Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- Ein heisser Tag
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 „Dte & Seite 15 geworden bist, dann---Sei nur brav und gut, sollst Dich nicht grämen." Und das Kind weinte nicht mehr und umschlang mit seinen Aermchen die Mutter. Vom Hofe aber drang Kinderlachen und helles Singen herauf. Die Grete spielte dort mit den anderen Freundinnen Trudes : „Es kommen drei Männer aus Ninive, Ninive, Kaiser von Pilatus . . »tf „Ich glaube nicht, das Trudens Erziehung die richtige ist, Kurt," sagte die Flau Ingenieur an diesem Abende zu ihrem Manne. Zweierlei Juden. Roman von Max Viola. (Fortsetzung.) Plötzlich begann es zu regnen. Erst in einzelnen schweren Tropfen, dann-stürzten die Wassermassen unermüdlich hernieder. Er war bis auf die Haut durchnässt, als er zuhause anlangte. Er kleidete sich um und gieng zum Fenster. Der Himmel war ruhig geworden, doch nun regnete es gleichmässig mit einer Ausdauer, al ob es ewig anhalten wollte. Es war bereits finster und noch immer regnete es gleichförmig. Trotz lern gieng er fort. Er eilte durch die menschenleeren Gassen und befand sich nach wenigen Minuten vor Goldners Hause. Die Fenster waren nicht erleuchtet. Mirjam schlief bereits oder war trotz des Regens nicht daheim. Eine tiefe Unruhe, ein Schmerz befiel ihn, dass er stehen bleiben und die Hand auf das Herz pressen musste. Wo war Mirjam? Was hatte sich zwischen ihr und ihrem Vater ereignet? Er drückte auf die Klinke des Hausthores, es war geschlossen. Er wusste sich nicht zu rathen. Sollte er lärmen, gewaltsam zu ihr zu dringen versuchen? Da schreckte er auf. Kurze Schritte von ihm entfernt liess sich eine Stimme vernehmen : „Alle meine Herren, lasst-euch sagen: Es hat zehn geschlagen. Habt aucht aufs Feuer and aufs Licht . . Es war der Nachtwächter, der seinen Rundgang machte. Wie der ihn beim Hausthore unbeweglich stehen sah, wich er ihm nicht mehr von den Fersen. So machte er sich auf und gieng mit zögernden Schritten heim. XIII. Um acht Uhr morgens hielt vor Finkelsteins Hause ein Wagen, in dessen Fond Gaston von Tulpenthal sass. Paul war bereitswach; er nahm rasch das Frühstück zu sich, bestieg das Gefährte und fort gieng es nach Ebersdorf, wo das Duell stattfinden sollte. Der Verwalter war mit dem Arzte vorausgefahren, doch versicherte Gaston, dass sie sie in zehn Minuten eingeholt haben würden, denn seine Pferde seien die besseren. Er sprach sehr viel, und Paul bemerkte, dass er darunter seine Unruhe verbarg. Der junge Ritter gab sich den Anschein, als ob ihn das Duell gleichgiltig liesse, doch sein hastiges Sprechen, sein unruhiger Blick verriethm, dass er am liebsten heil und gesund wieder daheim wäre. Dabei gab er wiederholt der Belürchtung Ausdruck, sein Vater werde dem Duell beiwohnen. Der alte Herr sei in alier Frühe fortgefahren, niemand wisse wohin, so dass er sich nicht einmal von ihm verabschieden konnte. Er sei sicherlich in aller Stille nach Ebersdorf, halte sich dort in dem an den Park grenzenden Wäldchen verborgen, und wenn man es am wenigsten erwarte, wird er plötzlich aultauchen. Paul erwiderte nichts. Er war während des ganzen Weges einsilbig, denn er musste immerfort an Mirjam denken. Nach einer Viertelstunde hatten sie den Wagen überholt, in welchem der Anwalt mit dem Doclor sass; sie innren rasch, und nach weiteren zwanzig Minuten war Ebersdort erreicht. Sie bogen vor dem Castell rechts ah und gelangten nach wenigen Minuten zu dem Wäldchen, das an den Park stiess. Sie waren allein, der Gegner hatte sich mit seinen Zeugen noch nicht eingefunden. Der Arzt und dei Anwalt waren ebenfalls angekommen, und die kleine Gesellschaft lagerte im Grase. Man rauchte, sprach unbefangen über allerlei, bis man den Grafen mit drei Herren und einem Diener, der ein Pistolenkästchen trug, herannahen sah. Die Gesellschaft Gaston Tulpenthals erhob sich, und Paul schritt mit dem Verwalter auf die Zeugen des Grafen zu, unter welchen er zu seinem Missvergnügen den alten Baron Wiesenberg bemerkte. Er nannte seinen Namen, erklärte, statt Friedrich Hartigs als Zeuge zu fungieren, und dann machten sich die vier Herren auf den Weg, um ein geeignetes Plätzchen zu sudien. Sie fanden es bald. Die Distanz wurde abgeschritten und durch abgebrochene Zweige bezeichnet, ebenso die Grenze der Avance; die Aerzte breiteten weisse Tücher auf die Erde und reihten ihre chirurgischen Werkzeuge darauf. Baron Wiesenberg richtete an die Gegner die übliche Aufforderung, snh zu versöhnen, machte sie auf die strafgerichtlichen Folgen desDuelles aufmerksam, wartete aber die Antwort gar nicht