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Die Welt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Article
Nach den Alliance-Wahlen
Date
1902-06-06
Page
2 (sequence 1)
Language
German
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Seite 2 „Die jfr Welt" Nr. 23 Nach den Alliance-Wahlen. Von Dr. Elias (Mühlhausen). 2faeh officiösen Mittheilungen der AUiance-Leitung ist unsere Liste unterlegen. Einzelne Wahlprotokolic sind in Paris noch nicht eingetroffen, doch sollen dieselben das jetzt schon feststehende Resultat nicht mehr ändern. Es ist wahr sehe iiilich, dass die Angaben der Alliance-Leitung richtig sind. Doch wir haben das Recht, sie so hinge nicht als unumstössliche Wahrheit zu betrachten, als wir verhindert werden, die Wahl Protokolle zu studieren. Denn die Personen, die vor der Wahl unsere Gegner waren, beurtheilen und verkündigen jetzt das Wahlrc&ultat als Richter. Im Gerichtssaale würden wir sie mit Lug und Recht wegen Eingenominenhit ablehnen. Vor der Wahlurne müssen wir sie als Richter dulden; doch ihren Lrrtheilsspruch dürfen'und müssen wir so lange anzweifeln, als wir die Belege, die ihrem Urtheil zugrunde liegen, nicht controlieren können. A priori war ein Sieg unserer Liste nicht unwahrscheinlich. Wir, hatten Candidaten aufgestellt, die in ihrer grossen Mehrzahl an eine jüdische Zukunft glauben, die für eine solche gearbeitet hatten und weiter arbeiten werden; die meisten derselben bilden den Stolz und die Freude unseres jüdischen Volkes. Ihnen gegenüber stand eine Reihe von Männern, von denen viele nichts oder beinahe nichts für das Judenthum gethan, von denen die meisten von einer nationalen und c.uiturellen Zukunft des Judentimms nichts wissen wollen, und von denen manche dem Hanne Heeresfolge leisten, der vor der Assimilation in religiöser Beziehung durch Aufhebung der Ritualgesetze und des Sabbaths nicht zurückscheut. Wir hatten ein Programm aufgestellt, das jeder Jude, dessen Herz für jüdische Ideale schlägt, unterschreiben konnte. Jen« traten ohne Programm in den Kampf. Sie waren von den verschiedensten Punkten des politischen und religiösen Horizonts zusammengekommen; sie konnten kein gemeinschaftliches Programm entwerfen. Si-e konnten auch nicht, weil sie den Alliance-Vorstand früher angehört hatten, auf ihre bisherige Thätigkeit hinweisen. Die Alliance hatte, wenigstens in den letzten Jahren, die Pläne einer kleinen, aber mächtigen Partei verwirklichend, im Sinne einer politischen Partei, einer religiösen Anschauung, einer Nationalität gearbeitet. Allen vier A'orstaiKlsmitgliedern, und sie bilden die Mehrzahl, die dieser politischen Partei nicht angehören, die dieser religiösen Anschauung nicht huldigen, die für diese Nationalität keine besondere Vorliehe haben dürfen, war eine offene Aussprache unmöglich. Gegen ihren Willen oder ohne sieh dessen bewusst zu sein, hatten sie mitgeholfen, jenen seichten Liberalismus zu cultivieren, der die politische Freiheit nicht braucht, um den anderen seinen Willen aufzuzwingen und die Zukunft eines ganzen Volkes den eigenen oder den Stamniesinteressen zu opfern, der unter der Maske des Fortschrittes aus unserem nationalen Gottesglauben einen, unbestimmten Deismus herausdestilliert; sie hatten mitgearbeitet, den. französischen Staatsgedanken zu verbreiten, anstatt nur jüdische Interessen im Auge zu haben. Sie mussten über ihr Wirken in der Vergangenheit und auch über ihre künftige Thätigkeit schweigen. Der Congress der Düpierten, den sie bilden, konnte nur dann weiter tagen, wenn er nach dem Spruche handelte: Schweigen ist Gold. Durch offene Aussprache war er gesprengt worden, und die nothleidenden Juden, über die wahren Absichten ihrer „Wbhlthäter" aufgeklärt, hätten ihnen abgewinkt. Wir durften ferner auf die Sympathien des Gros der Allianz-Mitglieder rechnen. Sie stehen in keinem Gegensatze zu uns. Sie zahlen ihre