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Die Welt · 1902-06-20 · 25 (20.6.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
25 (20.6.1902)
Article
Die Nothlage der Juden in Odessa
Date
1902-06-20
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 M # WeliF m 25 ganz ernst: „Wenn ich täglich 20 Kopeken verdienen könnte, ich wäre mit dem Lehen vollkommen zufrieden." Wendet man sich den Schilderungen zu, welche Borodowskij den sanitären Zuständen der Wohnungen der jüdischen Armen und Nothleidenden widmet, so muss man sagen, dass diese Zustände einfach unmöglich sind. Keine Worte vermögen diese unmöglichen Zustände genügend, geschweige denn erschöpfend zu kennzeichnen. Die Berichte des Stadtphysikus Michailowskij und des Odessaer Stadthauptmanns Grafen Schuwalow über die Wohnungen der jüdischen Arbeiter sind wohl haarsträubend, aber auch sie stehen hinter der Wahrheit zurück. Es genügt, wenn man sagt, dass diese Wohnungen Stätten von Krankheiten, physischem Siechthum und f rühzeitigem Tode sind . „ . Aber nicht das Leben der Juden in Odessa allein bietet dieses düstere Bild des Elends und des Jammers. Bedenkt man, dass Odessa nur eine der vielen Grossstädte ist, nach denen die russischen Juden aus den kleinen Städten und Dörfern strömen, um einen Erwerb oder einen Verdienst zu' finden, so wird man begreifen, dass die Lage der Juden in den anderen Grossstädten des sogenannten Mederlassungsgebietes, des modernen jüdischen Ghettos Kusslands, nicht besser ist. Aus den Arbeiten des r u s s i - sehen Nationalökonomen A. Subbotin kann man denn auch viele Daten schöpfen, welche das Elend der Juden in Wilna, Kowno, Minsk, Grodno und Bialystock deutlieh illustrieren. Wir sind jedoch imstande, die Leidensgeschichte der Juden in Russland durch frische, allerneueste Thatsachen zu bereichern. Die jüngste Nummer der Zeitschrift „Wjestnik Juga" (Bote des Südens) gibt den Inhalt eines Collectivschreibens wieder, welches viele jüdische Familien aus Jekaterinoslaw an das Petersburger Comite der Jüdischen Colonisationsgesellschaft gerichtet haben. In diesem Schreiben heisst es: „Die äusserst schwere ökonomische Lage, unter deren Last die Juden im Niederlassungsgebiete, besonders aber die in Jekaterinoslaw, seufzen, hat uns völlig ruiniert. Wir wollen den Wanderstab ergreifen, um in einer neuen Heimat unsere Arbeit verwerten zu können . . . Eine weitere Illustration der entsetzlichen Armut der Juden in Kussland liefert das in Kiew erscheinende, keinesfalls philosemitische Blatt „Krewljanin", ein Organ rein national-russischer Richtung, dessen Leiter und Mitarbeiter ausnahmslos Christen sind. Der vom „Kiewljanin" mitgetheilte Fall hat sich in der Stadt Starakonstantinow zugetragen. Ein jüdischer Klempner verliess nebst vielen anderen Emigranten seine Vaterstadt Starakonstantinow, um sich in Amerika eine Existenz zu gründen. Er Hess seine junge Frau und vier kleine Kinder ohne Existenzmittel zurück. Die bedauernswerte Frau versuchte in der ersten Zeit, sieh und ihre Kinder durch Weissnäherei zu ernähren; doch TJeberanstrengung und Mangel an Nahrung brachten bald Krankheiten ins Haus. Zuerst erkrankte die Mutter, dann die kleinen Kinder. Trotz ihrer Krankheit setzte die arme Frau ihren schrecklichen Kampf ums Dasein muthig fort; sie selbst hungerte buchstäblich, und auch die kranken Kinder litten bittere Noth, da ein grosser Theil des sehr kärglichen Verdienstes in die Apotheke wandern musste. Da, in der Zeit der grössten Bedrängnis, erhielt die arme Frau von ihrem Gatten aus Amerika einen Geldbrief mit 20 Rubeln. Der durch Hunger und Krankheit geschwächte Organismus der jungen Frau konnte diese grosse Freude nicht ertragen: beim Lesen des Briefes zeigten sich Spuren von Geistesstörung, die in völlige