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Die Welt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Article
Zwei Feiern
Date
1902-06-27
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX,, Türkenstrasse Mr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction täglich von 72I2—72l Uhr. Preist der Anzeigen: laut stuf liegenden^ Tarif. Oer Inaeratentheü wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland; Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr 26. Wien, 27. Juni 1902. 6. Jahrgang Zwei Feiern. Aus dem Tagebuch einesWeltwanderers, An einem und demselben - Tage, unter; -demselben Himmel, in derselben Stadt, feiert man zwei Feste,, die voneinander himmelweit, entfernt sind,, trotz der Nähe sich zueinander verhalten, wie der Sonnentiritei?gang mm Sonnenaufgang, wie das düstere; Lächeln um den Mund eines Sterbenden zu dem eines glücklichen Kindes, wie der Orient zum Occident, Asien zu Europa. An einer Seite in der im gotischen Stile; gebauten, halb dunklen Synagoge wirddas Passahfest gefeiert, an der anderen, unter dem freien Himmelsgewölbe, dem blauen, herrlichen italienischen Firmamente, . angesichts der grünen, üppigen Hügel — feiert man weihevoll das Andenken der gefallenen Helden bei Mentana, die Rom der Tyrannei der Päpste entrissen, ihrem Vaterlande die ewige Stadt zurückgaben, das neue Rom, die Stadt der Cäsaren, zum Höhe- und Brennpunkte des neuen „dritten" Italien machen wollten und ihre heroische Absicht mit dem Tode büssten . .. . Mit alten unharmonischen Tönen, Lauten aus der Veigangenheit, der grauen mit Moos bewachsenen Zeiten, Lauten aus einer fremden unbekannten Welt, aus dem Jenseits — mit Totenklängen feiern die wenigen jüdischen Bürger der schönen toskanischen Stadt ihr Fest, das Frühlingsfest des jüdischen Volkes, den Namenstag unserer Jugend, wo unser Stamm zu keimen, blühen und knospen begann. Gefühl- und gedankenlos leierten sie herunter in* altüberkommener Weise die grossen Worte derVolkshymne, des Jubelliedes, die sich aus den überschwellenden.Herzen unserer Urahnen ergossen/ als vor ihren Augen das blendende Licht der Freiheit zum erstenmale erglänzte. Nichts regt sich mehr in - den erstarrten, vereisten Herzen dieser Männer bei der Erinnerung an die glorreichen Zeiten unserer Geschichte, an die Zeit der Kämpfe und der Siege; kein Bild der grandiosen Ereignisse, die sich in den schlichten Worten der Jubelhymne entrollen, steigt vor ihren geistigen Aügen, keine Tiän^e. umnebelt ihre, körperlichen. Kalt, öde, trübe . . . O Israel, wie schaurig 'sind;. Deinfc Zelte und wie öde Deine Wohnungen, o Jakob! Und ich gehe heraus aus dieser dumpfen Atmosphäre, fort von mittelalterlichen, wilden, schrillen Tönen, die sich einst ,den gemarterten, blutenden Herzen unserer fernen Ahnen im schnöden, grausamen Spanien und in anderen Jammertälern entrungen und sich bis auf heute aufbewahrt haben, versteinert, wie die Nachkommen jener Ahnen, versumpftwie ihre Herzen. Draussen lächelt die Sonne und wärmt und leuchtet und kost 'und freut sich selbst. ' Die Strassen sind vollgedrängt. Ein ungeheures Gewoge von Menschen, viele mit Fahnen,- andere mitmusikalischen Instrumenten, noch andere mit roten garibaldinischen Blousen und ebensolchen Mützen, aber alle mit jubelnden Gesichtern, eilen zu einem Punkte hin — zum Platze, wo die Enthüllung, des Standbildes der im Jahre 1867 bei Mentana Gefallenen vorgenommen wird. Und die Hülle wird gelüftet und das-Standbild erscheint vor "den Augen des Volkes: ein Krieger, der mit dem Banner in der Hand stirbt. Allen Zuschauern, wie einem Manne, entfährt ein Schrei und in diesem Schrei ist alles; er. ist beredter als die schönsten Reden, sinnvoller als die besten Schriften, tief wie die Volksseele und unergründlich wie sie. Und dieser Schrei will ausdrücken : Schmerz über die Vergangenheit, Hoffnung für die Zukunft, Bewunderung, Dankbarkeit, Jubel und Wehmut zugleich. Und was taten diese Helden, die jetzt vom ganzen italienischen Volke gefeiert werden? Haben sie für die Itatiener neue Länder erobert? Haben sie ihrem Lande die Freiheit erfochten, es vom Drucke der Fremdherrschaft befreit? Nein — ihre einzige Tat war ihr heldenmüthiger Tod; sie starben für das Vaterland, sie fielen für seine Freiheit, wenn auch nicht als Sieger. Denn nicht der Sieg allein bringt den Kranz, krönt die Tat, sondern auch das Ringen an und für sich. Als Verteidiger seines Vaterlandes zu fallen auf der Walstätte galt den Hellenen als das höchste Glück. Um zu siegen, muss es Opfer geben, die Leichen der Gefallenen ebnen den Siegern die Bahn. Die Helden bei; Mentana fielen, aber ihr Opfer war nicht vergeblich. Rom wurde, doch am Ende durch die löwenmutigen Scharen des Garibaldi erobert, Italien end-

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