Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 26 (27.6.1902)
- Article
- Zwei Feiern
- Date
- 1902-06-27
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 26 giltig befreit und vereint. Ja — aus den Gräbern der toten Helden erwuchsen Lorbeern und Myrten. Die Feier ist ein Befreiungsfest, ein Frühlingsfest! Und meine Gedanken wenden sich unwillkürlich meinen Brüdern zu, die auf dem ganzen Erdenrund das Fest der Erlösung aus der Knechtschaft (o Ironie der Geschichte!) begehen. Nach allen Ländern der Diaspora schaue ich mich um, nach dem fernen, kalten, erstarrten Russland, nach den lächelnden Tälern Deutschlands, nach dem grossen, menschen- und energiereichen Amerika und suche nach Helden. O, wo seid Ihr, Ihr Vorkämpfer des jüdischen Volkes, die Ihr opferfreudig in den Kampf ginget, wo seid Ihr, Märtyrer, Enthusiasten der jüdischen Auferstehung des jüdischen „Risorgimento"? Gibt es keinen Mut mehr in Juda, ist schon alles mächtige, stürmische Gefühl erloschen, gedämpft? Ohne Opfer kein Fest, ohne Krieger kein Sieg. Vierzig Jahre ging unseren fernen Ahnen, den Flüchtlingen aus Aegypten die lodernde Flamme des Ideals, der Hoffnung, des Glaubens an. ihre Zukunft voran; vierzig lange Jahre leitete sie sie in der öden, dürren, sonnverbrannten Wüste und brachte sie zum Ziele. Auch wir brauchen diese Flamme der Begeisterung, des Enthusiasmus, die im stände ist, das Leben für das Vaterland hinzugeben. Aus den Gräbern der Märtyrer werden unsere Lorbeern emporblühen . . . Florenz. A. Coralnik. Die Frage der Judenwanderung. Im ungarischen Abgeordnetenhause gab es am 20. Juni eine Judendebatte. Der Abgeordnete Buzath von der (antisemitischen') Volkspartei verwies auf die grosse Bewegung, welche die durch die Verfolgungen in Rumänien und Russland zur Auswanderung gezwungenen Juden nach Ungarn führt. Die ungebildeten, moralisch und körperlich herabgekommenen Proletarier bedeuten für Ungarn eine grosse Gefahr, auf welche Redner umsomehr die Aufmerksamkeit der Regierung und der Legislative lenkt, da nach den Berichten der Zeitungen in nächster Zukunft wieder grosse Schwärme nach Ungarn zu kommen beabsichtigen. Er fragt den Minister-Präsidenten, was er gegen das massenhafte Eindringen rumänischer und galizischer Juden zu tun gedenke, und warum er nicht den schon in der Thronrede angekündigten Gesetzentwurf über die Einwanderungen einreiche. Minister-Präsident Vr S z e 11 beantwortet diese jEnterpellation sofort. Er verweist auf die Einwanderungsbewegung im Jahre 11)00, als infolge des rumänischen Gewerbegesetzes massenhaft rumänische Juden ihr Land verliessen und die ungarische Grenze überschreiten wollten. Redner habe damals die Gefahr dieser Einwanderung erkannt und die Behörden angewiesen, diese mit allen Machtmitteln zu verhindern; da jedoch die rumänischen Behörden die zurückgewiesenen Juden wieder zurückdrängten, entstand eine unmögliche Lage, der Redner durch sofortige Verhandlungen mit der rumänischen Regierung ein Ende bereitete. Letztere verpflichtete sich, den rumänischen Juden, welche an der ungarischen Grenze zurückgewiesen werden, die Rückkehr ins Land nicht zu verwehren. Gleichzeitig erliess der Minister-Präsident eine Verordnung an die Behörden, in welcher die Frage, betreffend die Einwanderung rumänischer Juden, provisorisch geregelt wurde. Nach dieser Verordnung dürfen nur jene Juden aus Rumänien die Grenze passieren, die einen regelmässigen Reisepajss nach einem ausländischen Bestimmungsorte besitzen und ein Reisegeld von 400 K. (Kincter unter 10 Jahren 200 K.) ausweisen können oder einen zur Reise ins Ausland lautenden Fahrschein eines Transport-Unternehmens oder einer Verkehrsgesellschaft in Händen haben. Diese Durchzügler werden in bewachten Waggons durch das Land transportiert und dürfen ohne Erlaubnis die