ab, sondern öfinete den mitgebrachten Pistolenkasten, Nun meldete sich aber Paul und erklärte, dagegen protestieren zu müssen, dass ohne weiteres die Waffen des Grafen zur Anwendung gelangen sollen. Es gebe hierfür keine Bestimmung, und da Herr von Tulpenthal ebenfalls im Besitze von Pistolen sei, so möge das Los entscheiden, Baron Wiesenberg warf ihm einen zornsprühenden Blick zu und wandte sich an seinen Partner, mit dem er sich leise besprach. „Ich bitte um die Lose," sagte er hierauf in verächtlichem Tone, und ein breites Hohnlächeln umspielte seine Lippen, als auf dem gezogenen Zettel der Name des Grafen erschien. Die Pistolen wurden geladen, den Gegnern in die Hand gegeben und die Zeugen zogen sich zurück. „Fertig?" fragte Baron Wiesenberg nach einer Weile. „Fertig!" klang es von beiden als Antwort zurück. „Feuer!" rief der alte Baron und begann hierauf langsam zu zählen : „Eins — zwei — drei — vier —" Während er zählte, wandte sich Paul unwillkürlich zur Seite und da sah er Archibald Tulpenthal im Walde stehen. Sein Sohn konnte ihn nicht bemerken, dem Grafen Brandt aber musste er in die Augen fallen. Allem Anscheine nach hatte der Alte diese Stellung gewählt, um den Grafen stutzig zu machen; er dachte, ihn, der ihm so viel Unrecht zugelügt, zu schrecken und seiner Hand die Sicherheit zu rauben. Baron Wiesenberg zählte : „Fünf — sechs--" Gaston Tulpenthal stand auf seinem Platze, während der Graf die Avance in Anspruch nahm. Ein Schuss krachte. Gaston senkte die Pistole; er hatte geschossen. Der Graf hielt die Pistole erhoben; er war unverletzt. Nun schoss der Graf, nachdem er zwei Sekunden geziehlt. Nach der Detonation erfolgte ein Schi ei. Gaston war zusammengestürzt und lag im Grase. Die Aerzte eilten herbei und öffneten die Kleider des Ohnmächtigen, um die Wunde freizulegen. Es war eine äusserst schmerzliche, doch nicht gefährliche Verwundung. Die Kugel hatte den Hüftknochen getroffen und ein Stück desselben mit sich gerissen. Ein Arzt bemühte sicn vor allem, den Ohnmächtigen zur Besinnung zu briugen, prallten aber erschreckt zurück, als Archibald Tulpenthal mit lautem Schreien und Weinen herangestürzt kam und sich auf seinen Solin warf. „Gaston, mein Kind, Gaston!" schrie er mit einer Stimme, die tödliches Entsetzen verrieth, „sie haben Dich umgebracht? Er hat Dich umgebracht, der Schurke, der Betrüger, der Lump! 0, mein Kind, mein Gaston, mein Augenlicht, warum hast Du mir das angethan? Was soll aus mir werden, wenn ich Dich nicht habe? Ich will mich begraben lassen mit Dir in einem Grabe; ich will nicht leben, ich will sterben ..." Mit Mühe und Noth befreiten die Aerzte den Verwundeten aus seinen Händen. Der Verwalter und Paul mus?ten sich Tulpenthals bemächtigen, damit jene in ihrem Weike nicht gehindert weiden. Dumpf vor sich hinweinend, stand der Alte eine Weile da, dann riss er sich plötzlich los und stürmte auf den Grafen zü, der ruhig auf einem Baumstumpf sass und eine Cigarette rauchte. „Mörder!" lief er ihm zu und ballte drohend die Hand. „Mörder, Schuft, Betrüger. Eist betrügen Sie mich um mein Geld, dann machen Sie meine Tochter unglücklich und zum Schlüsse morden Sie auch meinen Sohn! Pfui! In Ketten sollen Sie sitzen, eingesperrt, gehenkt sollen Sie werden!" Der Graf bliess den Hauch seiner Cigarette ruhig von sich. Sein Antlitz blieb unverändert, er erwiderte kein Wort auf Tulpenthals Geschrei. Dagegen kam Wiesenberg und erfasste seinen Arm. „Sie," rief er Paul zu, „führen Sie Ihren lumpigen Juden fort von da, sonst werfe ich ihn ins Gebüsch.*' Paul horchte und kam langsam näher. „Was möchten Sie?" fragte er. Aber noch bevor Wiesenberg zu antworten vermochte, hatte sich Tulpenthal von ihm losgerissen und stürzte mit erhobener Faust auf den Grafen zu. Dieser sah ihn herannahen, und als Tulpenthal zum Schlage ausholte, versetzte er ihm einen Stoss, dass er taumelte. Er wäre last auf Wiesenberg gestürzt, dieser aber erhob seinen Stock und schlug ihm mit solcher Wucht auf den Rücken, da s er in die Knie sank. Paul halt ihm auf die Füsse und wandte sich dann an den Baron : „Ich finde es sehr bedauerlich," sagte er, „dass Sie den alten Mann, der durch den Grafen Brandt Unrecht genug erlitt, auch noch schlagen. Das mag vielleicht unter Holzknechten gang und gäbe sein." „Verfluchter Jud', Du willst mir Moral predigen?" schrie der Baron, roth vor Zorn.;,Ein Wort noch und ich lasse ganz Lobenstein ausräuchern, die ^anze schäbige Judenbande." „Es wäre schade um diese Judenbande, in der sicherlich hunderte Doifgeher sich befinden, die weit mehr Ehre im Leibe haben als Sie.'4 (Fortsetzung folgt,)