Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Article
Offener Brief an den Vorstand des Zentralvereines deutscher Staatsbürge jüdischen Glaubens
Date
1902-07-11
Page
5 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315988-3322789--33374-3322884
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

,Nr. 28 „Di* £ Welt** Seite 5 hauptung auf dem Boden wissenschaftlicher Erfahrung stehe und ich habe demnach nur wissenschaftliche Kritik zu fürchten. Was aber in aller Welt hat mit diesem biologischen Problem die Rücksicht zu tun, was wohl die Antisemiten dazu sagen möchten?! „Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht" — dieses kraftvolle Wort sollte doch Ihrem deutschen Herzen allezeit gegenwärtig sein. „Selbstverteidigung im Lichte der Oeffentiichkeit" lautet ja die Parole Ihres Vereines. Nun, ich denke, der Selbstschutz erfordert vor allem Selbstzucht, diese aber hat unbeugsame Ehrlichkeit gegen sich selbst, rücksichtlose Wahrheit gegen seine eigenen Schwächen zur ersten Voraussetzung. Da hilft kein Mundspitzen, es muss gepfiffen werden! Ich habe nicht übersehen, dass Sie zum Schluss Ihres Schreibens selbst empfehlen, sich in jüdischen Angelegenheiten um die Antisemiten nicht zu „bekümmern"; aber das geschieht, nachdem . Sie an 4 verschiedenen Stellen mir die Wirkung meiner Publikation auf die Antisemiten zu Gemüte geführt haben! Ihr Brief zeigt eben dasselbe Doppelgesicht, wie das ganze Wirken Ihres Vereines; Sie sollten zum Symbol desselben den doppelten Januskopf machen, der auf der einen Seite Kampf, auf der anderen Frieden bedeutete. Bald ermuntern Sie zu lautem Protestieren, zu erbittertem Aufschreien, bald üben Sie sich im Beschwichtigen und Bemänteln. Wo von christlicher Seite uns eine Schwäche oder Untugend vorgehalten wird, sind Sie auf dem Posten, um zu beschönigen und wegzudisputieren; die wirklich vornehme und im ganzen nicht ungerechte Kritik eines Schmoller brandmarken Sie wuchtig als wissenschaftlichen Antisemitismus, aber in demselben Atem preisen Sie den Nutzen einer ehrlichen Kritik für unsere Gemeinschaft (Ihre Vereinszeit^chrift 1901. S. .198). Wiederholt und eindringlich ist von Ihrer Seite vor jüdischer Zentrumspolitik gewarnt worden und doch haben Sie bei der letzten Landtagswahl in Posen durch einen besonderen Abgesandten für einen Kandidaten Stimmung machen lassen, der zwar den Posener Juden als Politiker höchst unsympathisch war, dafür aber den Vorzug hatte, Jude zu sein. Bei jeder passenden Gelegenheit prunken Sie mit Ihrem nationalen Deuschtum und mit Ihrem Namen wollen Sie alle Staatsbürger jüdischen Glaubens umschliessen; aber Ihr Herr Vorsitzender hat in einer Studentenverseummlung beides kurz und bündig preisgegeben mit den Worten: „Bei uns findet jeder deutsehe Jude sein Unterkommen, sei er orthodox, sei er liberal in religiöser Hinsicht, liege ihm seine Religion am Herzen oder setze er sich kalt über alles hinweg, was die Religion als solche darbietet (S. 383) .... gleichviel ob sie sich als Deutsche jüdischen Glaubens oder als Deutsche jüdischer Nationalität bekennen (S. 428)." Diese Unklarheit Ihrer Grundanschauungen und das Widerspruchsvolle in Ihrem praktischen Wirken, worüber Herr Dr. Bodenheimer mit dem harten Worte „Mischmaschverein" den Stab brach, hindert die meisten meiner Gesinnungsgenossen, sich an Ihren Bestrebungen zu beteiligen. