Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Article
Die Aesthetik des Zionismus
Date
1902-06-06
Page
14 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315983-3321773--32766-3321864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14 ,£)ie £ Welt" Nr. 23 Anders verhüll es sich, wenn wir zum. Beispiele auf einem Schiffe inmitten des Oceans stehen und um uns blicken. Allseits reichen die Gewässer bis an den Horizont, die Wahrnehmung ist durchaus eintönig, der Begriff des Wassers, die blauen, netzenden, beweglichen, salzigen, verschwindet unter dein Eindrucke, welchen das absolut Flüclienhafte auf uns macht. Wir sehen kein Wasser mein-, wir sehen das Unsichtbar die Denkform: den Raum. Der Schönheit*\vert dieses erhabenen Anblickes liegt in der Xegierung unseres kleinmütliigen Satzes: alles ist endlich. Freilich ist diese Xegierung nur suhjecüv, denn auch der Occan ist in seine Schranken gewiesen, aber auf subjective Empfindung allein kommt es dem Aestbetiker an. Was vom llaiune gezeigt wurde, gilt ebenso von der Zeit. Der erhabene Schauer, den der Darwinismus weckt, gilt zum grössten Theile der Bewunderung des Ewig-Lebendigen, und wenn man uns sagt, dass der Granit^ den wir treten, gerade so weissgrau mit Glinnnerplättchen, wie er jetzt ist, bestanden bat, als dieser Ball ohne Menschen, ohne denkende Wesen um die Sonne kreiste, so werden wir poetisch angehaucht, denn wir empfinden die Negierung der Zeit. Alles, was vor unserem Blicke zeitlich oder räumlich in nebelhafter Ferne verschwimmt, ist ästhetisch unendlich. Der Beginn des jüdischen Volkes liegt in sagenhafter Zeit. Wir haben hier eine Volksindividualitat vor uns, die sich unverändert lebendig erhalten hat, wie ein Wunderbaum. Man verzeihe einige unerlässliche Gemeinplätze: Mächtige Stämme sind links und rechts vom Blitze gefällt worden. Die Nation hat Stürme durchgemacht, welche tausendmal stärkere Völker vernichteten. Einem Pharao stand ein jüdischer Rathgeber zur Seite, dessen Volksgenossen Aerzte der Päpste; gewesen sind. Ochmanns Augustus hatte einen jüdischen Günstling, Alexander der Grosse neigte sich vor einem jüdischen Hohenpriester, und die Xaehkommcn dieser Juden aus dem ganzen Alterthum, die» dieselbe Bibel, denselben Geschmack, dieselbe Cultur — denn der nationale Kern ist ja derselbe geblieben — besitzen, haben Söhne, die die Arbeiterpartei gründen, die die Politik des englischen Volkes leiten. Das erzeugt das Gefühl von der Uinfäligkeit der allgewaltigen Zeit. Und welches Verdienst hat der Zionismus — immer der am Ziele stehende — um diesen Genuss? Das, dass er ihn verdoppelt. Die Ewigkeit des Judenthums ist ohne ihn nur einseitig. Sie ist seit jeher, aber sie hört bei uns auf. Der jüdische Genius ist altersschwach, die ehernen Männer lassen sich taufen, die Sprache wird vergessen, der Typus wird als ..Monsseux'* unter die Völker vermischt. Mit dem Zionismus aber blicken wir in die Zukunft. Das Judenthum wird aber nicht zugrunde geben, es wird unter-gesunde Da sei nsbed i ngungeii gestellt,?s ist auf heimatlichem Boden verjüngt wie Antüus und beginnt sein Leben von neuem. Wenn ich vom Ufer ins Meer schaue, erblicke ich eine unendliche Fläche, aber ich kann sie verlachen, denn zu meinen Füssen liegt sie gebändigt, vor mir ist ihr Ende; erst mitten drin in der Wassevwüste spricht es mit Donnerstimme: Hier ist nicht Wasser, nicht dies und jenes, auf die Knie! Hier ist der Ihnim. Mit dein abschliessenden Zionismus ist das dudeiithuni erst in zweiter Linie die Geburtsslütte des Monotheismus, des Buches der Bücher, des Pantheismus, vor allem ist es d i e Zeit. Ich erblicke eine dritte Seite, die den ästhetischen Wert des Zionismus weist. Der Zionismus ist eine Erlösung. Aber nicht in der christlich-modernen Auffassung darf man das Wort nehmen, sondern in der Urauffassung der Naturvölker. Auf den lieblichen Sommer folgt der eisige Winter, auf Baidur folgt Hagen, auf Odin folgt Uller, aber nach dem Winter kehrt der Frühling wieder. Diese einfache Wechselfolge bildet das Um und Auf aller Volkspoesi'e. Aus ihr schöpfte sie die gewaltigen Motive der Edda, des Nibelungenliedes, der Achillessage, zu ihr wird sie immer wieder zurückgreifen, so lange es Volksdichtung gibt, denn Winter und Sommer, Tag und Nacht werden bis ans Ende der Welt wechseln. Im Wesen dieser Dichtung aber liegt es, dass sie optimistisch ist: ..Und dräut der Winter noch so sehiv es muss doch Frühling werden/' Die Verbannung der