Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Article
- Die märkischen Juden und ihre Zukunft
- Date
- 1902-06-06
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die 2& Welt'6 Nr. 23 leicht ermessen. Es ist tieftraurig und zeigt sieh in dem sittlichen und meist finanziellen Verfall eben erst aufgekommener Familien. Wie wenige Familien der Haute finance haben ihr Vermögen bis ins dritte Geschlecht zu erhalten verstanden. Interessanter gestaltet sich das Verhältnis in jenen Kreisen, wo die äusseren. Lebensbedingungen gegen ein starkes sittliches Empfinden ankämpfen. Es lässt sich nicht verkennen, dass durch die eben beginnende vierte Generation ein erfreuliches Leben geht. Der Antisemitismus in den Schulen lässt die Köpfe zu denken beginnen. Die so oft von den Eltern geübte Kritik fordert auch die Kinder auf, über die Dinge um sie her zu grübeln. Sie sehen — traurig genug — die Fehler der Eltern, sie fühlen sich unbefriedigt in dem äusserlichen Streben der älteren Generation, weil sie ja täglich in ihren kindlich natürlichen Neigungen und Empfindungen durch das Parvenümässige rings umher gestört und überdies von der christlichen Umgebung darauf hingewiesen werden. Sie sind im Wohlstand gross geworden, also ist er ihnen selbstverständlich, und sie begreifen nicht mehr, dass man ihn nicht als etwas Gegebenes hinnehmen solle. Dazu sehen sie das weit grössere Mass individueller Freiheit, das der Einzelne im christlichen Kreise besitzt und sie suchen diese Anschauungen in die Familien zu tragen. Da aber prallen sie auf einen ganz ungeahnten Widerstand. Es entsteht ein Kampf zwischen dem — oft unbewusst — patriarchalischen Empfinden der Eltern und dem individualistischen der Kinder. Ein Fall aus dem Leben : Der Sohn wird in der Schule des Judenthums wegen von den Mitschülern verhöhnt; sein Stolz wird wach und er beginnt sich mit dem Volk und Glauben seiner Väter zu beschäftigen. Er findet Gefallen daran und erklärt einesTages, am Versöhnungstage fasten zu wollen. Allgemeines Entsetzen, grosse Debatten, schliesslich erfolgt ein väterliches Verbot. Der Sohn fastet trotzdem und seitdem ist ein Zwiespalt geschaffen; denn der Vater hat seinem eigenen Vater in wichtigen Fragen blinden Gehorsam geleistet und versteht nicht, dass der Sohn seinen Willen behauptet. Das ist ja der Fluch des sonst so schönen jüdischen Familienlebens, dass es die Persönlichkeiten verkümmern lässt. Der Sohn gilt seitdem in seinem Kreise als komischer Fanatiker. — Ein anderer Fall: Der Sohn will studieren, wählt aber kein Brotstudium. Die Eltern sind ausser sich. Der Sohn besteht auf seinem Willen. Er weist darauf hin, dass Sohne aus weit ärmeren christlichen Familien ihren Neigungen folgen, und verlangt für sich die gleiche Freiheit, aber Verständnis findet er bei den Eltern nicht. Die Wahl eines Studiums, das weder Geld noch äussere Ehren bringt, erscheint ihnen unbegreiflich, als lächerliche Phantasterei, der Sohn als ein Mensch „ohne Streben", der seinen Eltern bitteren Kummer bereitet. Aehniiche Differenzen entstehen bei der Heirat. Die Eltern sind nach altjüdischer Art verheiratet worden, die Kinder wollen selbst wählen und vielleicht aus den nicht zur zur jüdischen „Gesellschaft" gehörenden, wenn auch durchaus ehrenwerten Familien. Dagegen wehrt sich ein Stolz, als stamme man von Gottfried von Bouillon ab. Und der Conflict ist gegeben. — Man glaube nicht, dass wir theoretisieren. Wir könnten hunderte von Beweisfällen dafür anführen, wie der Kampf der alten und der neuen Zeit die Ruhe der Familien stört und allen Theilen das Leben erschwert — auch die Eroberungen auf dem Gebiete der Cultur kosten Blut und Thränen, und der Glanz äusserer Verhältnisse ruht auf den Kindern unseres Volkes als eine besonders schwere Fessel. Denn die Jugend, der das Schicksal einen so schweren Kampf aufbürdete, einen Kampf gegen die