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Die Welt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Article
Uebergang
Date
1902-07-11
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. .28 „Die # Welt46 Seite W Uebergang» Von Ismel Zangwill. (Autorisierte Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) I. Der Tag war gekommen, da der alte Daniel Peyser dem Wunsche seiner Frau nach einer weiteren sozialen Sphäre und einem an heiratsfähigen jungen Männern reicheren Horizont nicht länger widerstehen konnte. Demi er hatte sieben Töchter und keine Männer für den Rudel. Es hatte tatsächlich in der Gemeinde von Portsmouth in den letzten fünf Jahren nur eine einzige Hochzeil stattgefunden, und die christlichen Zeitungen hatten von den für sie neuartigen Zeremonien berichtet: von dem rituellen Bade der Braut und dem Zerbrechen eines Glases durch den 'Bräutigam mit seinem Absatz. Für Mrs. Peyser, die in einem russischen Ghetto aufgewachsen war, wo die Paarungen sehr leicht zustande kamen, bedeutete diese Anhäufung von Ehelosigkeit geradezu Unmoralität. Portsmouth mit seinen sorglosen Soldaten und Matrosen mochte ein ausgezeichneter Ort für Pfandleihgeschäfte sein, besonders wenn man es. mit den ethischen Prinzipien der Heiden nicht so genau nahm, aber als Jungfrauen-Markt — selbst als solcher mit Mitgift und schönen Gesichtern — war es hoffnungslos. Aber es gab ein Emporium für Jünglinge, das hiess London. Es war das natürliche Ziel des Provinzjuden., der Lohn seiner Bührigkeit. Die l)esten Leute wurden von der mächtigen Stadt, deren Zauber die billigen Ausflüge in dieselbe überdauerte, magisch angezogen. Würde Vater leugnen können, dass sie nun .genug getan haben, um die Uebersiedlung berechtigt erscheinen; zu lassen? Nein, Vater konnte es nicht leugnen. Seitdeiji er als Bube Deutschland verlassen hatte, hatte er Geld gespart; und seine Ersparnisse hatte er wettsichtigen Blickes in den Boden des benachbarten Ortes Southsea angelegt, das rasch zu einem Badeorte emporwuchs. Nach einer Mitgift von dreitausend Pfund für jede seiner sieben Töchter würde ihm noch ein stattlicher Besitz bleiben. War da irgend ein Grund vorhanden, dass sie nicht auch die grossen Herren spielen sollten wie die Benjamins oder die Rosenweilers? Nein, Vater konnte nicht bestreiten, dass seine Mädels hübscher und netter waren als die Töchter dieser Pionniere, insbesondere wenn sechs von ihnen sich, argumentierend, flehend, schmeichelnd, küssend, um seine ernste granitne Gestalt drängten. „Aber ich sehe nicht ein, warum wir das Geld vergeuden sollen," machte er mit dem vorsichtigen Instinkte früherer Armut geltend. „Vergeuden!" und die zierliehen Lippen verzogen sieh zu vorwurfsvollen O's. „Jawohl, vergeuden!" wiederholte er. „In Indien handelt man mit Gold und Diamanten, aber in London kostet der Boden, mit dem man Handel treibt, Gold und Diamanten." „Aber sollen wir niemals Enkel bekommen?" kreischte Mrs. Peyser. Die indische Frage wurde unbeantwortet gelassen, so dass Klein-Schapsie, auf deren kindliche Einbildung diese ereignisvollen Familiendebatten sehr grossen Eindruck machten, Jahre hindurch die lebhafte Vorstellung hatte, dass sie barfuss ihren Weg über spitzgeschliffene Diamanten und Goldkiesel nehmen müsste. In der Tat war ihr, bevor sie sich über ihres Vaters naive Geographie zu wundern gelernt hatte, das Wort „Indien" immer in barbarischem Glänze erschienen. Von so viel beharrlicher Weiblichkeit umgeben, wurde der alte, ermüdete Murrkopf zuletzt dazu gebracht, in London ein Müssiggängerleben zu beginnen. Und die Familie breitete freudevoll ihre Flügel aus