Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Article
- Die Aesthetik des Zionismus
- Date
- 1902-06-06
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 23 „Die 2$ Weit'* Seite 13 deutschen Sprache zu gebrauchen, wir werden ihre Parteigänger. Praktisch muss sie sein, weil wir Egoisten sind, ethisch, weil wir in Gesellschaft lebende Wesen sind, und ästhetisch — liier stock1 ich schon. Scholastiker mit eingezogenen Brauen stehen drohend vor mir. Wie? Wäre nicht ästhetisch und ethisch dasselbe? Wenn wir lehren: Quidquid honestuin est, idem est utile, müssen wir nicht mit dreifachem Gewichte donnern: Quidquid honestuin est, idem est pulchrum? Was ist ästhetisch? ist einer der verdammtesten Fragen, (Tie sich Menschen je vorgelegt haben, denn gesetzt den Fall, es gelänge uns heute zu sagen: Schön ist alles, was die und jene Eigenschaft hat, so wäre es morgen nicht wahr* wie es gestern nicht wahr gewesen ist. Der Drang nach dem Schönen aber ist einmal da und ist nicht dasselbe, wie die Begierde nach Praktischem und Ethischem. L'art pour l'art! ist der Ausdruck einer Autonomie der Aesthetik, die sie zwar unverantwortlich macht vor Ethik und Nützlichkeit, die ihr aber auch eine Macht nimmt, die ihr gebürte, wenn sie ein Elektroskop einer oder gar beider vorhergehender Fragen wäre. Niemand also sollte sich durch Schönheit zum Handeln verleiten lassen., aber es sollte sich auch niemand durch irgendwelche Gründe abhalten lassen^ das Schöne überall zu sehen, wo es zu finden ist. Dass aber der Zionismus ästhetischen Wert besitzt, ist gezeigt worden. Wer sieh vorurtheilslos mit dieser Idee befasst, dem erscheint sie durchaus nicht unethisch, der hält sie für enthusiasmierend praktisch, und die vorangeschickte Einleitung hat nur den Zweck, diejenigen, welche die glühende Werbekraft des Gedankens kalt gelassen hat, denjenigen, welche ihn gar ehrlich hassen, alle „Angst" vor freudiger Betrachtung der Schönheit des Zionismus zu nehmen; denn nian kann das Feindliche schön finden, wie man es achten kann. Freilich, jede Idee, wenn sie nutf logisch ist, ist ästhetisch. Denn die Idee sucht sich auszuarbeiten, sie wirbt Anhänger, sie weckt Streit, sie will verwirklicht werden, und selbst, wenn sie durchaus schädlich, für späterhin tödlich ist, im Anfange bedeutet sie .Bewegung, Bewegung ist Leben, und Leben ist schön. Diese Art der Schönheit, welche das Erbtheil aller Ideen ist, dürfen wir nicht dem Zionismus zugute schreiben, obgleich wir sie, falls sieh zeigen sollte, dass andere Ideen in der Juden frage fehlen, doch einzig und allein dem Zionismus verdanken. Sie bildet kein individuelles Kennzeichen. Das versteht sich wohl, und nur zur grösseren Ausführlichkeit möge man weiter bedenken, dass dieser allgemeine ästhetische Wert nicht mit der Bewegung wächst. Schön ist nur der Theil der Bewegung', der hinreicht, sie zu erkennen, das Leben zu erkennen. Wäre es anders, so müsste dieselbe Idee am Anfange ihres Auftretens weniger schön sein, als später, wenn sie sich ausgedehnt hat, was doch nicht der Fall ist. Ein ästhetischer Fortschritt tritt aber dann ein, wenn die Ausdehnung der Bewegung ins Ungeheure, ins Gewaltige gewachsen ist, dann freuen wir uns erstens des Lebens und bewundern zweitens das Gewaltige. Mit dem Zionismus*) verwandelt sich der Charakter der jüdischen Geschichte. War er vorher durchaus episch gewesen, so wird er mit ihm dramatisch. Das Epos ist wie ein strömendes Gewässer, dessen Quelle mau nur ahnt, dessen Mündung man nicht sieht. Als Ruhepunkt des Auges wählt man hier eine waldige Anhöhe, dort eine verfallene Ruine, und man könnte ebensogut ein' kleines Uferstädtchen, eine Felswand in liebevollen Augenschein nehmen. Anders das Drama. Es gleicht dem zu übersteigenden Gebirge. Hier ist alles Ziel und Endzweck. Vor mir der Gipfel ist der Mittelpunkt meiner Sehnsucht. Die mächtige, alleinstehende Eiche gilt mir weit mehr als irgend ein zu durchquerender Wald, weil ich sehe, dass sie auf halbem Wege steht. Unter ihrem Schatten werde ich ruhen. Und bin ich an der Spitze angelangt, so erblicke ich den Fuss auf der anderen Seite. Im Epos ist alles Zufall, im Drama Zielbewusstsein, Zweckmässigkeit. Ohne den Zionismus ist das Phänomen des Judenthums die wunderbare Geschichte eines Volkes, das, an der levantinischen Küste geboren *) Von hier an wird der