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Die Welt · 1902-06-20 · 25 (20.6.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
25 (20.6.1902)
Article
Die Nothlage der Juden in Odessa
Date
1902-06-20
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 25 JMe jfc Welt" Seite 5 sie dem Abgesandten des Wohlthätigkeitsamtes. Auf die Frage des Controlors, ob sie Heizmaterial benöthige, wollte die Frau etwas antworten, aber ihre Lippen begannen plötzlich, zu zittern und sie brach in heftiges Schluchzen aus. Das erschreckte Kind umklammerte mit seinen Händchen den Hals der Mutter und fieng ebenfalls heftig zu weinen an. Der Controlor warf einen Blick in das Gemach: Die armselige Einrichtung sagte ihm das, was die arme Frau nicht heraussagen konnte. Er schrieb eine Anweisung auf Heizmaterial und verliess die Wohnung. Bei der Thure drehte er sich um und sah: Die Frau hielt das Gesicht in einem Polster verborgen, ihre Schulter zuckte infolge zurückgehaltenen Schluchzens . . . Borodowskij theilt noch Fälle solcherart mit, aber wir begnügen uns mit der angeführten Thatsache, welche, wie wir glauben, vollkommen genügt., die hohe Tragik der „verschämten Armen" anschaulich zu machen. Der angegebenen Zahl von in tiefem Elend lebenden -1-8 549 Juden muss noch die Zahl von 30 000 Juden beigesellt werden, welche einen fürchterlichen Kampf um das trockene tägliche Brot führen und stündlieh zu gewärtigen haben,, in die obgenannte Bettler-Kategorie hinabzusinken. Strenge genommen, beträgt somit die Zahl der nothleidenden Juden in Odessa nicht 48 549, sondern 78 549, mehr, als die Hälfte der G-esammtbevölkerung. Nur die übrigen 70 000 Juden recrutieren sich ans solchen, welche keine Ersparnisse machen können (Handwerker, Angestellte, Kleinhändler u. a.), aber ihr Auskommen haben, aus solchen, welche Ersparnisse machen können, (reiche Hausbesitzer und Kaufleute) und endlich aus 18 sehr, reichen Juden. Wir wollen nun einigen Gruppen, aus denen die nothleiclende Masse von 48 549 Personen besteht, unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden, um die unter den Juden in Odessa herrschende Armut am deutlichsten zu illustrieren. Die erste Gruppe besteht aus Taglöhnern (1214 Personen), welche im Hafen von Odessa bis vor kurzem ein bescheidenes Auskommen fanden. Der starke Rückgang des Getreideexportcs hat alle diese jüdischen Hafenarbeiter brotlos gemacht. Sie sind zu Proletariern, geworden, die weder sich noch ihre Familien auch nur mit trockenem Brote ernähren können. Viele unter ihnen durchstreifen auf ihrer Suche nach irgend welchem Verdienst beinahe die ganze Stadt, um mit leeren Händen zu ihren Familien zurückkehren zu. müssen. Die zweite Gruppe bilden die Schuhmacher (445 Personen). Unter ihnen gibt es nicht einen einzigen, welcher ein Gewölbe, Local oder eine Werkstätte hätte. Viele von ihnen arbeiten unter freiem Himmel, unter der Einfahrt der Häuser, auf den Märkten usw. Der wöchentliche Verdienst dieser Handwerker beträgt durchschnittlich drei Rubel, d. h. wenn sie imstande sind, überhaupt Arbeit zu finden. Noch schlechter geht es den Schneidern (474 Personen). Das sogenannte S w e a t i n g sys t e m hat in den Schneiderwerkstätten in Odessa eine leider allzu grosse Entwicklung erfahren. Obwohl Odessa auf dem Gebiete der Kleiderfabrication die erste Stelle unter allen anderen Grossstädten Kusslands einnimmt, so ist die Concurrcnz dennoch so gross, dass dieses Handwerk fast völlig uneinträglich geworden ist. Die leichten und einfachen Arbeiten in den Schneiderwerkstätten und Kleiderniagazinen werden von Mädchen verrichtet, welche einen m onatlichen Lohn von 3 bis 5 Kübeln erhalten .... Welche Löhne die Schneider in den Werkstätten erhalten, kann man erst begreifen, Avenn man die Preise kennt, welche die' Kleidermagazine den Schneidermeistern und Unternehmern zahlen. Die Preise sind folgende: Für ein Saceo 80, für ein Gilet 20 