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Die Welt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Article
Uebergang
Date
1902-07-11
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 ,£Die ifr Welt44 Nr. 28 „Danke sehr, meine Liebe. Schenke nicht weg, was Du selbst nicht hast." Jeder neue junge Mann, der die schwächsten Anzeichen, hineinzufallen, zeigte, rief eine ähnliche halb lustige, aber auch halb ernste Erörterung hervor; seine Person, sein Einkommen und das Mädel, dem er zugesprochen werden sollte, waren die Würzen der Mahlzeiten, bei welchen" er DÜer ein „Kollege" nicht anwesend waren. Auf diese Weise, entweder in Fleisch und Blut oder im Geiste, war der junge Mann — denn ihrer so viele erschienen auf der Bild fläche, dass sie eher als Typus, denn als Individium genommen werden -mussten — ständiger Gast an der Peyser'sehen Tafel. Aber alle diese neuen häuslichen Anregungen waren nicht imstande, Klein-Schapsie für ihr mondbeschienenes Wasser und die sonderbaren kommenden und gehenden Schiffe mit ihren geheimnisvollen Ladungen Ersatz zu bieten. Und der arme, alte Daniel fand keine neuen Freunde, die er gleich den verlassenen alten zu sich laden konnte; er fand im geräuschvollen London nichts, das ihm den Samstag-Xachts-liummel in seinem Laden zu ersetzen, vermochte, keine schmutzige kleine Synagoge, die sich nach seiner Präsidentschaft sehnte. Er sass unansehnlich in einem netten, halbleeren Gebäude und musste sich selbst als überflüssiges Atom in einer unermcsslichen, einsamen Wildnis halten. Er war in der Tat keine imposante Figur mit seinem zottigen, grauen Backenbart und seinen kindisch-blauen Augen. Auf der Strasse hatte er den gebückten, wackelnden Gang des Ghetto und vergass seine gemeinen roten Hände in Handschuhen zu verbergen; zuhause bestand er darauf, eine fromme Kappe zu tragen. Zuerst versuchten seine anpassungsfähigere Frau und seine englisch erzogenen Töchter, ihn für feine Gesellschaften herzurichten. Aber bald ward er in den Hintergrund dieses glänzenden sozialen Tableaus gedrängt, denn er war entweder zu schweigsam oder zu gesprächig, brachte mit altmodischen jüdischen Spässen und mit Anekdoten, die sie nicht verstehen konnten, die feinen, jungen Leute aus der Fassung. Und manchmal wurde die Unterhaltung durch die Trompetentöne seinei' Nase unterbrochen, die er in ein farbiges Taschentuch sehneuzte. So wurde er nach und nach aus dem Gesellschaftszimmer ganz ausgeschaltet. Aber noch einige Jahre lang führte er die Oberherrschaft im Speiszimmer — wenn keine Gesellschaft da war. Alte Gewohnheit hielt, die Mädchen am Tische fest, wenn er mit geräuschvoller Salbung nach den Mahlzeiten das hebräische Tisehgebot intonierte; sie stimmten, sogar in die Melodien ein, die die verschiedenen Abteilungen abstuften. Aber nach und nach verminderte sich ihre Teilnahme bis zum vollen Schweigen. Und wenn sie feine Gesellschaft zu Tisch hatten, wurde der alte Mann durch blonde und schwarze Augenbrauen ganz still gemacht, insbesondere, nachdem er ein oder zwei Mal junge Leute dadurch beschämt hatte, dass er ihnen die Ehre, das Tischgebet anzustimmen, angeboten hatte und sie es nicht konnten. Bei solchen Gelegenheiten war Daniels Gebet zuletzt auf ein frommes Murmeln reduziert worden, welches inmitten des fröhlichen Dessert-Geschwätzes unbeachtet blieb, ebenso wie die fromme Hauskappe als eine Vorsichtsmassregel gegen Erkältung gelten musste. Zu allerletzt durfte er selbst das Murmeln nur im häuslichen Kreise ausüben, und dieses demütige Zu-Gott- Flüstern