und wanderte nach der Wunderstadt aus. IL Nur ihr Haupt und Anhängsel, Alt-Daniel und Klein- Schapsie, empfanden ein geringes Gefühl für die Dinge, die sie hinter sieh Hessen. Alt-Daniel verliess die schmutzige Synagoge, zu deren Präsidentschaft er mit dem Anschwellen seiner Börse aufgestiegen war, und in welcher er sich selbst oder jenen, die er damit zu beehren beliebte, die auserlesensten Privilegien kaufte: das Ocffnen der ßundeslade oder das Tragen der Thorii-Kollen; er verliess seine alten Freunde, welche ihn an den Sonntag-Nachmittagen besuchten, um mit ihm „Klabber^' zu spielen; er verliess die lärmenden und lukrativen Samstag-Nächte im Laden, an welchen die christlichen Hausfrauen ihren Sabbat-Staat auslösen kamen. Und Klein-Schapsie — welche, erst elfe und noch nicht auf einen Mann erpicht war — verliess den Hafen mit seinen heroischen alten und den riesigen neuen Schlachtschiffen, zwischen welchen die Halbpennyboote sich durchwanden, sie verliess die grossen Wogen, welche an den steinigen Strand anprallten, und den freundlichen Mond, der in ihre Stille hineinschimmerte; die lebhaften Xaehbarstrassen, in welchen sie zu spielen pflegte, und die Schule, in der sie immer an der Spitze ihrer Klasse gewesen war, und den salzigen Wind, der über alles hinwegstrich! Klein-Schapsie war für ihren Vater nur Schapsie. Ihr wirklicher Name war Florence. Die vier jüngeren Mädchen trugen alle heidnische Namen — Sylvia, Lily, Daisy, Florence — Symbole des Einflusses der drei älteren Schwestern auf den Familienrat, welche ihre eigenen, Lea, Pachel und Rebekka nur widerwillig empfanden. Zwischen diesen zwei Mädchenschichten — der jüdischen und heidnischen — waren zwei Knaben dazwischengekommen, aber ihr Lebenslauf war kurz und jammervoll gewesen, so dass Alt-Daniel zu seinem grossen Sehmerze keinen männlichen Nachkommen hatte, der für ihn einst Kaddisch sagen würde. Aber ein Enkelsohn würde hoffentlich nicht lange auf sieh warten lassen, denn die älteste Tochter war fünfundzwanzig alt, und alle waren sie hübseh und gesund. Wie zur Ironie war die jüdische Gruppe blond und'sah christlich aus, während die heidnische Gruppe charakteristische orientalische Züge aufwies. In Klein-Schapsie waren diese östlichen Heize, die bei ihren Schwestern ein wenig schwer waren, in einen Ton ausgesuchter Verfeinerung gestimmt. Die dunklen schwarzen Augenbrauen und das Haar waren weich wie Seide; dunkle, traumverlorene Augen überzogen ihr ovales Gesicht mit Poesie, und ihre Haut glich totem Elfenbein, das jedoch lebensvoll zu erröten vermochte. III. Das erste Jahr in Highbury, dem niedlichen Vorstädtchen im Norden Londons, war ein fortwährendes bezauberndes Entzücken für die Mutter und die jüdische Mädchengruppe, die auf einmal mitten in einen grossen, deutschen Gesellschaftskreis hineingekommen waren, und denen sich eine neueWelt vonTanzpartien und Diners, von Empfängen und Theatervorstellungen und Kartenpartien eröffnete. Die älteste der heidnischen Gruppe, Sylvia, welche im Interesse ihrer älteren Schwestern in tyrannischer Weise jung erhalten wurde, war die einzige, welche über den Wechsel murrte, denn Lily und Daisy sahen genügenden Gewinn in der Aussicht, die ältere Gruppe ersetzen zu dürfen, wenn sie in 0rangenblütensehmuek vorbeiziehen würden. Der Duft davcfi war immer in der Luft und Mrs. Peyser und ihre drei hoffnungsvollen Töchter schnupperten ihn Tag und Nacht.- „Nein, nein, Rebekka soll ihn haben." „Nicht ich! Ich heirate keinen Mann mit rübenfarbenen Haaren. Lea ist die Aelteste; sie ist die erste an der Beihe,"

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