Kopeken; für einen Üebcrzielien 1 Kübel 20 Kopeken; für einen Winterrock 1 Kübel 80 Kopeken . . . . Man kann sich also leicht vorstellen, mit welcher Armut diese Handwerker „in der Saison" zu kämpfen haben, welchem Elende sie aber preisgegeben werden, wenn auch dieser Verdienst" entgeht .... Und er entgeht den jüdischen Schneidern sehr oft, fast immer .... Auch die anderen Handwerker, Tischler, Anstreicher, Hutmacher, Bürstenerzeuger u, a. (508 Personen) führen ein unmögliches Dasein. Aber'dem grössten Elende sind jene Personen preisgegeben, welche mit Obst, Süssigkeiten und Früchten hausieren. Der grösste Theil. dieser Gruppe besteht aus Frauen (494); die Männer (4:87) hausieren meistens mit Bonbons. Der tägliche Verdienst dieser Unglücklichen schwankt zwischen 10 und 20 Kopeken. Mit dem schweren Korbe halbverfaulter Aepfel und Citronen durch streifen diese Hausiererinnen und Hausierer die Stadt, um mit dem nichtssagenden Verdienste von 10 bis 20 Kopeken eine ganze Familie erhalten zu müssen. Herrscht aber schlechtes Wetter, so entschwindet auch dieser Ter dienst . . . In der Regenzeit sitzen die Armen zuhause und ernähren sich von ihren eigenen Waren . . . Die Gruppe der sogenannten „Karrenschieber" lebt ebenfalls im tiefsten Elende. Sogar der Handwagen gehört nicht dem „Schieber", sondern einem „Unternehmer", der für die Benützung des Handwagens einen täglichen Mietspreis von 15 Kopeken beansprucht. Der „Schieber" selbst aber, der mit dem Wagen schweres Gepäck befördert, verdient täglich 30 oder 40 Kopeken. Unter den 287 Personen, welche dieser Gruppe angehören, befinden sich Greise und Kinder . . . Die sogenannten „Handeljuden", welche alte Kleider etc. kaufen, verdienen monatlich nicht mehr als 16 Rubel. Aber Tage hindurch pilgert er ganz umsonst durch die Strassen. Es gelingt ihm nichts. Koch mehr, die wenigen Rabel, welche der „Handeljud" zum Betriebe des Geschäftes benöthigt, werden fast immer als Darlehen aufgenommen, für welches er hohe Zinsen zahlen muss. Ein „Handeljud" musste für 5 Rubel täglich 25 Kopeken zahlen. Und er muss den. Zins immer zahlen, auch dann, wenn er nichts verdient. Die Zahl der jüdischen Arbeiter und Arbeiterinnen in den Fabriken von Odessa beträgt 1200. In den Tabaki'abrikon arbeiten mehr als 500 Mädchen. Der tägliche Verdienst einer solchen Arbeiterin beträgt im Maximum 45 Kopeken, weil sie für 1000 Cigaretten nur 30 Kopeken bekommt; mehr als 1500 Cigaretten täglich arbeitet sie jedoch nicht aus. Gehilfinnen bekommen einen täglichen Lohn von 15 bis 20 Kopeken . . . . In den Theefabriken arbeiten ungefähr 1(100 Juden. Ihr monatlicher Verdienst schwankt zwischen 7 und 18 Bubeln. Geht aber die „Theesaison" vorüber, werden diese Arbeiter grösstenteils entlassen, somit der grössten Kothlage preisgegeben. Auch den Arbeitern und Arbeiterinnen in den anderen Fabriken ergeht es nicht besser. . In den Korkfabriken verdienen die Mädchen monatlich 6 bis 8, die Männer 10 bis \2 Rubel. Die Mädchen, welche in den Buchbindereien arbeiten, verdienen monatlich Maximum 5 bis 7 Kübel, notabene für eine zwölf stundige Arbeitszeit. In den Strick- und Säckefabriken verdienen die Arbeiter und Arbeiterinnen bei einer dreizehnstiindigen Arbeitszeit 35 bis 40 Kopeken täglich. Ein schreckliches Leben führen die jüdischen Weiss - näherinnen in Odessa. Sie bewohnen die dunklen, und feuchten "Wohnungen halb und ganz verfallener Häuser. Erschreckend abgemagert, mit bleichem Antlitz und. gcröthoten Augen sitzen diese Märtyrerinnen mit der Nadel in der Hand vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein, um einige Groschen zu verdienen .... Die Feuchtigkeit, die schlechte Nähntng, die unmögliche Atmosphäre und der Mangel an Lieht tödten langsam diese jungen Geschöpfe .... Die jüdischen Taglöhnerinnen und Wäscherinnen verdienen täglich 10 bis 20 Kopeken. Eine Wäscherin sagte

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