Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 30 (25.7.1902)
- Article
- Eine zufriedene Gesellschaft
- Date
- 1902-07-25
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315990-3323109--33590-3323218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 „Die $: Weif Nr. SO gelungen oder doch auf dem Wege zum Gelingen sei! Weil von mehreren Dörfern ein einziges nicht verkracht ist; vU Und eine solche Behauptung bringt der Präsident der Anglo Jewiseh Association vor — in einer Zeit, da die Misere in Eumänien einfach grässlieh zu werden droht. Um nur von Rumänien zu sprechen. Im ganzen Osten von Europa, aber auch an allen anderen neuen und alten Ansiedlungspunkten ist die Judenheit ein einziger Seufzer, ein einziges Stöhnen. Und Herr Claude Montefiore verweist auf die paar Familien _ von Moisesville in Argentinien. Wir Zionisten sind eine unzufriedene Gesellschaft. Diese paar Familien sind uns zu wenig. Nachwort zur Versammlung des Deutschen Rabbinerverbandes. Am 7. und 8. dieses Monats tagte in Frankfurt a. M. die Generalversammlung des Deutschen Rabbinerverbandes. Wie wir in 2fr. 25 berichteten, hatte Dr. Grone mann aus Hannover die Absicht, den Zionismus in dieser Konferenz aufs Tapet zu bringen, indem er veranlassen wollte, dass der Rabbinerverband seine eigentümliche, vor nunmehr 5 Jahren erlassene Achterklärung wider den Zionismus revidiere. Durch welche geheimen Mächte Herr Dr. Gronemaan bewogen wurde, den hierauf abzielenden Antrag nicht einzubringen oder den bereits eingebrachten Antrag zurückzuziehen und der Versammlung fernzubleiben, ist uns nicht bekannt. Doch dürfte diese Generalversammlung des Rabbinerverbandes die letzte gewesen sein, unter deren V&rhandlungsgegenständen unseren Bestrebungen kein Platz eingeräumt wurde. Zu dieser Vermutung berechtigt uns nicht nur ein Zwischenfall, der uns den guten Willen eiries beträchtlichen Teiles der Versammlungsteilnehmer enthüllte, über das Wesen des Zionismus Klarheit zu gewinnen, sondern auch Wahrnehmungen allgemeiner Art. Wie der Wirkungskreis der modernen jüdischen Gemeinde im allgemeinen, so weitet sich auch das Tätigkeitsgebiet der zeitgenössischen Rabbiner von Tag zu Tag, ja es erfährt durch, die Zuspitzung der Notstände unserer Volksgesammtheit allmählich eine völlige Verschiebung. Dies ist auch auf der Rabbinerkonferenz, die uns hier beschäftigt, in deutlicher und charakteristischer Weise zu Tage gekommen. Während in früheren Versammlungen deutscher Rabbiner neben Standesfragen vorwiegend Angelegenheiten der „Seelsorge" und des Rituals zur Erörterung gelangten und die Zwischenzeit von selbstgefälligen Pflegern derKanzelbcredsanikeit damit ausgefüllt wurde,anstatt ihrer gewohnten „andächtigen Zuhörer" zur Abwechslung einmal die verehrte Kollegensehaft mit neuen Variationen des abgeleierten Missionsthemas zu langweilen, erstreckten sich die Beratungen des Deutschen Rabbinerverbandes diesmal auf hochernste sozialpolitische Probleme des jüdischen Lebens unserer Zeit. Es wurde ein Referat über die Bekämpfung des jüdischen Mädchenhandels erstattet, ein anderes über „Die Betätigung des Rabbiners an der Lösung sozialer Aufgaben". Daneben gab's freilich auch einen salbungsvollen Vortrag über „Die Bedeutung des Judentums in der /Gegenwart", in dem die viel strapazierte „Weltmission" wieder einmal zum Erbarmen abgequält wurde. Dies ändert jedoch wenig an der Tatsache, dass im Gesichtskreise der deutschen Rabbinerschaft — sei's auch nur ganz am Rande — die grossen lebendigen Probleme des Judentums aufzutauchen beginnen. Und darum getrauen wir uns, vorauszusagen, dass die jüngste Generalversammlung des Deutschen Rabbinerverbandes wohl die letzte gewesen ist, auf der unsere zionistischen Bestrebungen nicht die