Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-05-30 · 22 (30.5.1902) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
22 (30.5.1902)
Article
Ein heisser Tag
Date
1902-05-30
Page
14 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315982-3321558--32607-3321649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite* 14 ,^Die # Welt" Nr. m laden. Und was für Augen der Kerl gemacht hat, der wird sicher seine Kanzlei nicht mehr aufsuchen. Jetzt weiss es gewiss bereits die Frau Gemahlin, jetzt sitzt er zuhause bei ihr und erzählt ihr die Neuigkeit: Du, die Bibel hat er verlangt . . . die Bibel . . . Verflucht. Warum musste er auch dieses Buch verlangen? Was geht ihn eigentlich dieses Buch an? Er hätte ganz gut auf das Crucifix schwören können; es ist ja doch schliesslich die Hauptsache, dass man den Schwur vor seinem eigenen Gewissen rechtfertigen kann. Ja, als er dort stand, da ist ihm dieser Gedanke auch gekommen, aber — aber — — er hat sich doch nicht--getraut. Nicht getraut----Unsinn! Er wollte sich keine Unwahrheit auf das Gewissen bürden, keine Lüge begehen; denn das wäre ja eine Lüge gewesen. Und dann hätte es ja auch nicht das Geringste genützt — im Gegentheil, geschadet hätte es. Man braucht bloss das Nationale durchzusehen, Dort steht alles schwarz auf weiss : Kurt Steiner. Charakter : Ingenieur. Religion : mosaisch. Wozu auch solch ein dummes Nationale gehört? Wozu ein Mensch, wie er, der nun schon volle sechs Jahre am Orte ist und sich nicht das Geringste zuschulden kommen liess, überhaupt schwören muss?Man hätte es ihm doch auf sein Ehrenwort hin glauben dürfen. Aber beim Gerichte ist halt noch so manches nicht gerade fortschrittlich. Wer es wohl jetzt schon weiss? Ob es wohl viele wissen? dachte er. Er gieng über den Ring. Da stand der dicke Kaufmann in der Thür seines Ladens und sonnte seine rothe Nase. Kurt Steiner dachte: ob es der weiss. Er zitterte vor Aufregung, als er in seine Nähe kam. Der Kaufmann lüpfte seine Mütze: „Ergebenster Diener, Herr Ingenieur!^ „Ich habe die Ehre, Herr Baumert. Wie geht es denn?44 Er muss doch diesen guten Mann nach dem Befinden fragen. „Ich danke, Herr Ingenieur — so so — la la. Man frettet sich durch/ „Ach ja, da haben Sie vollkommen recht/ „Ich denke, Sie haben doch nicht zu klagen/4 „Glauben Sie? Ich sag' Ihnen, man hat schon seine Sorgen. Dem einen thut's hier, dem anderen dort weh — aber weh thut's jedem. Na ... ich hab' grosse Eile. Adieu, lieber Freund! Auf Wiedersehen!" Er reichte ihm die Hand. „Ich empfehle mich bestens, Herr Ingenieur." Ein lieber Mensch, dieser Herr Baumert, und da sagen manche, er sei ein Judenfeind. Judenfeind — — was kümmert's ihn. Der weiss also nichts. Er muss seiner Frau sagen, sie soll nur immer bei diesem Kaufmanne ihre Einkäufe besorgen. Vielleicht ist es überflüssig, dass er sich diese dummen Sorgen macht. Aber in diesem elenden Neste wird ja alles gleich Klatsch. Der Synagogendiener kam des Weges. Als er an dem Ingenieur vorüber musste, grüsste er recht ehrerbietig* Kurt Steiner murrte was in den Bart, dann eilte er weiter* Er blickte sich um. Diese Unvorsichtigkeit von solch einem Menschen! Und gerade heute muss er dem begegnen. Was nur der Mensch von ihm will? Er geht ja ohnedies nie in die Synagoge. Aber so sind diese Juden, kriecherisch und unterwürfig. Was der nur will, ein Synagogendiener, der Herr Schammes! Jetzt