Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 30 (25.7.1902)
- Article
- Eine zufriedene Gesellschaft
- Date
- 1902-07-25
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315990-3323109--33589-3323217- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bedaction und Administration: mEH IX., Türkenstrasse Nr. 9, Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction täglich von V2I2—VJ Uhr. Proisa dar Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das ■ Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7,—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 30. Wien, 25. Juli 1902. 6, Jahrgang Eine zufriedene Gesellschaft Eine zufriedene Gesellschaft ist die Anglo Jewisli Association. Diese kleine geschlossene Gesellschaft hält von Zeit zu Zeit ihre Sitzungen in einem kleinen Zimmer, das noch zu gross ist für die Zahl der Teilnehmer. Da spenden sieh die Herren gegenseitig Lob für ihre erspriessliche Tätigkeit, die darin besteht, dass mit dem gewiss bescheidenen Einkommen der Anglo Jewish Association (etwa 3000 Pfund) einige Schulen unterstützt werden. Die Association gehört aber auch zu dem Kreise der Ica, und mit der Verwaltung dieser-Kolonisationsgesellschaft a non lucendo sind die. Herren selbst noch mehr als mit allem anderen zufrieden. Einer der Zufriedensten in diesem zufriedenen Kreise ist aber cler Präsident Herr Claude Montefiore. Dieser polemisierte in der letzten Generalversammlung der Anglo Jewish Association gegen die Aussage des Dr. Herzl in der Fremdenemwanderungskommission. Dr. Herzl hatte gesagt, dass das Experiment einer Judenkolonisation in Argentinien misslungen sei. Das bestritt Mr. Claude laut und emphatisch. Es sei. eine ganz unbegründete Behauptung, denn ein anderer Zionist, Oberst Goldsmit, sei soeben von Argentinien, zurückgekehrt und ha'be über das Blühen einer Kolonie, der von Moisesville, berichtet. Mr. Claude Montefiore fügt allerdings vorsichtig hinzu, dass eine Schwalbe noch nicht den Sommer mache. Das haben Manche vor ihm gewusst. Jeder unvoreingenommene Hörer oder Leser konnte Dr. Herzls Worte vor der Kommission nicht anders verstehen, als dass eben der Sommer eines weniger elenden Zustandes für die jüdischen Massen nicht herbeigeführt worden ist. Versteht Mr. Claude wirklich nicht? Ein Mann, der zu den Intellektuellen gehört, kann doch keinen Augenblick über den Sinn von Dr. Herzls Worten im Unklaren gewesen sein. Ein Kolonisations-Experiment, das mit so grossen Mitteln betrieben wird und nach vielen Jahren von mehreren Kolonien nur eine_eimzige zum „Blühen" bringt, ist misslungen. Dass man mit Geld, mit viel Geld, wo immer und wann immer ein Dorf machen kann, dass weiss doch jedes Kind. Heutzutage kann man mit Geld auf einer kahlen Felsenspitze jeden beliebigen Garten anlegen. Wegen einer solchen Gewöhnlichkeit braucht man doch nicht so viel Worte zu machen. Aber Herr Claude Montefiore wollte auch nur etwas bestreiten und etwas behaupten. Er wollte bestreiten, dass Dr. Herzl der Fremdeneinwanderungskommission die Dinge in ihrem wahren Lichte gezeigt habe. Die Aussage des Dr. Herzl war der kleinen geschlossenen Gesellschaft recht unangenehm. Sie wollen nicht, dass es eine Judenfrage gebe. Wenn es eine gibt, darf man von ihr nicht sprechen. Wenn man von ihr spricht, muss man sie auf nichts wegmachen. Nun kommt dieser Agitator und erzählt einer Parlamentskommission vorn namenlosen Elend vieler hunderttausende Menschen und appelliert an das rein menschliche Mitgefühl, um eine der Not angemessene politische Abhilfe herbeizuführen. Denn, die bisherigen Anstalten „wohltätigen6* Charakters haben sich als unzureichend erwiesen. Es mnss bestritten werden, dass seine tatsächlichen Angaben richtig sind, denn wenn nur eine einzige sich als unbegründet erweist, dann darf man auch an den übrigen zweifeln. Dann gibt es auch keine Not usw. usw. Mr. Claude wollte auch etwas behaupten. Nämlich, dass die Verwaltung der Hirseirschen Gelder erfreuliche Resultate aufzuweisen habe. Diese Behauptung wird von Tag zu Tag nötiger, denn der Wunsch wird immer lauter, einen wirklichen, mit Ziffern belegten Eechenschaftsberieht in der Oeffentlichkeit kennen zu lernen. Zugegeben, class es eine einzige unter den Ansiodlungen gibt, welche „blüht" — was kostet dieses Blühen? Was kostet ■ diese Paradekolonie r Und was kosten die übrigen, mit denen sich die Verwaltung nicht brüsten kann? Was kostet überhaupt die Verwaltung? Das sind öffentliche Fragen, und sie werden nicht mehr verstummen. Die Gelder der Stiftungen waren einer leidenden. Gesamtheit zugedacht. Diese Gesamtheit wird immer energischer Rechenschaft verlangen, je länger man ihr diese vorenthält, und je grösser ihr Leiden wird. Mr. Claude Montefiore ist freilich nicht die Verwaltung und von ihm persönlich wird keine Rechnungslegung verlangt. Aber seine Worte, besonders die feierlichen in den bedeutsamen Generalversammlungen der Anglo Jewish Association sollte er sich besser überlegen. Dr. Herzl sagte, die Kolonisation in Argentinien sei misslungen. Mr. Claude bestreitet es. Sie ist also nicht misslungen? Wenn Worte auch nur einen. Schimmer von Sinn haben/ so will Mr. Claude somit behaupten, dass sie