Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- De Haas' Abschied von London
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8 JDte £ Wem Nr. 22 bin durch Opposition niemals entmuthigt worden. Ich gehe nach Amerika, um den allmächtigen Dollar gefangen zu nehmen, nachdem ich ihn nicht wertschätze. Die Sache, die ich predige, ist der besten und edelsten eine, eine Sache, für die ein Mann willig Seele und Körper opfern mag, ohne nach materieller Entschädigung zu begehren. Ich bin tief gerührt, dass mir soviel Dank gesägt wird, denn es ist eine Ehre, die wenigen zutheii wird, von der eigenen Generation anerkannt zu werden. Es gibt eine dauerhafte und tiefe Dankbarkeit nur in Israel. Ich bin stolz bei dem Gedanken, dass einer der besten Männer, die ich kenne, Mr. Morris Bar nett, die Leitung der mich ehrenden Veranstaltung übernommen hat, dass ihm Mr. L. J. Greenberg und Mr. Joseph C o w e n zur Seite gestanden sind, deren Verdienste um den Zionismus unvergänglich sind. Sie (Greenberg und Cowen) wurden mit mir zusammen die drei Musketiere der zionistischen Bewegung genannt. Das ist das Bittere dieser süssen Stunde, dass sie mich daran erinnert, dass die morgige Sonne mich fern von jenen sehen wird, mit denen ich bisher in täglichem, innigem Verkehre stand/' Eedner schloss tiefbewegt mit den Worten : „In einem kleinen Hause in Deutschland steht über der Thüre das Motto meines Ahnherrn: «Und Jacob gieng seines Weges, und die Engel Gottes giengen mit ihm.* Ihre guten Wünsche und Ihre Liebe begleiten mich als Enge] in meine Zukunft." Neuerliche Ovationen für den allbeliebten Mann schlössen sich an dessen Rede. Nun folgten noch Toaste auf die Presse (von Mr. L. J. Greenberg), auf die zionistische Bewegung (von Mr. W. Nathan), worauf Mr. * Cowen antwortete, und zum Schluss auf den Vorsitzenden (gesprochen von Mr. Morris Barn e 11). Ein ausgezeichnetes Programm von Gesängen, meist hebräischen, zusammengestellt von Bev. L. G e f f e n, wurde während des Mahles* von Miss Louise Zeitlin, Miss Cecilie B r a n i e und Mr. A. N o v a 1 geschmackvoll vorgetragen. * Mr. de Haas verliess London am frühen Morgen des Mittwoch und schiffte sich in Southampton auf dem „Kronprinz Wilhelm" nach New-York ein. Eine grosse Schar von Freunden war auf der Waterloo-Station in London zum Abschied erschienen. Eine Kabeldepesche meldete, dass Prof. Gottheil an der Spitze eines Comites von Zionisten de Haas bei der Landung in New-Yorker Hafen erwarten werde. Dieselbe ist Dienstag den 27. erfolgt. Die jüdische Orthodoxie. Von F. Dunajer, Nadwörna (Galizien). Von Assimilations-Juden gehasst, bestenfalls verspottet; von übelgesinnten Nichtjuden verachtet, carikiert; von wenigen gekannt, von niemanden geliebt wandelt die jüdische Orthodoxie, dieser ewige Jude, ein lebendiges Geheimnis unter den Völkern. Die tiefgehendsten Umwälzungen, die sich während der fast 2000jährigen Diaspora im Leben der Völker vollzogen, sind spurlos an ihr vorübergegangen. Der Zahn der Zeit war diesem wunderbar zähen Volksorganismus gegenüber ebenso machtlos, wie der Geist der Zeit es war. Wie vor 2000Jahren dreht sich der orthodoxe Jude heute noch im engen dumpfen Kreise der Talmud-Folianten, des Schulchan-Aruch, der Sifre Mussar träum- und weltverloren herum. Nach wie vor bietet er mit der tradionellen Leichenbittermiene seine diversen Waren feil. Derselbe schlottrige, fast automatische Gang; dasselbe vergrämte, tiefgefurchte Gesicht; dieselben unheimlich schwären furchtsam dreinschauenden Augen: bekannte Ghetto-Figuren, die nie aussterben, die das Bleibende im Wechsel der Zeiten zu sein scheinen. Fast wäre man versucht, anzunehmen, die jüdische Orthodoxie sei ein Stück versteinerten Judenthums, das aus grauer Vorzeit in unsere Gegenwart hereinragt und für uns nur noch den Wert einer Antike besässe. Und doch, welch reiches Seelenleben erschliesst sich da dem verständnisvollen Auge des Forschers l Welche ungeahnte Poesie von eigenartigsten Reizen birgt diese nach aussen starre Mumie! Ja, es hat den Anschein als ob die jüdische Poesie, ihres heimatlichen Bodens beraubt, in der Seele der unverfälschten Orthodoxen die alte Heimat wiedergefunden hätte, um hier in unverminderter Schönheit keimen, sprossen und blühen zu können. Jankel der Makler in der Gasse, und Jankel im Bethause; Jankel, der nomadisierende Trödler und Jankel im Kreise seiner Familie — welch fundamentaler Unterschied! Jankel, der die ganze Woche, das ganze Jahr über dem kärglichen ach, sehr oft auch ausbleibenden Verdienste mit fieberhafter Hast nachjagt; Jankel, die