würde das Symbol seiner Unterdrückung. (Fortsetzung folgt..) (Nachdruck verboten.) Mein Grossvater. Eine Episode aus dem Leben *ler Juden in Bussland. Frei nach dem Kussischen des Awrunin von N. Golani. (Sciduss.) „Gelobt sei Gott," dachte ich, „bei uns Ist es still, niemand scheint unsere Gasse besucht zu haben. Gebe Gott, dass sie unsere Gasse nicht berühren . . . Aber nein, sie werden gewiss auch zu uns kommen, was wird dann mit uns sein? Davon muss ich so rasch als möglich die Grosseltern verständigen, vielleicht werden wir uns noch rechtzeitig irgendwo verstecken können," so sagte ich, und stürzte eilig in das Zimmer. „Grossväterchen, Grossmütterchen!" rief ich, und mit stockendem Atem erzählte ich das Geschehene. „Was?" konnte die Grossmutter mühsam hervorbringen, schrecklich erbleichend; „wer hat es Dir, mein Sohn, gesagt, wer hat es Dir gesagt?" „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen," rief ich laut, in Tränen ausbrechend. „Laufen wir davon, man wird uns erschlagen." Und krampfhaft schmiegte ich mich an die Grossmutter. „Gott behüte Dich, mein Sohn," sprach die Grossmutter nicht minder bewegt; „das ist Dir vielleicht nur vorgekommen. David, hast Du gehört, was er sagte? Etwas, muss es doch bedeuten?" wendete sie sich an den Grossvater. Dieser aber entgegnete nichts. Er erhob sich vom Sitze und verliess langsamen Schrittes das Zimmer. Nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück. „iNun, David, sage um Gotteswillen, was hast Du gesehen?" „Sie kommen," antwortete der Grossvater still, aber fest:* „Wer kommt? Um Gotteswillen, sage, quäle mich nicht!" rief die Grossmutter in grosser Aufregung. „Wer kommt?"' wiederholte der Grossvater die Frage mürrisch, den Blick von der Grossmutter nicht abwendend; „unsere Sünden kommen, verstehst Du .... Du wirst sie bald sehen . . . ." Mich krampfhaft an ihre Brust pressend, brach die Grossmutter in lautes Weinen aus. Auch ich zitterte wie Espenlaub, aber zu weinen vermochte ich nicht. Ich verfolgte die Bewegungen des Grossvaters. In ihm ging etwas Ungewöhnliches vor. Er schien gerader, höher geworden zu sein. Seine Augen funkelten fieberhaft,, die Augenbrauen waren böse zusammengezogen ... Von seinem Gesichte verschwand jedwede Spur seiner gewöhnlichen Wehmut; auf demselben lagerte der Ausdruck irgend eines glänzenden, friedlichen Sieges, welchen man auf den Gesichtern von Personen sehen kann, welche etwas Ausserordentliches erwarten, das sie mit einem Schlage beglücken, emporheben und berühmt machen könnte. Er näherte sich dem Schreine, wo seine Thorarolle verwahrt war, entnahm demselben die Thorarolle, küsste sie zärtlich und Hess sich»mit ihr in einer Ecke in einen Sessel nieder. Er hielt die Thorarolle in seinen Händen mit derselben zärtlichen Fürsorge, mit welcher eine junge Mutter das in ihren Armen schlummernde kranke Kind hält, in der Befürchtung, sie könnte es durch eine unvorsichtige Bewegung aufwecken. Die Grossmutter sass inzwischen mit mir in einer anderen Ecke und schluchzte leise. Ich aber lauschte mit unbeschreiblicher Bangigkeit dem immer wachsenden Tumulte, welcher sich unserem Hause zu nähern schien. Plötzlich wurde die Türe aufgerissen und eine Rotte be-, trunkener Bauern stürzte, pfeifend, johlend und schreiend, in das Zimmer und begann sofort alles zu vernichten, was sie vorfanden. Das Zerstörungswerk begleiteten sie mit wilden Schimpfworten. Einer zertrümmerte den Kasten mit Geschirr, ein anderer zerbrach die Möbelstücke, ein

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