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Begriffe Z i o n i s t und Zentralvereinler sich absolut aussehliessen; wenngleich ich selbst aus prinzipiellen Bedenken den Beitritt zu Ihrem Verein abgelehnt habe, so respektiere ich doch die Kraft der individuellen Persönlichkeit, gewisse mir unvereinbar erscheinende Gegensätze in sich auszugleichen und harmonisch zu verknüpfen. Auch habe ich stets den Standpunkt vertreten, dass aus unseren Eeihen Ihr Verein nicht ohne Not angegriffen werde; denn ich bin überzeugt — und hier, o Grauen, kommt wieder ein furchtbares Zugeständnis an die Antisemiten! — dass Ihr Verein für die bisher ganz indifferenten Elemente des deutschen Judentums die beste Vorschule zum jüdisolien Nationalismus ist, dass mit einem Wort der Zentralvciv.'in eine Ivadettenanstalt ist., aus der einst die tüchtigste u. Fahnenjunker des Zionismus hervorgehen werden. Gerade weil ich also frei von jeder Animosität gegen Sie bin, möchte ich mir zum Schluss erlauben, Ihre freundlichen Ratschläge an mich mit ebensolchen Diensten für Sie zu erwidern. Es ist wirklich schade, wie Ihre grossen moralischen und materiellen Machtmittel in Bagatellen vertan werden. Glauben Sie im Ernst, es sei Ihre Aufgabe, gegen die Abschliessung eines der Kirchengemeinde gehörigen Gartens für jüdische Besucher zu remonstrieren (S. 641)? Oder halten Sie es für wahrhaft verdienstlich, die Bestrafung eines Strassenbahnschaffners zu erwirken, der die Station Jüdenstrasse als Judenstrasse ausgerufen hatte (S. 695)? Heisst es nicht eine Sisyphus- Arbeit, jede Dummheit eines antisemitischen Tintenkuli aufzuspüren und ernsthaft zu widerlegen? Es gibt ja nichts, worauf die Fabel der Hydra so gut passt, wie auf das Ungetüm „stehende Meinung"; kaum hat man ihm so einen Argumentkopf abgeschlagen und macht sich daran, den zweiten folgen zu lasesn, so ist der erste schon nachgewachsen (Suttner). Ich fordere Sie auf, mir zehn Gerechte aufzuzeigen, die durch das Wirken Ihres Vereines oder durch die Lektüre Ihrer Zeitschrift vom Antisemitismus kuriert worden sind! Gegenüber all diesen Kleinlichkeiten gibt es wirklich grosse, bedeutsame und würdige Aufgaben für Ihren Verein; im deutschen Osten lebend, ziele ich hier vor allem auf eine geradezu brennende Frage: die Stellung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens in den Ostniarken. Es ist Ihnen sehr wohl bekannt, dass die Juden, die dort bei Wahlen und sonst in der Oeffentiichkeit selbstverständlich für Deutschtum und Polenbedrückung in Anspruch genommen werden, nicht nur, wie im übrigen Deutschland, politisch und gesellschaftlich geächtet sind, sondern überdies durch eben die deutsche Ansiedhmgs- und Genossenschafts-Politik langsam expropriiert werden. Das lehrt ein Blick in die politische Tagesliteratur, das ist Ihnen in verschiedenen Notschreien aus den Kreisen Posener Mitglieder noch besonders deutlich gemacht worden. Dennoch haben Sie bisher mit erstaunlichem Geschick eine Stellungnahme in dieser hochwichtigen Frage umgangen, ja jeder öffentlichen Besprechung dieser Angelegenheit aktiven oder passiven Widerstand entgegengesetzt. Das nenne ich: Selbstverleugnung im Schatten geheimer Sitzungen; die Selbstverteidigung im Lichte der Oeffentiichkeit hätte verlangt, dass Sie erstens die wirtschaftliche Selbsthilfe der Juden organisiert hätten, ehe sie zwischen Deutschen und Polen zerrieben werden, dass Sie zweitens als unerlässliche Vorbedingung jeglicher Mitarbeit in der Germanisierungspolitik die ehrliche, praktische Durchführung unserer Gleichberechtigung in ganz Deutschland gefordert hätten. Statt dessen verfassen Sie papierne Proteste gegen die vom Kriegsminister ausgesprochene Unterscheidung zwischen Deutschen, Polen, Juden — eine Differenzierung der drei Nationalitäten, die im deutschen Osten selbst im Munde gesinnungstüchtiger Zentralvereinler völlig geläufig ist — und fördern Ihr Recht nicht unter Ausnützung für Sie sehr günstiger Machtverhältnisse, sondern durch Publikation von zehn Glaubensartikeln über Eecht, Nächstenliebe, Vaterland. Hie Rhodus, hie salta: hier können 'Sie den Befähigungsnachweis erbringen, hier durch eine mutige Aktion sich den Respekt aller deutschen Juden — und Christen erringen! Geben Sie acht, dass nicht eines Tages der Zionismus auch hier auf der Bildfläche erseheine und Ihnen den Wind aus den Segeln nehme!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.