erinnert er sich lebhaft eines Vorfalles. Es war voriges Jahr im Sommer, sein Vater war damals bei ihm zu Besuch, auf ein paar Wochen. Der Vater ist ja ein ganz lieber Mensch — o ja — er möchte ihn gewiss gerne öfter bei sich zu Gaste sehen, aber der kann halt den Juden nicht verleugnen. Und — er hat doch auch Pflichten gegen sich selbst ird sn'ie Familie. Wohin würde er kommen, wenn ----# Es ist eiLmal so, man will die Juden nicht. Betteln müsste er gehen, direct betteln. Also der Vater war da und der ging mit der kleinen Trude in die Synagoge. Es war eiu Samstag. Das Kind kam nachhause und erzählte, es sei alles so schön gewesen, und der Cantor hätte gar so schön gesungen. Ja, damals hatte er sich mit dem Vater gezankt. Das Kind soll nichts wissen^ braucht nichts zu wissen. „Aber wir sind doch Juden," sagte der Alte, „und Juden--i( Damit kam er gerade an den Rechten, ob er ihn ruinieren wolle. Ihn gehe das Judenthum überhaupt nichts an, er habe mit diesem Pack nimmermehr etwas gemeinsam. Wenn es ihm beliebt, werde er sich heute oder morgen taufen lassen, er frage diesbezüglich nach niemand. Die Thränen kollerten dem greisen Manne in den Bart, er konnte es nicht verstehen, dass sein Sohn so reden könne. Bald darauf reiste er ab. Besser so — — besser so. Jetzt ist ja eine andere Welt .... Kart Steiner war zuhause angelangt, er wohnte im eigenen Hause. Im Flur traf er auf den Hausmeister. „Nichts vorgefallen?" — „Nichts, Herr Ingenieur.'* Er hätte gerne gewusst, was der über ihn dachte. Im Parterre befand sich das Bureau; er trat ein und nahm von mehreren seiner Beamten wegen der Carriere Meldungen entgegen. Dann setzte er sich. „Herr Ingenieur, es ist heute der Brief wegen des Villenbaues zu erledigen." „Ach ja. Ich werde Ihnen dictieren," und während er dictierte, dachte er in einemfort an den heutigen Vorgang und an die bösen Folgen, die er für ihn haben könne. Plötzlich kam Trude weinend in das Bureau gestürzt. „Papa--ach Papa — —" „Was hast Du, mein Kind?" Die Kleine konnte vor Weinen kaum sprechen. „Aber Trude, beruhige Dich doch. Was hast Du denn nur? Bist Du gefallen? Hast Du Dir wehe gethan?" „Nein, nein — ach, Papa — Grete —" „Nun?- „Grete sagt —" „Was sagt Grete?" Das klang schon streng. „Ich kann — kann nicht — zur Frohnleichnamsprocession als--Blumenmädchen, weil---weil ich — eine Jüdin bi... in . . .tf Kurt Steiner wurde plötlich roth im Gesichte. Der Beamte vor ihm spielte verlegen mit dem Federstiel. Scham und Aerger wühlte in des Ingenieurs Innern, dann sagte er ruhig und gefasst: „Geh hinauf, Trude. Es schickt sich nicht für ein so grosses Mädchen, wie Du bist, so zu heulen ... Im Uebrigen habe ich Dir verboten, mich im Bureau zu belästigen. Geh hinauf!" Das Mädchen weinte nur umsomehr: „Aber Papa." „Geh hinauf!" Still weinend schlich Trude hinauf zur Mama. „Ist es wahr, Mama, dass ich — — — dass ich eine Jüdin bi.. . in?" Die Mutter schloss das Kind in die Arme und herzte und küsste es. „Sei still, Du mein Theuerstes, wein' nicht, mein Liebling, weine nicht. Ich .kaufe Dir einen schönen Baukasten und eine Puppe, die sprechen kann. Ja, das soll mein Kind alles haben. Sei'nur still, Liebling." Später fragte Trude: „Ist das denn wirklich eine so grosse Schande?" „O nein, mein Kind — o nein. Das verstehst Du nicht, dazu bist Du zu klein. Wenn Du einmal grösser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.