Zionismus als am Ziele stehend angenommen. worden, aus der Heimat vertrieben, abenteuerliche Erlebnisse gehabt hat, das endlich jn der ganzen Welt zerstreut ist, in Spanien Dichter und Gelehrte, in Holland einen Diamanten schleifenden Philosophen, in Deutschland Finanzkünstler', Dichter und Agitatoren gebiert, das weiter —: hier bricht der Rhapsode ah, denn er ist in der Gegenwart angelangt, und was die Zukunft bringt: es liegt im Schosse der Götter. Aber niemand ist gespannt, jedes Capitel kann für sich bestehen., wie es in der Dias einen Tydiden-, einen Agamenmonsgesang gibt, so hier einen volltönenden spanischen, einen wehmüthigen deutschen Gesang. Jeder ist schön, abeider Zusammenhang ist Zufall. Und nun der Zionsmus! Es ist gewaltig, wie die Geschichte sieh nun modelliert. Dies tritt in den Mebel zurück, jenes tritt vor. Wir erblicken ein überwältigendes Drama, eine ungeheure Symphonie mit Haupt- und Neben - niotiven. Die Motive verirren sich, sie werden wieder klar, ohrenbetäubendes Getöse, bald ist das eine oben, bald das andere, endlich der Höhepunkt und der harmonische Absehluss. Und wie das? Kaum skizzenhaft kann man in wenig Worten dieses Schauspiel der Weltgeschichte zeichnen. Die Erzählung der .Bibel bildet die Expostion. Sie enthält eine gewaltige Yorfabel, eine tadellose Charakteristik des Themas. Darauf folgt die Zerstreuung in alle Länder: erregendes Moment. Zwei Motive tauchen auf, das Motiv des Zusammenhaltens in der Fremde und das Motiv der Assimilation. Welches wird siegen? Das Motiv der Assimilation ist sehwach, aber es erhält Hilfe von aussen. Die Juden sollen nicht zusammenhalten, man bedrückt sie, man will sie zur Auflösung zwingen. Das Gerechtigkeitsgefühl im objectiven Publicum empört sich über so unlautere Vertheilung von Sonne und Wind unter die Streitenden. Wir sind gespannt, wie der Dichter uns befriedigen wird, denn das nmss er. Das Motiv der Auflösung wird stärker, unsere Spannung wächst. Das Mittelalter setzt ein. Auf der einen Seite dräuende Schlünde der Vernichtung, auf der anderen einfach, ehern das Urmotiv in der ersten Gestalt, gefestigt durch Gelehrte, veredelt durch Dichter. Sphärenhaft leise entwickelt sieh aus dem nationalen Motiv der Zionismus. Er klingt als wehmüthiger Oberton mit, so oft das Muttermotiv zum Kample hervor muss; sein Vater ist die Bedrückung, der aber hasst es. Anfangs ist es unselbständig, es wird feuergetauft, es verjüngt und verstärkt aas nationale Gefühl so gewaltig, dass wir die Peripetie erreichen. Kein Zweifel mehr, es wird siegen. Von Anfang an steht das Publicum an seiner Seite, weil es ungerecht verfolgt und von Uebermacht bedrängt wird. Nun ist es in jubelnder Siegeshöhe und alles drängt zum Schlüsse. Höchstens noch ein Moment der letzten Spannung, eine Ueber raschung. Das Motiv der Auflösung verschwindet plötzlich: 1848, Emancipation. W;is wird daraus werden? Die beiden Motive sind aufeinander angewiesen. Fehlt das eine, wird auch das andere schwächer. Generalpause. Ein Paukenstoss — und das scheinbar vorhandene Motiv der Bedrängung, das im Verlaufe des Werkes tausend Gesichter angenommen hat, erseheint wieder. Mit ihm das nationale Motiv. Eine kurze Wiederholung einiger crasser Yerirrungen aus dem Mittelalter, und der Sieg des Zionismus ist entschieden. Den Genuss dieses Ooneertes, dieses riesigen Dramas, verdanken wir dem Zionismus. Die Skizzierung gibt vielleicht eine Ahnung von der athemraubenden, bald erzenen, bald wehmütig zerfliessenden Schönheit des Kunstwerkes. Ohne die endliche Frucht des Zionismus ist alle Gedankenarbeit umsonst, aller Diehtersehwung verloren, alles Blut ins Meer geflossen. Die gesammte Aufbäumung des Urmotivs gegen das Vernichtungsmotiv, welches in der That gewaltig ist, wird hinfällig, fruchtlos und darum grimmig lächerlich. Wir haben so einen ästhetischen Katzenjammer zu befürchten, wenn wir uns nicht ins ruhige, epische Fahrwasser retten, das freilieh ungefährlich und nicht ohne Schönheit ist, dem aber die Urgewalt der theologischen, dramatischen Auffassung fehlt. Auch von einer anderen Seite besehen, bedeutet der Zio nismus einen ästhetischen Fortsehritt, zu dessen Erklärungwir zwar etwas ausholen müssen., aber deshalb um nichts weniger unmittelbar ist. Alles, was wir wahrnehmen, empfinden wir in Kaum und Zeit. Raum und Zeit an sich empfinden wir nicht.