Beiträge, im Glauben, ihr Seherflein dazu beizutragen, die Judennoth zu lindern oder zu heben. Wer ihnen den Beweis lieferte (und wir haben ihn geliefert), dass die jetzige Alliance-Leitung weder in der Vergangenheit viel genützt hat, noch in der Zukunft viel helfen kann, der konnte darauf rechnen, dass sie mit ihm einen anderen Ours einsehlagen würden. Wir konnten ferner auf die Sympathien und die Hilfe aller derjenigen zählen, die Gelegenheit hatten, das bisherige Werk der Alliance aus nächster Nähe zu beobachten. Thatsächlich trat auch in Aegypten die politische Tagespreise, in Constantinopel das spanische Blatt „El Telegraf o" mit grosser Energie für unsere Liste ein, und wohl noch andere, von den zionistischen Blättern ganz abgesehen, die naturgemäss mit uns kämpften, um neues Blut und neues Leben dem alternden Organismus der Alliance einzuflössen. Doch, trotz der wertvollen Hilfe, die uns von den verschiedensten Seiten zutheil wurde, trotzdem die officielle Candidatenliste mit einer Gleichung mit vielen Unbekannten manche Berührungspunkte hatte, obwohl sie von einem erläuternden Programm nicht begleitet war und nicht begleitet sein konnte, hat es den Anschein, dass unsere Liste nicht durchgedrungen ist. Verschiedene Factoren haben dies Pesultat gezeitigt. Einen Theil der Schuld trägt der Indifferentismus, der unter den Allianee-Mitgliedern dadurch grossgezogen wurde, dass sie von der Mitarbeit möglichst ausgeschlossen wurden. Seit Jahren hatten keine General- Versammlungen und keine Vorstands wählen mehr stattgefunden, seit Jahren hatte man auch die Sitzungsprotokolle des Vorstandes nicht mehr veröffentlicht. Der Vorstand begann nach und nach an seine Allmacht und seine Unfehlbarkeit zu glauben, er gewöhnte sich, die Vereinsmitglieder nur als das zahlende Publicum zu betrachten, die Vereinsmitglieder begnügten sich allmählich mit der ihnen zugewiesenen bescheidenen "Rolle. Es war deshalb schwer, sie aus ihrer Lethargie aufzurütteln und ihnen die Idee beizubringen, dass der Vorstand nur ein ausführendes Organ ist, und dass sie, und nicht die Vorstandsmitglieder, zu bestimmen haben, welchen Weg die Alliance gehen soll. Ferner haben einige bureaukratische Kunststücke beigetragen, uns zu Falle zu bringen. Man wusste uns den Wahltermin möglichst lange zu verheimlichen. Man setzte auch nicht einen bestimmten Tag für alle Alliance-Gruppen als Wahltag fest, sondern in einzelnen Ländern wurde die Wahl früher, in anderen später festgesetzt. Von Innehaltung einer bestimmten Wahlperiode war keine liede. In einzelnen Orten wurden die Allianoe-Mitglieder kaum 24 oder 48 Stunden vorher von der stattzufindenden Wahl benachrichtigt. Ein weiterer Kunstgriff war der, den wichtigsten Localcomites die Instruction zu geben, uns unter keinen Umständen die Mitgliederlisten zu zeigen. Doch alle diese Hindernisse waren nicht unüberwindlich; trotz aller dieser Schwierigkeiten hätten wir gesiegt, wenn wir von allen denen unterstützt worden wären, auf deren Hilfe wir zuversichtlich rechneten, wenn alle in Betracht kommenden zionistischen Vereinigungen den Kampf gegen die jetzige Alliance-Leitung als eine zionistische Angelegenheit betrachtet und behandelt hätten. Eine grosse Anzahl jedoch derjenigen Männer, die als gute Zionisten bekannt sind, die für die Verbreitung des Zionsgedankens kein Opfer gescheut, die für die üolonialbank, den Schekel, den Nationalfonds emsig gearbeitet haben und noch arbeiten, blieb unseren Argumenten gegenüber taub, und war, trotz unserer eindringlichsten Bitten, für eine Aetion, oder eine energische Action, gegen die jetzige Alliance-Leitung nicht zu haben. Die einen waren von der Wichtigkeit der Alliance-Wahlen nicht zu überzeugen, die anderen hielten sie für aussichtslos. Sie begnügten sich, als unparteiische Zuschauer dem Schauspiel beizuwohnen.

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