Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Article
Offener Brief an den Vorstand des Zentralvereines deutscher Staatsbürge jüdischen Glaubens
Date
1902-07-11
Page
6 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315988-3322789--33375-3322885
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 „Die # WeltP Nr. 28 Mit dieser, freundschaftlichen Warnung schliessend, empfehle ich mich Ihnen in gebührender Hochachtung. Ergebenst Dr. Jeremias, prakt. Arzt und Nervenarzt. Das jüdische Proletariat in Petersburg. In der Hauptstadt des russischen Eeiches ist die Zahl der dort lebenden Juden bekanntlich nicht gross, nach den letzten Angaben ca. 9000. In Petersburg wohnen nur solche Juden, welche das Niederlassungsrecht im ganzen Reiche besitzen. Zu dieser Kategorie zählen Personen mit akademischer Bildung, Handwerker und ausgediente Soldaten aus der Zeit Nikolaus I. Man weiss, dass die Behörden von Petersburg, in der Sache der Zulassung von jüdischen Handwerkern zur An Siedlung in der Residenzstadt sehr rigoros vorgehen. Damit wollten wir sagen, dass sogar die Zahl der das Wohnrecht geniessenden jüdischen Handwerker in Petersburg äusserst spärlich sei. Und dennoch ist die ökonomische Lage der Juden in dieser Stadt eine äusserst triste. Diese Tatsache wird nunmehr durch offizielle statische Daten und Belege bestätigt. Zuerst ist es der neulich publizierte Eechenschaftsberieht der jüdischen Volksküche in Petersburg, welcher zur Charakteristik der jüdischen Armut in der russischen Residenzstadt ein zwar nicht reiches, aber inhaltsschweres Material liefert. Die gesetzlich anerkannte jüdische. Kultusgemeinde in Petersburg besteht nach den neuesten Daten im ganzen aus 186 Mitgliedern, welche allein die ganze Last der Erhaltung der üblichen Gemeinde-Institutionen tragen müssen. Diese 186 Personen sind sehr wohlhabend, müssen jedoch alle jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in der Residenz immer und immer wieder aus eigenen Mitteln erhalten. Einen Mittelstand, gleich dem im sogenannten jüdischen Niederlassungsgebiete, der eine grosse Stütze aller wohltätigen Anstalten ist, gibt es unter den Juden in Petersburg nicht. Mit Ausnahme der bereits erwähnten 186 reichen Juden sind alle anderen in Petersburg lebenden Juden entweder äusserst arm oder Bettler*. Diese Tatsache tritt deutlich zutage, wenn man den Bericht über die Zahl der Besucher der jüdischen Volksküche in Petersburg im Jahre 1901 liest. Im Berichtsjahre haben die Volksküche 58 902 Personen besucht, täglich also wurden durchschnittlich 163 bis 164 Personen gespeist. Aus dieser Zahl haben 30 431 Personen ihre Mittagskost in der Volksküche mit dem Betrage von 6, 13, 20 und 22 einhalb Kopeken bezahlt, der Rest von 28 571, durchschnittlieh 78 Personen täglich, musste unentgeltlich gespeist werden. Diese Armut erfährt zur Passahzeit eine bedeutende Steigerung, und zwar erreicht die Zahl der armen Juden, welche an diesem Feste ihre Zuflucht zur jüdischen Volksküche nehmen müssen, 720 täglich. Noch mehr, sogar die kranken Juden, welche in den Spitälern von Petersburg liegen, müssen ebenfalls von der Volksküche gespeist werden, wiewohl ihre Mittel äusserst bescheiden sind. Zum 1. Jänner 1901 wies die Volksküche ein Deficit von 1955 Eubeln 53 Kopeken auf; das Defizit wurde zwar von den Förderern der Anstalt gedeckt, aber es erreichte am 1. Jänner 1902 wiederum die Höhe von 1100 Eubeln. Ein noch düstereres Bild der jüdischen Armut in Petersburg liefert der vor wenigen Tagen publizierte Bericht der unter dem Protektorate der Prinzessin Eugenie von Oldenburg stehenden „Gesellschaft zum Schutze der Frauen". Diese Gesellschaft hatte im Herbste des Jahres 1901 den Entschluss gefasst, ein besonderes Komitee zum Schutze der armen jüdischen Mädchen in Petersburg ins Leben zu rufen. Mit Zustimmung der Protektorin wurde der Entschluss auch ausgeführt, das