Würdigung gefunden hadern die ihnen zukommt. In der Rede, mit der Rechtsanwalt' Dr. Plotke im Namen der Frankfurter jüdischen Gemeinde die Versammlung begrüsste, sagte er mit Beziehung auf den Punkt der Tagesordnung, welcher die Bekämpfung des Mädchenhandels bezweckt, es sei dies ein Sehaden, „welcher in den Ländern, wo unsere Glaubensgenossen zusammengepfercht nicht leben und nicht sterben können, in bedauerlichster Weise um sich gegriffen hat. Da gilt es, den Gründen nachzuspüren und die Heilmittel zu finden, zum Wohle des Judentums und zum Heile der Mensch hei t." Nun denn, die Gründe des Uebels hat Herr Dr. Plotke kurz und treffend gekennzeichnet, das Heilmittel aber, und zwar das einzige und radikale Heilmittel, ergibt sich von selbst: Man gebe den zusammengepferchten jüdischen Volksmassen eine Heimstätte, wo sie menschenwürdig leben können! Dann werden wir mit dem Menschenhandel unzählige andere fluchwürdige Missstände mit der Wurzel ausgerottet haben. Durch Rundschreiben, Komiteewahlen und „freundschaftliche Warnungen" jedoch lassen sich tiefeingefressene soziale Krebsschäden eines Volksorganismus nicht aus der Welt schaffen. Das werden sich schliesslich die einsichtigeren Rabbiner selbst sagen und werden die Wahrheit erkennen, die in den Forderungen des Zionismus liegt. Noch empfinden allerdings die meisten deutschen Rabbiner vor dem Zionismus eine Scheu und ein Grauen, das entschieden belustigend wirken müsste, wenn die Scheu vor dem Lichte und das Grauen vor der Wahrheit nicht gar so beschämend wäre. Ein einziger Rabbiner, Dr. Eschelbach e r aus Berlin, fand den Mut, in der Versammlung auf die segensreichen Wirkungen des zionistischen Gedan: kens hinzuweisen. Er referierte über dasThema „Was ist für die religiös-sittliche Erziehung der schulentlassenen Jugend zu tun" und kam im Verlaufe seiner Ausführungeri auf die jüdischen Studentenverbindungen zu sprechen, von denen er sagte, dass sie im ganzen auf zionistischer Grundlage stehen, indem er zugleich anerkennend hervorhob, dass sie gesundes jüdisches Selbstbewusstsein bekunden und däe geistigen Güter des Judentums liebevoll pflegen. Diese Ausführungen erweckten, am Vorstandstische und unter den meisten Versammlungsteilnehmern eine Geniütsstiinmung, die wir nach den vorliegenden Zeitungsnachrichten geradezu als Panik bezeichnen müssen. Wir lassen hier den überaus charakteristischen Bericht des Mainzer „Israelit" über diesen Teil der Verhandlungen wörtlich folgen: „Der Streifzug in das zionistische Gebiet — der Referent betonte übrigens schliesslich, er selbst sei nicht Zionist — gab einigen, auch dem Vorsitzenden, Veranlassung zu dem Vorsehlag, in keine Diskussion über den Vortrag einzutreten, sondern lediglich zu der These, aber nur zu dieser, die Zustimmung der Versammlung zu erklären. Der Vorsitzende, der die Verhandlungen als geschickter Diplomat leitet und die nähere Erörterung über jede allzu zwiespältige Frage ängstlich zu vermeiden sucht, meinte, der Referent habe zwar nicht die Absieht gehabt, den Zionismus in die Debatte zu werfen, aber die Gelegenheit habe ihn dazu verlockt. Fast eine halbe Stunde dauerte die Aussprache über die Frage: Diskussion oder keine Diskussion und lediglich Annahme der These? Der Gang der Verhandlungen wurde immer lebhafter. Das Bureau konstatierte einstimmig Armahme des Vorschlages „Keine Diskussion". Da sich aber heftiger Widerspruch gegen diese Schätzung erhob, nahm man eine Zählung vor. Das Resultat war Eliminierung des zionistischen Erisapfels mit 36 gegen 22 Stimmen. Zugleich ist die These damit angenommen." Man sieht, es befanden sich unter den Rabbinern immerhin 22 Beherzte, die vor einer ernsten Aussprache über den Zionismus nicht zurückschreckten, ja das Bedürfnis