Reiseroute weder unterbrechen noch abändern. Der Minister-Präsident erklärt, er .habe auf die Nachricht von neuerlichen Einwanderungen diese Verordnung erneuert und die Behörden zur strikten Durchführung derselben angewiesen. Redner sei streng verfahren, er wolle aber nicht brutal sein, und bezwecke bloss die Verhinderung eines ungeheuren Zuzuges schädlicher Elemente. Abg. Victor Pichl er (dazwischenrufend): Man muss die rumänische Regierung zwingen, die Berliner Konvention einzuhalten. Minister-Präsident v. Szell (fortfahrend) sagt, er könne nicht zugeben, dass der Angelegenheit eine antisemitische Färbung gegeben werde, da dies eine rein soziale Frage sei, deren Lösung in dem vom Redner beabsichtigten Sinne auch von dem ungarischen Judentum gebilligt werde. Uebrigens sei das Einwanderungsgesetz im Entwürfe fertig und werde demnächst dem Hause vorgelegt werden. Die Antwort wird vom Interpellanten und vom Hause zur Kenntnis genommen. , , , (N. Fr. PrJ Werden auf der einen Seite den Juden die Ausgangstore verrammelt, so schliesst andererseits ein Land nach dem anderen, in das die Juden bislang noch einwandern konnten, seine Pforten. Auf. die Vereinigten Staaten folgt jetzt Australien. Einem österreichischen KonÄularbea-ichte aus Sydney entnehmen wir folgende Ausführungen: Das verflossene Jahr wird für alle Zeiten für Australien besonderes historisches Interesse besitzen, da sein Anfang mit dem des Vereinigten Australien zusammenfiel. Von den Fragen, die das Conmioiiwealth-Parlament während des Jahres beschäftigten, sind einige von internationaler Bedeutung. Unter diesen steht, in erster Linie die durch das Parlament entschiedene der Beschränkung der Einwanderung. Die Grundidee des Gesetzes ist unverkennbar die, billige europäische Arbeitskräfte von der Einwanderung auszuschliessen und damit einem Herabgehen der Arbeitslöhne vorzubeugen. Unter den grossen Fragen, die die Zukunft Australiens nahe berühren und. die auch von internationalem Interesse sind, ist die des „weissen Australien". Die nördlichen Territorien des Commonwealth, die in den Tropen liegen, sind zum grossen Teile dünn bevölkert und in ökonomischer Beziehung unentwickelt. Die natürlichen Schätze jener Region warten ihrer Hebung. Die brennende Frage ist die: Können Weisse in dem heissen Klima täglich angestrengte körperliche Arbeit ausführen oder müssen farbige Arbeitskräfte zuhilfe gezogen werden? Die Ansichten hierüber sind verschieden; es scheint jedoch wahrscheinlich, dass der gesunde, starke weisse Mann, so lange er sich des reichlichen Genusses alkoholischer Getränke enthält and den hygienischen Erfordernissen Rechnung trägt, in den Tropen Australiens arbeiten kann; es frägt sich jedoch, ob er arbeiten will. Bisher hat der weisse Mann im nördlichen Australien sich auf das Beaufsichtigen von farbigen Arbeitern beschränkt, da Kanaken, Japaner, Chinesen, Javaner, Indier, Afghanen und Angehörige anderer farbiger Rassen zur Zeit in jenen Gegenden Australiens in grösserer Anzahl besonders auf den Zuckerplantagen beschäftigt sind. Die Föderalregierung hat sich finden Ausschluss der farbigen Rassen entschieden. Ihr Vorschlag, dass farbige Arbeiter, den Inseln des Stillen Oceans mit Ausnahme Neuseelands entstammend, nach dem 31. März 1904 nicht mehr eingeführt werden dürfen, hat Gesetzeskraft erlangt. Alle derartigen Arbeiter, die am 31. Dezember 1900 in Australien sind, werden deportiert. Ob die bedeutende Zucker Industrie Queenslands unter dem Ausschlüsse farbiger Arbeiter weiter zu existieren vermag, niuss die Zukunft lehren. Im ganzen und grossen ist der Ausschluss der farbigen Rassen von Australien im Interesse Australiens zu begrüssen, da eine unbeschränkte Invasion der Reinheit der europäischen Rasse ohne Zweifel schaden und zu Rassenkämpfen führen würde.