Komitee zum Schutze der jüdischen Mädchen in der russischen Residenzstadt eröffnete seine Tätigkeit. Vom 29. September, dem Tage der Eröffnung, bis zum 31. Dezember 1901, dem Sehlusstage des Berichtsjahres, hatte das Komitee 14 Sitzungen. Schon in der ersten Sitzung erschienen 67 arme Judenmädchen, denen das Komitee Schutz gewähren musste; diese Zahl erreichte jedoch in der letzten Sitzung die Höhe von 250. Durchschnittlich entfielen auf jede Sitzung 157 bittstellende Judenmädchen. Und ein Gefühl tiefster Wehmut beschleicht jeden, der die Daten über das Alter der den Schutz des Komitees suchenden Judenmädchen betrachtet. Unter diesen Unglücklichen, welche ohne den Schutz des Komitees im Kampfe ums Leben der Schande verfallen wären, befinden sieh sogar Mädchen im Alter von 14 Jahren! Aber auch alle anderen Judenmädchen, denen das Komitee seinen Schutz gewähren musste, sind fast durchwegs junge Geschöpfe, welche im ungastlichen, für Juden äusserst unfreundlichen Petersburg mit der bittersten Armut kämpfen müssen. Dem Alter nach können die Schutzbefohlenen de« Komitees wie folgt eingeteilt werden: Von 14 bis IS Jahren 182, von 17 bis 20 Jahren 170, von 21 bis 25 Jahren 32, von 26 bis 30 Jahren 7, älter als 30 Jahre 2 Mädchen. Aus den statistischen Daten des Berichtes erfahren wir noch, dass fast alle Judenmädchen, welche den Schutz des Komitees in Anspruch nahmen, ein Handwerk ausüben, somit nicht einer Kategorie angehören, welche für den Kampf um das tägliche Brot ganz und gar nicht ausgerüstet ist. Unter den vom Komitee beschützten Judenmädchen befanden sich, wie aus dem Berichte hervorgeht, folgende Handwerkerinnen: Weissnäherinnen 150, Schneiderinnen 55, Struinpfstrickerinnen 17, Blumenmaeherinnen 2, Miedermacherin 1, Federnschmückerinnen 8, Modistinnen 12, Angestellte 18, Kassierinnen 2, Schreiberinnen 1, ohne bestimmte Beschäftigung 94, Schülerinnen der Handwerkerschulen 36; Schülerinnen der professionellen Schulen 4, Lehrerinnen 2, Hörerinnen der Geburtshilfe 5, Schülerin der zahnärztlichen Kurse 1. Man muss aber bedenken, dass nicht alle in Petersburg lebenden armen Judenmädchen den Schutz des Komitees anrufen. In Petersburg leben viele jüdische Familien sozusagen auf nicht legalem Wege, d. h. ihr Wohnrecht wird von der Polizeibehörde nicht anerkannt oder strittig gemacht, so dass sie täglich zu gewärtigen haben, von der Polizei eine Ausweisungsordre zu erhalten. Die armen Mitglieder solcher Familien wagen es nicht, den Schutz einer offiziellen, dazu noch unter dem Protektorate einer russischen Prinzessin stehenden Wohltätigkeitsanstalt anzurufen, aus Furcht, mit der Polizei in Konflikt zu geraten. Solehe armen Mädchen fristen ein schweres Dasein, ihre Lage ist loch tiauriger .... Will man einen Blick auf die sanitären Zustände werfen, welche in den sogenannten Wohnungen der armen Juden von Petersburg herrschen, so genügt es, die Aussagen von Augenzeugen zu zitieren, welche Gelegenheit hatten, in Petersburg zu weilen und das Wohnungselend der dortigen Juden zu beobachten. Nach diesen Aussagen bieten die Wohnungen der armen Juden in Petersburg ein Bild des Jammers und des Elends. Die Feuchtigkeit des Klimas von Petersburg gestaltet sich zu einer unausweichlichen Gefahr für Leben und Gesundheit in Wohnungen, welche Mangel an Luft und Licht aufweisen. Und gerade in solchen Wohnungen leben die armen Juden in Petersburg. Feuchte, schimmelige Wände, enge Räume mit unerträglicher Luft, so schildern Augenzeugen die meisten Wohnungen der armen Juden in Petersburg. Und ist es denn verwunderlich, wenn die armen Juden in solchen Wohnungen, bei ungenügender Nahrung und unter der Last der Sorgen und der Aufregung langsam dahinsiechen? Die Statistik der jüdischen Armut in der russischen Hauptstadt müsste noch viele traurige Daten zutage fördern, wenn sie vollständig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.