geistige Umnachtung ausartete ...» Was also musste diese arme Frau durchgemacht haben, wenn die Freude über erhaltene 20 Kübel ihr den Verstand rauben konnte! Und dieser Fall dürfte nicht vereinzelt dastehen. Die duückende Noth unter den Juden hat auch in Odessa eine erschreckende Armee von kranken Juden geschaffen. Aus den Jahresberichten der Krankenhäuser in Odessa erfahren wir, dass im Jahre 1897 allein und bloss in zwei Spitälern, im jüdischen und im städtischen, 33 000, sage dreiunddreissigtausend kranke Juden ambulatorisch und stationär behandelt wurden .... Beinahe ein Drittel der gesammten jüdischen Bevölkerung von Odessa verfiel also aus Mangel an Nahrung, Luft und Licht verschiedenen Krankheiten! Wir könnten diese Martyrologie der Juden in Russland noch vielfach bereichern, glauben aber, dass die angeführten Thatsachen genügen, um eine Vorstellung von dem Elende zu geben, unter dessen Zeichen unsere Volksgenossen in Russland stehen . . . G-t. Zur Lage in Rumänien. Wieviele sentimentale Tinte über die „armen rumänischen Juden" vergossen worden ist! Von überall sind die Klagelaute über diese „geplagtesten" aller Juden gekommen. Parturiunt montes — und was ist herausgekommen? Ich meine nämlich für die „armen rumänischen Juden", denn für ihre sentimentalen Rhapsoden ist vielleicht schon etwas herausgekommen. Die Lage in Rumänien hat sich nicht verändert; es sind in der letzten Zeit zu den alten Miseren noch einige Strassenscandale gekommen, noch einige Drohungen und Roheiten der Regierung; weiter ist alles beim alten geblieben. Die Gesetze sind Gesetze geblieben, das über die Juden verhängte Standrecht wurde nicht aufgehoben. Die Juden dürfen keine Versammlungen abhalten, nicht einmal in den Synagogen; in den Dörfern dürfen sie selbstverständlich nicht wohnen, arbeiten dürfen sie, wie es scheint, auch nicht mehr. Wir lesen nämlich in der „Cronica Israelite": „Der Bäcker Michael Tuliatos aus Piatra-N. bekam eines Tages von dem Bürgermeister den Befehl, er solle den 3 jüdischen Arbeitern, die er beschäftigte, kündigen. Weil der Bäcker das nicht that, bemühte sich der Vice- Bürgermeister selbst und warf die 3 Arbeiter aus der Bäckerei hinaus." Ganz harmlos! „In Bukarest", schreibt „Patriotul", giengen eines Abends nach Geschäftssperre die Handelsangestellten vom Geschäfte Petrescu in die jüdischen Quartiere und demonstrierten. Sie schrieen ein wenig, warfen einige Scheiben ein und gingen dann schlafen." Wie man sieht, gehört jetzt das Einwerfen der Scheiben der jüdischen Häuser zu den unschuldigsten Vergnügungen der rumänischen Jugend. Die „Cronica Israelite", die geschrieben hatte, dass man doch vor diesen minderjährigen Demonstranten nicht sofort die Flucht ergreifen dürfe, wurde von der offiziellen „Cronica" als ein die Juden zum Aufruhr treibendes Blatt denunciert. Wie darf sich denn eine Heloten-Zeitung erlauben, die Amüsements der wenn auch minderjährigen Tyrannen zu stören? „InFoltitscheny wurde einem jüdischen Brotträger, der den Soldaten Brot verkaufte, von dem Hauptmanne der Compagnie das ganze Brot in den Koth geworfen und der Jude blutig geschlagen. Der Jude wurde ins Spital gebracht." „Bei Odobesty wurden einige Juden zur Errichtung einer Säge verwendet. Bald aber kam der Unterpräfect und die Juden wurden von der Arbeit verjagt." Also: Piatra N., Foltitscheny, Odobesty, Bukarest —- überall dasselbe. Nach Carucal ist ein Antisemiten-Congress einberufen; in Galatz ruft man zum Vergnügen (siehe „C. J.tt) »Tod den Juden" und verlangt die Verjagung der Juden aus den privaten Unternehmungen. (Siehe geheimer Brief des Präfecten Athanasiu.) Es ist doch recht gemüthlich in Rumänien! Der Hunger und die Verzweiflung herrschen in den jüdischen

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