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Die Welt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Article
Nach den Alliance-Wahlen
Date
1902-06-06
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 23 „Die # Welt" Seite 3 Welch wichtige Ergebnisse " ein Sieg für die Realisierung unserer Ideen gezeitigt hätte, bedarf jetzt wohl keiner weiteren Erörterung mehr; und dass der Kampf für uns aussichtsvoll war, zeigen die Resultate, die in den Orten erzielt wurden, in denen die Zionisten gearbeitet haben. So erhielt unsere Liste in Venedig 30 Stimmen, die gegnerische 0, dank der Arbeit unseres Gesinnungsgenosse]! Angelo Sullarn, dn Mannheim brachten es unsere G<esinmingsgenossen Dr. Moses und Julius Simon und ihre Mitarbeiter auf 116 Stimmen, während die gegnerische Liste 9 Stimmen erhielt; in Mülhausen siegte die zionistische Liste mit 39 gegen 35 Stimmen, in Biel mit 10 gegen 9. Wahrscheinlich haben wir noch in anderen Städten Majoritäten erhalten. Die Arbeit einzelner konnte jedoch die Unthätigkeit vieler nicht gut machen. Nun ist die Schlacht entschieden; wie man angibt, ist das Gesammtresultat für uns ungünstig. Wir sind unterlegen, und mit uns hat die Colonisation Palästinas durch die Juden einen Schlag erlitten. Der übliche Trost, ein anderesmal die Sache besser zu machen, ist uns vielleicht versagt. Nach Nachrichten, die aus sicherer Quelle stammen, beabsichtigt die Allianee- Leitung, späteren Wahlkämpfen dadurch aus dem Wege zu gehen, dass sie das Stimmrecht der Vereinsmitglieder aufhebt. Sie wird noch im Laufe dieses Sommers in Brüssel eine General-Versammlung einberufen und wird ihr den Vorschlag machen, die Statuten in der Weise zu modifieieren, dass das Centralcomite* nicht mehr aus allgemeinen Wahlen hervorgeht, sondern durch Cooptation sich ergänzt. Der Kampf zwischen Assimilation und Regeneration, zwischen Zerstreuung und Sammlung des Judenthums wäre dami, so weit das Alliance-Terrain in Betracht kommt, definitiv zu unseren Ungunsten entschieden. Das Urtheil, das am 11. Mai gefällt wurde, wird dann auf ewige Zeiten Gesetzeskraft erhalten; eine Revision desselben wird nicht möglich sein. Ein Instrument, das wir na,ch Recht und Billigkeit hätten benützen können, um die Noth unseres Stammes zu heben, wird auf immer unseren Händen entwunden werden. Werden wir in Brüssel wiederum müssig zusehen oder werden wir, den Ernst des Augenblicks erfassend, uns aufraffen und handeln? Eine nahe Zukunft wird diese bedeutungsvolle Trage beantworten. Die märkischen Juden und ihre Zukunft. Von einem Zionisten. II. Betrachtet man nun aufmerksam das Familienleben der Gesellschaftsciasse. die heute die Berliner Judenschaft leitet, so erhält man im allgemeinen kein erfreuliches Bild. Zunächst ist sehr interessant die Beobachtung, dass der Frau vielfach eine über jedes Mass hinausgehende Stellung zugewiesen wird! Spielen hier auch zweifellos Traditionen mit, weil ja in der alten jüdischen Gesellschaftsordnung die Frau den auf den Lande umherziehenden Mann die ganze Woche hindurch ersetzen musste, so hat doch auch hier eine missverstandene Assimilation schwere Fehler gezeitigt. Der Jude sieht bei dem Christen eine gewisse äussere Ritterlichkeit, aber er weiss nicht, wie nachdrücklich daneben im Hause die männliche Autorität, manchmal recht drastisch, aufrechterhalten wird. Und so ist die Frau Luxusgegenstand bei den einen, kraftlos, verzärtelt; ein Wesen ohne jede Verpflichtung, dem Manne eine Gefährtin? dem Hausstande eine Leiterin zu sein j dagegen ist sie absoluter Mittelpunkt des Hauses bei den anderen. Völlig ungenügende Schulbildung, wobei ein wenig fremde Sprachen aus gesellschaftlichen Rücksichten den breitesten Raum einnehmen, Meditieren über wahllos gelesene und infolge mangelhafter Vorbildung schlecht verstandene Bücher, kurz Halbbildung mit allen