Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Article
Die märkischen Juden und ihre Zukunft
Date
1902-06-06
Page
5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315983-3321715--32641-3321855
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 23 JDteafc Welt60 Seite 5 seien am Sonntag völlig leer und. nur aus politischen Gründen würden sie von einer Anzahl abhängiger Beamten besucht. Man könnte sich ja leicht vom Gegentheil überzeugen, aber das geschieht nie. Wir hörten einst einen alten Herrn sich über die Kriecherei und den Pietismus entrüsten, als er einen seiner christlichen Bekannten zur Kirche gehen sah. Er selbst war hochorthodox und gierig jeden Morgen in die Synagoge. Ebenso schwach ist das Verständnis für die politischen Verhältnisse. Man glaubt noch immer an den deutschfreisinnigen Reichskanzler und naiv erwartet man dann ein sofortiges Verschwinden des Antisemitismus. Es ist schwer zu verstehen, wie die Juden aus dieser völligen politischen Unreife sich zum klaren Verständnis der Dinge erheben und sich wirklich innerlich assimilieren sollten. Im Gegentheil wird die Isolierung durch die politischen Verhältnisse und den wachsenden Antisemitismus aller Gesellschaftsschichten nur immer strenger, die Verständigung immer schwieriger. Dass der eine oder andere geistig völlig im Deutschthum aufgehen kann, soll natürlich nicht bestritten werden. Aber solche Fälle bleiben vereinzelt und auf die Sachlage ohne Einfluss. Es darf aber auch stark bezweifelt werden, dass der märkische Jude in seinem harten Entwicklungskampfe sich allmählich zu einer jüdischen Cultur durchringen wird, wie jungjüdische Kreise es verlangen. Denn abgesehen davon, dass der ganze Begriff der jüdischen Cultur noch ein höchst unsicherer ist, besitzen doch die märkischen Juden einen, wenn auch recht äusserlichen, deutschen Culturbegriff. Und zwei Culturen vermag niemand in sich aufzunehmen. Der deutschen Cultur aber verdanken sie immerhin ungeheuer viel und sie werden deshalb nicht von ihr lassen. Dazu kommt, dass das Wenige, was in Berlin an rein jüdischen Werten geschaffen wird, doch objectiv genommen noch recht unbedeutend ist und einen Kampf mit der deutschen Cultur in absehbarer Zeit als ein kindliches und unreifes Spiel erscheinen lässt. Im Osten, wo compacte jüdische Massen sitzen, oder auf eigenem Boden, etwa in Palästina, mag eine besondere Cultur, das heisst ein auf eigener Sprache, Literatur und Kunst aufgebautes Geistesleben möglich sein — unter deutschen Juden auf deutschem Boden ist ein solches Beginnen aussichtslos, schon weil derartige Geistesströmungen einer organischen Entwicklung bedürfen. Eine solche aber ist inmitten eines starken Milieus für eine zerstreut lebende Minderheit undenkbar. Was also wird die Folge sein? Entweder verbleibt die grosse Mehrheit in einem Zustande dauernder Halbheit, der für alle in Frage kommenden Theile, sowohl für die Juden selbst, als auch für den christlichen BevÖlkerungstheil unerwünscht sein muss. Oder aber man führt den zionistischen Gedanken aus. Ein Theil der Judenschaft würde sodann auf dem Wege der Auswanderung verschwinden, der zurückbleibende würde entweder die Anlehnung an das neugegründete jüdische Geineinwesen und seine in der Ferne entstandene Cultur suchen oder mit verstärkter Energie und wahrscheinlich mit Acceptienmg der Mischehe seine Anpassung an das Deutschthum betreiben. Um dieses Ergebnis zu erreichen, muss für die heranwachsende Jugend ein Boden gefunden werden, auf den sie sich stellen kann. Sie sehnt sich in ihrer seelischen Haltlosigkeit darnach, einheitlich zu werden; sie möchte aus der Welt der Kritik in das Reich des Schaffens, und sie fühlt instinktiv, dass Cuiturwerte nur von einheitlichen Menschen geschaffen werden können. Zeigen wir der Jugend eine Vergangenheit, in der sie fassen und doch ni en