüben der auf innerer Seite schon lange erfolgte Bruch mit dem alten, lenden, dekadenten System des Duldens, des Zuwartens mjkI Gott-allein-tun-lassens. Mit eigenem Lächeln erinnern wir uns der emphatischen Predigt, die der Vorsitzende «los Deutschen Rabbinerverbandes uns vor Jahren gehalten: Ist die Hand des Herrn zu kurz? Was greift ihr ihm vor? Xun, auch unsereEabhiner fallen in diese Sünde und sollten wir im Jenseits dereinst dafür bei den Ohren genommen werden, so werden wir wenigstens die Genugtuung haben, unsere „geistlichen Väter" unter uns zu sehen. Denn auch sie beginnen, Gott vorzugreifen — mit menschlicher Arbeit. Auch ihnen scheint es endlich aufgegangen, dass der Erdenmensch selber das einzige, Werkzeug der Geschichte ist, und sein schönster Ruhm, es bewusst und mit Willen zu sein. Wir wollen die psychologischen Gründe nicht untersuchen, wrelche die deutschen Rabbiner zur Besinnung gebracht haben. Auffällig bleibt eines immerhin: Alles Leid und alle Not unserer bedrängten Brüder, ihr Hunger, ihre Heim- und Rechtlosigkeit, die Degenerierung ihrer Muskeln und Gehirne, die Verkümmerung ihrer sozialen Instinkte und der jammervolle Erstickungstod ihrer Talente — hatten nicht genügt, die „Führer Israels" aus dem Schlummer zu wecken, den das benebelnde Opium der Mission sidee mit ausschweifenden Träumen angefüllt hatte. Erst die moralischen Folgen all jenes Elends haben sie aufgestört. Sollte, was das Mitleid nicht vermocht, sollte das die Furcht bewirkt haben? Sollte, während die Sorge für das leibliche Heil der Brüder schlief, die Sorge für eigenes Seelenheil sie geängstigt haben? Oder sollte die Furcht mehr aussen liegen? Dass man den ,,Gla.ubcnslehrern"' das ankreiden möchte, Avas in der „G-laubensgeineinde" eine so schreckliche und schändliche Erscheinung ist? Wir wollen darüber nicht aburteilen. Wir wollen auch nicht darüber rechten, dass erst unsere Töchter fallen raussten, dass erst unsere Mädchen der Lust und der Schande verkauft worden mussten, ehe die Rabbiner sich rührten, um zur Lage unseres Volkes ihre Stellung zu nehmen. Vergessen wir das und freuen wir uns, dass endlich, dass überhaupt die Erkenntnis kam. Bislang wurde alles schön zugedeckt. Wo ein Defekt vorhanden, wurde er wegdisputiert. Hatte sieh eine sittliche Pfütze wo auf getan, so schüttete sie ein Hagel von W orten über die Reinheit unseres Glaubens schleunigst zu. Die Krankheit, bekennen, ihre Gründe erforschen und aus der Welt schaffen, war verpönt. Die alte Praktik der Schwindsucht stand in Blüte: man Hess lieber sterben, als konstatieren. Dann kam die zweite Phase der Quacksalberei. Man heilte durch Lernen nach dem alten Rezept: Gegen Kopfweh — Talmud. Und man begann „das geistige Niveau der Juden zu heben", man pflanzte Schulen, um die Sümpfe des Ghetto zu trocknen. — Dem Mädchenhandel war es vorbehalten, diese Methoden des Unsinns über den Haufen zu werfen. Erst hier ist den Babbincrn. auf gedämmert, dass soziale Leide n wie' soziale Grösse i r r e- 1 e v a n t sind g e g e n Wissen u n d G 1 a u b e n, dass nie Synagogen und Schulen die Wunden heilen, welch.e der Hunger sehlägt. Die Rabbiner selbst haben es ausgesprochen: dass das einzige Mittel zur Beseitigung de« jüdischen Mädchenhandels die II e b u n g der s o z i a 1 c n Verhältnisse d e r J u d e n ist. Tiefe, banale, dringende, späte Einsicht! Der Zionismus hat längst seine Konsequenzen gezogen. Er will die Erlösung aus der sittlichen Not so gut wie die vom Hunger. Wie denken sich beide unsere deutschen Rabbiner? Wie denken sie sieh jene soziale Hebung, die sie als notwendig erkennen? Mit Erregung, mit Beben stellen wir diese Frage, denn sie wird ja die Tat, die grosse Tat der Erretter zeigen, auf die unser Volk unter Martern wartet! Wir sehen keine Tat. In den feurigen Traktaten, .die der Rabbinerverband unterzeichnen wird, findet er selbst nicht das Heil. Schulen und Lehrer backen dem Volke kein Brot, mit dein die Sittlichkeit in sein Inneres gelangt. Sich an die Regierungen Europas zu wenden um Abhilfe der Not wird der Rabbiner-