Zielscheibe des Spottes, de* elendesten, abgeschmacktesten Witze; Jankel, der Krämer, der Hausierer, der „Luftmensch", wie anders, wie von Grund aus anders ist er an Sabbath- und Feiertagen vor seinem Gotte in der Synagoge, im Kreise seiner Familie zuhause, an diesen von Gehässigkeit der Gasse freien Stätten! Die eben verflossenen Pessach-Tage gaben mir zu vorstehenden Betrachtungen Anlass. Nach den überstandenen Mühen und Plagen; nach dem erbitterten Doppelkampfe, um das tägliche Brot im allgemeinen, und um das ungesäuerte Pe^sach-Brot im besonderen; nachdem die grossen Räder und Eäderchen der Werktage zum Stillstande" gebracht worden, wirft Jankel den Schmutz des Alltags, seine Parnosse-Kleider ab, unterzieht sich einer gründliehen Reinigung im obligaten Schwitzbade und eilt in feierlich gehobener Stimmung — das unvermeidliche „Streimel* *) auf dem Kopfe und den rauschenden schwarzseidenen Kaftan angethan, von dem der frische weisse Hamdkragen angenehm absticht —in Begleitung seiner ebenfalls festlich herausgeputzten Kinder der hellerleuchteten Synagoge zu. Hier ist Jankels Lebenselement. Hier erscheint der schwächliche hinfällige Körper zu erstarken, zu wachsen, sich aufzurichten. Wie seelenvoll er betet! Es ist nicht das bekannte gedruckte Gebet, von kalten verständnislosen Lippen gemurmelt, sein Beten gleicht vielmehr einem mächtigen Springquell, der lebhaft, munter rauschend hinaufstrebt zum Throne der Göttlichkeit. Und wie wird er erst beim Hallel begeistert, bei dieser unvergleichlich schönen Hymne auf die Freiheit, auf die jüdische Freiheit! Von religiöser Begeisterung erfüllt, vom poetischen Schwünge dieses Liedes getragen, scheint Jankel im himmlischen Aether zu schweben, wo er dem Könige aller Könige ein Loblied für die Befreiung Israels, seines Volkes, anstimmt. Jankel, der Aermste unter den Armen, der Bedauernswürdigste unter den modernen Sclaven, Jankel singt von Freiheit, freut sich der Freiheit, freilich nicht seiner eigenen, sondern der seiner Ahnen, die die Fleischtöpfe Egyptens verlassen haben, in die weite ungekannte Wüste hinausgezogen sind, nur um frei zu sein. Jankels Freude ist keine irdische Freude, Jankels Freiheit ist keine irdische Freiheit. Nachdem die letzten Gebete verklungen sind, tauscht die fromme Gemeinde warme „Gut Jom-Tow"- Wünsche untereinander aus, und Jankel begibt sich feierlichen Schrittes nachhause. Wie dürftig und armselig es im Innern der Stube auch aussehen mag, die weissgetünchten Wände, die blankgeputzten Fensterscheiben, die sauber gescheuerten Geräthschaften, die schneeig weissen Linnen, die über Bett und Tisch freundlich grüssend ausgebreitet sind, die blankgescheuerten Messingleuchter mit den darin brennenden Kerzen — das alles gibt diesem Wohnräume etwas ungemein Feierliches, Friedliches. Weihevolles. Hier, an der Seite seiner Ehehälfte, dieses gütigen, stets schaffenden, nie ermüdenden Genius des Hauses, die sich heute ebenfalls, so gut es eben angieng, herausgeputzt hat und strahlend aussieht, hier herrscht Jankel. Heute scheint er ia überidischem Vergnügen zu schwimmen. Er lächelt sanft, spendet den Seinen tausend süsse Blicke, tausend zärtlich warme Worte. Und wie er heute im langen, faltigen Leinwandkittel und weissen Strümpfen auf dem weichgepolsterten Hesseb-Bette wie malerisch hingegossen daliegt, auf den linken Arm gestützt, in der Rechten die Hagada haltend, bietet ein Bild des Glückes. Den Tisch bedecken die Mazzoth, die Schüssel mit den symbolischen Kräutern, eine grosse dickbauchige Flasche, mit Wein gefällt, von blinkenden Bechern umgeben, worunter der Elijou Hanowis durch äussere Vornehmheit und Eleganz über seine minderwertigen meist gläsernen Kameraden gleichsam mitleidig spöttisch hinwegzusehen scheint. Was Jankel da erzählt, ist eine alte bekannte Geschichte — aber wie er die alte bekannte Geschichte erzählt! Sein lebhafter Geist beschwört gleichsam die alte verschollene Vergangenheit herauf, um sie gruselig greifbar seinem kleinen er wartun gs vollen Publicum vorzustellen. Wie er den Mizriim, den Peinigern seiner Vorfahren, flucht; wie er beim Moror, dem Symbol der Bitternisse Aegyptens, weint; wie er bei der Schilderung des Auszuges aus dem Lande der Knechtschaft vergnüglich lächelt: das muss man mit eigenen verständnisvollen Augen sehen, mit eigenen feinfühlenden Ohren hören, denn schildern lässt sich das nicht. Gegenwart und Zukunft nicht kennend, lebt und webt Jankel in der Vergangenheit, in der Tradition. Beinahe alles, was er heute geniesst, ist *) Eine schwere Pelzmütze sarmatischen Ursprungs,