schlichmodern bleiben kann. Weisen wir ihr eine Zukunft für ihr geistiges und sittliches Streben — begründet in der Liebe zu den noch schwerer leidenden Brüdern — und sie wird wieder jüdisch, sie wird zionistisch sein, weil ein anderer Entwicklungsgang unmöglich ist. Der Grossrabbiner von Frankreich über den Zionismus. Samstag den 17. Mai fand — wie wir bereits berichtet haben — die erste grosse Soiree der j ü d i s c h e n V o I k s- Hoch schule in Paris statt. Grossrabbiner Z a d o k- Kahn welcher das Ehrenpräsidium dieser Veranstaltung übernommen hatte, war persönlich erschienen. Das Local der von den Zionisten von Paris neubegründeten Institution war viel zu klein, um die Zahl derjenigen zu fassen, welche Einlass begehrten, und viele, viele Gesinnungsgenossen und Freunde haben den Weg vergeblich gemacht; sie konnten keinen Platz finden. Nach einigen Begrüssungsworten des Präsidenten der Gesellschaft „Dorsche Sion", Herr C a h n, ergriff der Grossra bbin er von Frankreich das Wort zu folgender Ansprache : Vom ersten Tage der Gründung der jüdischen Volks-1 lochschule an wollte ich diese Institution in Augenschein nehmen; verschiedene Zufälle und Zwischenfälle hatten mich bisher daran verhindert. Nun aber bin ich glücklich, mich in ihrer Mitte zu befinden. Diese Institution macht denen, die sie geplant und durchgeführt haben, das ist den Zionisten v o n Paris, alle E h r e. Welches im m e r d i e A n s i c h i über d en Zionismus sei, eines m u s s j e d e r~ m a n n ohne Ausnahme anerke n n e n : seine hohe moralische Bedeutung. Der Zionismus hat dem modernen J u dem h u m n e u e s L e b e n eingeflösst; er h a t d i e Gefühle, welche zu erlöschen drohten, neu angel'uch t, u n d s e in o Bestrebungen, welche aufd.iei.nte 1 lectue 1 le und moralische Hebung des J u d e n t h u m s g erichtet sind, haben grossen Erfolg. De m Z i o n i s m u s a 11 e i n verdankenwirdie Rückkehr der studierenden Jugend zum J u d e n t h u m, dem sie fast denRü cken gekehrt h a 11 e. Von d i es en Ideen erfüllt, haben Sie. diese Volks-Hochschule gegründet. Sie rufen Ihren Zuhörern unsere glorreiche Vergangenheit ins Gedächtnis durch Ihre Unterriehtscurse der hebräischen Sprache und jüdischen Geschichte. Sie vergessen aber dabei die Gegenwart nicht, indem Sie auch die französische Sprache und die modernen Wissenschaften lehren. Und vor allem propagieren Sie Ihr Ihnen so theures, erhabenes Ideal. Gewiss, Sie werden in Ihren Versammlungen diejenigen nicht erblicken, welche man die Jeunesse doive'* nennt, aber dafür werden Sie die Freude und das Glück haben, den Armen und Enterbten eine Stätte, zu bereiten, wo sie für einige Stunden ihres schweren Leides vergessen und sich glücklich fühlen werden. Sie sind der Mohrzahl nach Fremde. Gewisse Personen seilen die fremden Juden, die sich in Frankreich niederlassen, mit scheelen Augen an. Auf diesem Standpunkte stehe ich nicht: im Gegentheil, ich gestehe es Ihnen offen, dass ich den Zustrom fremder Juden für ein Glück für uns französische Juden habe. Denn dieses fremde Element führt uns ein Blut zu, welches die französische Judenschaft verjüngen wird, indem es sie aus der Erstarrung, in die sie verfallen ist, wecken und uns neue Lebenskraft verleihen wird. Darum bin ich glücklich, mich in Ihrer Mitte zu befinden, in Ihrer herrlichen vielversprechenden Gründung, die jederzeit auf nieine werkiliätigste Unterstützung rechnen kann." Frenetischer Bei Call dankte dem Redner für seine schönen Worte, die aus diesem Munde kommend, für die Gründer und Leiter der Volks-Hochschule, aber aueh für unsere zionistische Bewegung doppelt ehrenvoll sind. Sie zeigen, dass unsere unentwegten volksfreundlichen und idealen Bestrebungen zuletzt alle Bedenken besiegen und alle wahrhaft guten Juden erobern müssen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.