Nächstep auf Erden, hat dabei keinen festen Boden unter den Füssen. Sie muss die dreifache Geistesarbeit aufwenden, um den geraden Weg zu finden, der anderen durch die Tradition gegeben ist. Sie ist Pfadfinderin einer neuen Epoche, die besonders feiner Sinne bedarf, weil ihr die Merkzeichen für Gut und Böse fehlen, die jede Ueberlieferung in sich trägt. Denn bei der älteren Generation ist den Begriffen „Gut" und „Böse" nur zu häufig die Bedeutung von „nützlich" und „zwecklos" gegeben worden. Dennoch vermag die kämpfende Jugend die Klippen zu umsegeln, an denen die ältere Generation scheiterte: Sie muss die Fehlgriffe der Eltern historisch verstehen lernen, sie muss die Gründe ihrer Kampfes mit der Umgebung begreifen. So werden sich die Lebensverhältnisse besser'gestalten, und die Gegensätze werden sich mildern, das Persönliche verlieren. Bisher wirkten sie verderblicher auf die Gemüther als der Hass von aussen her. Es ist stets unbehaglich, in Uebergangszeiten zu leben, und hier fühlt sich alles unbehaglich. Das alte jüdische Familienleben ist dahin. Das mag man beklagen, aber man darf auch nicht vergessen, dass es bisher der Entwicklung des Einzelnen vielfach hindernd im Wege gestanden hat. Es hat oft genug auf den Einzelnen, der sich dem Zwange einer zärtlichen und doch unendlich drückenden Fessel nicht zu entziehen verstand, versteinernd gewirkt, es hat Talente begraben und fortschrittliche Regungen gelähmt. War man doch in der altjüdischen Familie nur ein Theil des Ganzen und musste sich der Gesanimtanschauung beugen. Eine neue Zeit verlangt nach Luft, nach grösserer geistiger Unabhängigkeit. Wie man aber auch sonst darüber urtheilen mag, für jeden Fall muss man mit den gegebenen Thatsachen rechnen. Der patriarchalische Gedanlce muss nicht nur in der Politik, sondern auch im Leben des Alltags Concessionen an das parlamentarische Princip. machen. Das Familienleben wird einer Umformung unterzogen, weil unerbittliche Verhältnisse es erheischen. Wohl denen, die klug genug sind, nicht dem Individuum die Schuld aufzubürden und dauernde Entfremdungen zu vermeiden. Wohin geht nun der Entwicklungsgang dieser Juden? Wird ein allmähliches Aufgehen im Deutschthum stattfinden, oder wird man sich in dem harten Entwicklungskampfe zu einer eigenen jüdischen Cultur durchringen? Das erstere glauben wir so wenig wie das letztere. Die Vorbedingung zu jenem wäre vor allem die Mischehe, der die überwiegende Mehrheit der Juden ablehnend gegenübersteht. Selbst die getauften Juden oder deren Kinder heiraten mit Vorliebe wieder getaufte Judenstämmlinge; man kann sich dann gegenseitig keine Vorwürfe machen. Bekannt ist die treffliche Aeusserung einer Dame, die durch die Verlobung ihrer Tochter zu den Worten hingerissen wurde : „Gerade das hatte ich mir immer gewünscht, dass meine Tochter einen Christen aus guter jüdischer Familie heiratet." So lange durch die Ehe keine Verschmelzung stattfindet, werden die jüdischen Massen im Deutschthum niemals völlig aufgehen können. Die Masse von 100.000 Menschen, die unter sich heiratet, fast lediglich unter sich verkehrt, höchstens an ihren äussersten Rändern mit der christlichen Gesellschaft in Berührung tritt, kann das Deutschthum in seinem Wesen niemals voll erfassen, weil dieses ein lebendiger Begriff mit Stimmungen, wechselnden Tendenzen und einer dem Judenthum fremden Tradition ist. Der Berliner Jude nimmt nur die Abstraction davon in sich auf. Er lernt es aus Classikern, in den Hörsälen, aus Zeitungen kennen. Man lebt in Wirklichkeit in einem abgeschlossenen Kreise, in einem Ghetto ohne Mauern: Die gleichstehenden christlichen Gesellschaftsclassen halten sich fern, so dass man ihr Wesen nicht versteht. Wie sehr das der Fall ist, geht zum Beispiel daraus hervor, dass man der unverbrüchlichen Ueberzeugung lebt, kein gebildeter Christ habe eine Spur von Religion, die Kirchen