Juden ist der Winter, der Zionismus ist der Frühling, was gibt es Einfacheres als das, aber was gibt es auch Natürlicheres, Schöneres? Wird nicht die jüdische Geschichte dadurch herausgerissen aus beschränktem,, zufälligem Geschehen und neben die ewigen Naturgesetze gehoben, nach denen wir alle unseres Daseins Kreise vollenden? Im strengsten Winter haben die Juden keinen Augenblick gezweifelt, dass ihr Frühling wiederkommen werde, so wenig als wir an der Sonne zweifeln, und wenn die Nacht noch so lang ist. Kommt die Erlösung nicht, dann war die Hoffnung ein Unsinn, dann bestand keine Aehnlicbkeit mit der alten, ewig jungen Natur. Nun ist aber das goldene Glück hereingebrochen, und wie sehr den Juden die ungewohnte Sonne blenden mag, er kann mit jauchzender Stimme rufen: „Ich wusste es, sie. musste kommen!'' Das ist beinahe schmerzhaft schön. Freilieh ist es offenbare Anbetung des Erfolges, aber der Satz: „Ut desint vires tarnen est laudanda voluntas" ist ethisch, ohne ästhetisch zu sein. Die Nachahmung der Natur ist das Aesthetische des Anblickes; an Tag und Nacht, an Sommer und Winter, reiht sich Völkernacht (neunzehnhundert Jahre! ) und Völkerfrühling. Zweierlei Juden. Roman von Maw Viola. (Fortsetzung.) „Lump!" rief der Baron und wollte sich auf Paul stürzen, da aber trat Graf Brandt zwischen sie. „Mein Herr," sagte er, ,.nun war es genug. Wollen Sie sich gefälligst mit Herrn von Tulpenthal entfernen und uns unbehelligt lassen." „Ich werde gehen, wenn es mir so gefällt, Sie Schuft!" rief Tulpenthal. Auf diese Worte erfasste ihn Wiesenberg beim Kragen und begann ihn zu schütteln. Mit Mühe befreite ihn, Paul aus den Händen des wüthenden Barons, dessen Zorn sieh nun gegen ihn kehrte. Bevor er sich dessen versah, hatte er ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Paul stand wie betäubt. Er strich sich mehreremale über, die Stirne, bis er die Besinnung wieder erlangte. Dann sagte er mit stockender, doch ruhiger Stimme zum Grafen gewendet: „Baron Wiesenberg ist ein alter Mann. Wäre er kein Greis, so hätte ich ihn bereits vor einigen Tagen wegen einer mir zugefügten Beleidigung zur Verantwortung gezogen. Nun aber ist das Mass voll. Es bliebe nichts übrig, als mir mit der Peitsche Genugthuung zu verschaffen. Oder sind Sie, Herr Graf, geneigt, für die Handlungsweise des Baron Wiesenberg einzustehen?" „Vollkommen, mein Herr. Nach jeder Richtung. " „Dann können wir die Angelegenheit gleich hier am Platze austragen?" „Mit Vergnügen." „Ich bitte, mich hier zu erwarten." Damit ergriff er Tulpenthal beim Arme und führte ihn zu seinem Sohne, dessen Wunde gereinigt und verbunden war, und der ziemlich bleich, seinen Schmerz aber bloss durch leises Stöhnen kundgebend, im Grase sass. Paul bat den Verwalter und Gastons Arzt, ihm als Zeugen beizustehen. Verwundert folgten sie ihm, und in hastigen Worten machte er ihnen vom Geschehenen Mittheilung. Die vier Herren traten zusammen und vereinbarten die Bedingungen des vorhergegangenen Duells. Die Distanz wurde an einer anderen Stelle abgeschritten, die Gegner nahmen Aufstellung, nur sollte das Los diesmal für die Pistolen Tulpenthals entscheiden. Die Führung war dem Verwalter übertragen. Abermals ertönte die laute Frage: „Fertig?" „Feitig!" kam es als Antwort. „Feuer!" rief der Verwalter, und begann zu zählen: Eins — zwei — drei — vier — fünf . . ." Der Graf nahm wie vorher die Avance in Ansprach; Paul blieb auf seinem Platze. Im Augenblick, als der Graf die ganze Avance genommen hatte, ertönte ein Schuss. Paul hatte geschossen. Der Graf stand aufrecht, allein die Pistole war seinen Händen entfallen, sein Antlitz bleich und entstellt. Aus seinem Aermel floss Blut, und die herbeigeeilten Aerzte, die ihn rasch der Oberkleider entledigten, fanden, dass die Kugel den Oberarm zerschmettert habe. Während sich die Aerzte um den Grafen bemühten, stand Paul an einen Baum gelehnt. Er wusste nicht, dass die Verwundung des Grafen eine so schwere sei, dass das Duell nicht fortgesetzt Werden könne. Er wartete. Nach einer Weile trat Baron Wiesenberg an den Verwalter heran und sagte : „Der Graf ist schwer verwundet, das Duell demnach beendet. Lassen Sie es mir nur gleich in die Zeitung setzen, dass das Jüdlein Rosenstein einen Grafen Brandt im Duell besiegt hat," wandte er sich dann, das Antlitz von Zorn verzerrt, an Paul: „Aber ich lasse Euch ausräuchern, Ihr Juden, ausräuchern wie die Hamster. Sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.