ihren charakteristischen Folgeerscheinungen findet sich weit häufiger als in den gleichstehenden christlichen Gesellschaftsclassen. Die Frau macht die Geselligkeit, Infolge dessen mangelt derselben, von einzelnen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, Schlichtheit, Herzlichkeit, Leichtigkeit Die Gäste werden amüsiert, statt dass man sie sich selbst vergnügen lässt. Theatergrössen aller Art werden für grosse Summen zur Unterhaltung der Gäste engagiert. Man jagt nach Künstlern, besonders Musikern, um den Glanz des Hauses vor den Eingeladenen leuchten zu lassen. Die Literaturgespräche in Berlin W, hat erst kürzlich Franzos in der „Voss. Ztg." vom 1 Februar d. J. prächtig charakterisiert^ und jeder Leser war sich wohl ohne Weiteres klar, dass er jüdische Milieus schilderte. Wer kennt nicht die wundervolle Einrichtung der Musikabende, bei denen man zwei Drittheile der Zeit bei der Tafel verbringt, um im letzten Drittel eilig einen oder zwei Sonatensätze herunterzuhaspeln? Dem Essen wird überhaupt ein übertriebener Wert beigelegt, man sucht sich ohne Rücksicht auf die zur Verfügung stehenden Mittel zu überbieten. Der Verkehr der Geschlechter ist vielfach ohne den erforderlichen Respect seitens des Mannes. Dem letzteren fehlt das wahre Ritterlichkeitsgefühl; die gesellschaftliche TJnbeholfenheit wird durch dreiste Gespräche ersetzt, obwohl man doch andererseits der Frau im Hause allzuviel eoneediert. Der Ton der jungen Leute untereinander ist ohne den Reiz der Harmlosigkeit, ja zuweilen lasciv, obwohl das jüdische Mädchen sich in den allerseltensten Fällen völlig vergisst. Endlich bewirkt die bessere Kenntnis gesellschaftlicher Sitten, dass die Frau sich oft dem Manne überlegen fühlt, und auch dieser Umstand trägt nicht unwesentlich dazu bei, das Autoritätsverhältnis zu ihren Gunsten zu verschieben — sehr zum Unheil beider Theile. Denn wie der beherrschte Mann, so ist die herrschende Frau selten glücklich. Aus den äusseren Ursachen ergibt sich ein sehr starkes und doch sehr wenig gerechtfertigtes Selbstbewusstsein, mangelnde Gleichmässigkeit des Wesens und geringes Verständnis für die wahren Lebensaufgaben der Frau. Man strebt nach Rechten, die man später nicht zu benützen versteht. Wohl nirgends gibt es so viele Frauenvereine — mit zahllosen jüdischen Mitgliedern — wie in Berlin, und nirgends begreift man so wenig, dass die Grundlage all dieses Strebens doch die individuelle Hebung, die Stärkung des Pflicht- und Verantwortlichkeitsgefühls im Weibe sein muss. Man beschränkt die jungen Mädchen in jeder freien Lebensbewegung. Man schickt sie zur Universität und untersagt ihnen gleichzeitig, unter Berufung auf die gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ernsthafte Arbeit, die zur Durchführung der Aufgabe erfordert wird. Man theoretisiert mit den Töchtern über das Leben und dessen Aufgaben und macht sie dabei zu einer wenig graziösen Art von „Damen", nicht zu „Hausfrauen" mit praktischem Blick, welche die Dinge um sich her kennen. Demzufolge ist die Kindererziehung sehr massig. Auch hier streiten das alte und das neue Princip und bringen vielfach ein beklagenswertes Miss Verhältnis zwischen Eltern und Kindern zutage. Der preussische Staat verlangt bekanntlich fast von jedem Staatsangehörigen, dass er für seinen Beruf einen 'Befähigungsnachweis liefert. Nur das schwerste auf Erden — Kinder verständig zu erziehen — muss er Leuten überlassen, die selbst völlig unerzogen sind. Eine Tradition wird der heranwachsenden vierten Generation nicht mit auf den Lebensweg gegeben, wohl aber viel Kritik der bestehenden Verhältnisse in und ausser dem Hause, und fast überall eine grosse Lust zur „Vornehmheit**, alias Aeusserlichkeit. Sind die Eltern und die Kinder ohne Kern, so lässt sich das Erziehungsresultat

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