Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- De Haas' Abschied von London
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315982-3321512--32510-3321642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 22 >Die Weit?-6 Seite 7 Mr. E. Deinard, ein amerikanischer Zionist, versicherte Mr. de Haas, dass er in Amerika herzliche Aufnahme finden werde. Die zionistische Bewegung in England müsse auf gutem Wege sein, wenn sie einen ihrer eifrigsten Vorkämpfer entbehren könne. Bankett zu Ehren von de Haas. Auf die Nachricht, dass J. de Haas die Absicht habe, England zu verlassen, um im Interesse des Zionismus seine ThätigKeit nach Amerika zu verlegen, bildete sich ein eigenes Comt£, welches besehloss, dem scheidenden Genossen und allbeliebten Freunde ein sichtbares Zeichen der Anerkennung seiner unermüdlichen Thätigkeifc zum Abschied zu überreichen. Andererseits aber wollten die „Hasmonäer", ein von de Haas gegründeter zionistischer Club, ihrem scheidenden Ehrenmitgliede ebenfalls eine Ehrung angedeihen lassen. So vereinigten sich denn beide zu dem Bankette, das Dienstag abends im St. James Restaurant in Piccadiliy stattfand. Sir Francis Monte fiore hatte den Vorsitz inne und anwesend waren ausser sämmtlichen Angehörigen der veranstaltenden Comics, alle zionistischen Notabilitäten von London. Der Arrangeur verlas vor Beginn des Bankettes die eingelangten Entschuldigungsschreiben von Dr. Herzl, Architekt Oskar Marmorek, Dr. Alexander Marmorek, Dr. Kokesch, Israel Z a n g w i 11, Mr. Herbert Bentwich, Mr. S. L. Bensuson Rev. J. Philipps (Southsea) und Mr. Percy Baker (Glasgow). Nach dem von Rev, Geffen gesprochenen Segen Und dem Königstoaste proponierte Sir Francis Montefiore den Toast auf den Gefeierten. Seit einigen Jahren habe er den Vorzug, mit Mr. de Haas in der grossen Kionistischen Bewegung Seite an Seite zu stehen. Er sei während dieser Zeit oft durch de Haas Energie und Begeisterung angeeifert worden, und ausser dessen wertvoller Unterstützung im Kampfe habe Redner von de Haas auch im privaten Leben so viele Dienste und Gefälligkeiten erhalten, dass es keine Phrase sei, wenn er sage, dass er ihm das beste Andenken bewahren werde. De Haas' Thätigkeit und Leistung sei ja allgemein anerkannt, auch — was ihm gewiss die grösste Genugthuung sein werde—von unserem Führer Dr. Herzl. Im Augenblicke, da sich alle Aufmerksamkeit de Haas zuwendet, ist es nur natürlich, auch der grossen Bewegung zu gedenken, der er selbstlos dient, der er sein Leben ganz widmet. Noch vor wenigen Jahren wurden die Zionisten fast als Verbrecher angesehen, oder bestenfalls als Idioten, die mehr romantischen Sinn als Verstand hätten. Nun, das hat sich Gott sei Dank geändert, und von Tag zu Tag nimmt die Wertschätzung des zionistischen Gedankens zu und vermehrt sich die Zahl der Gleichgesinnten. Unter den vielen Gründen, welche jeden Juden veranlassen sollten, Zionist zu sein, ist einer der ernstesten, dass der Zionismus ein Mittel bieten will, tausende von unterdrückten und leidenden Brüdern zu erlösen. Es ist eine Tradition der englischen Judenschaft, gerade weil sie es besser hat, als die Judenschaft der ganzen Welt, ihrer minder glücklichen Brüder nicht zu vergessen. Die Errichtungder Jüdischen Coloniaibank hat mehr als irgendetwas in den letzten Jahren dazu beigetragen, das Ansehen des jüdischen Volkes zu heben. Jeder einzelne abgenommene Share dieser Bank ist eineThat, nicht bloss wegen des Be-P^ träges, der der Bank zufliesst, sondern weil damit der Welt gezeigt wird, dass in dem einen Bestreben, der unerträglichen Lage des jüdischen Volkes abzuhelfen, alle Juden eines Sinnes sind. Es wurde oft darüber geklagt, dass Dr. Herzl selbst die getreuesten Anhänger der Bewegung über das was erthue und was vorgehe, nicht genau informiere. Sir Francis meint, diese Klagen müssen von Gegnern der Bewegung ausgesprengt werden, denn er kann nicht glauben, dass Zionisten es verkennen werden, dass man vor noch nicht zu Ende geführten Verhandlungen weiteren Kreisen Andeutungen über dieselben geben könne. Die Zionisten in England insbesonders seien viel zu kluge und stramme und gut organisierte Parteimänner, als dass sie gegen ihren verehrten Führer zu murren sich erlaubten. Dass die Organisation in England so trefflich sei, ist wieder ein Verdienst unseres Freundes de Haas, der nun sein grosses organisatorisches Talent in Amerika zu bethätigen Gelegenheit habe. Diesem in ein Hoch auf de Haas ausklingenden und mit grossem Beifall aufgenommenen Toaste folgte die Verlesung der von den „Hasmonäern" an de Haas gerichteten, prachtvoll ausgeführten Adresse durch Mr. S.B. Rub inst ein, Präsidenten des „Hasmonäer-Club". Dann übergab Chacham Dr. G a s t e r dem Gefeierten das Ehrengeschenk, bestehend aus einem Check auf eine grössere Summe, welche durch freiwillige Beiträge seiner Freunde und Bewunderer zusammengekommen war, in einem reizenden chinesischen Kästchen, das Sir Francis Montef i o r e gespendet hat. Dr. G a s t e r hielt dabei eine glänzende Rede, in welcher er unter anderem sagte: Er hoffe mit den anderen, dass de Haas, wenn er in Amerika seine vorgenommene Arbeit verrichtet habe, nach England zurückkehren werde, wo man ihn sehr entbehren werde. Aber die Furcht wolle Redner nicht verlassen, dass die Amerikaner, wenn sie deHaas' Wert erkannt haben werden, ihn nicht mehr werden ziehen lassen. Im alten Tanger verrichtete der Hohe Priester den Tempeldienst nur einmal im Jahre, am Jom-Kippur* Aber die Priester bewachten Tag und Nacht das heilige Feuer. Der Priester, der das heilige Feuer des Zionismus in England Tag und Nacht brennend erhielt, war de Haas, und was dasselbe an Glut und Wärme für die Zukunft verspreche, ist de Haas zu verdanken. Das de Haas dargebotene Ehrengeschenk sei nur ein geringes Zeichen der Dankbarkeit, ein paar Blumen, auf den Altar niedergelegt, dessen bester Priester de Haas ist. Manche Leute fragen, was denn der Zionismus geleistet habe. Der Zionismus hat in einer materialistischen WTelt den Begriff eines hohen L^bensideals wiederhergestellt, einen der erhabensten Begriffe in einer Zeit, welche Ausschliessung, Selbstsucht, Engherzigkeit predigt. Der Zionismus gibt der Welt Beispiele von Brüderlichkeit, von Einigkeit und Liebe, welche fast aus dem Leben der modernen Völker verschwunden sind. Dr. Gast er bezog sich dann auf die gegenwärtig in der „Times" statthabende Discussion über Anglisierung. Er wünscht, dass die Juden nicht die Fehler und Laster, sondern die Tugenden und grossen Ideen der Engländer annähmen, welche England so gross gemacht haben. Die gegenwärtig tagende Fremden-Einwanderungs-Commission aber müsse als ein Fleck auf Englands Grösse angesehen werden. Das sage er nicht als Jude, sondern als englischer Bürger. Man sagte in dieser Commission, dass der Zionismus daran schuld sei, dass die Anglisierung der einwandernden Juden nicht so rasch vor sich gehe. Wenn etwas einen Juden zum besseren Bürger dieses Landes mache, ist es das treue Befolgen der zionistischen Grundsätze, denn sie lehren die Juden Pflichttreue und Hingebung. Er theile nicht jene kurzsichtige Anschauung über den Zionismus, welche in demselben nur eine Bewegung bloss zur Rückführung der Juden nach Zion sieht. Es soll den Juden Gelegenheit gegeben werden, in ihrem eigenen Lande zu zeigen, dass sie von den anderen Nationen das Beste in sich aufgenommen haben, und damit sollen sie ihre göttliche Mission auf dieser Welt erfüllen. Was ist denn aus allen grossen christlichen Moralgrundsätzen geworden? Erfüllt eine der modernen Nationen jene grossen Tugenden, auf welchen ihre Religion basiert? Der chinesische Feldzug war eine Wiederholung der Kreuzzüge mit allen ihren Barbareien und Flecken. In alten Zeiten kam das Licht von Osten. Möge die Erlösung unseres Volkes vom Westen kommen, von dort, wohin Mr. de Haas jetzt zieht, und wo sein Weg leicht und seine Arbeit erfolgreich sein möge. (Lebhafter Beifall.) Als sich Mr. de Haas zur Antwort erhob, begrüsste ihn ein wahrer Beifallssturm. Nachdem er die Bewegung geschildert hatte, die ihn bei so überreichen Sympathiekundgebungen erfülle, verlieh er seinem tiefen Danke dafür Ausdruck. „Ich habe bisher nicht gewusst," fuhr Redner fort, „dass ich ein so braver Mann bin. (Gelächter.) Ich wusste nur, dass ich meine Pflicht gethan habe, und habe mich bestrebt, sie in den letzten Jahren für die Sache zu thun, der mein ganzes Sein gehört. Ich war glücklieh, für diese Sache arbeiten zu dürfen, und war glücklich zu sehen, dass diese Sache erfolgreich war, und auch darüber, durch die Erfolge so viele Männer ihr zuströmen zu sehen, die mich ihrer Freundschaft würdigten. Ich glaube, dass ich der erste in England geborene Jude gewesen bin, der das volle Gefühl der selbständigen nationalen Existenz der Juden empfunden hat.' In jenem Augenblicke, da ich meine Heimat verlasse, um in ein fremdes Land zu wandern, empfinde ich erst recht, wie gross das Unglück meines Volkes ist, verurtheilt zu sein, von Ort zu Ort zuwandern, um hier und dort sich eine Brotkrume zu verdienen. Die Zionisten haben es versucht, ihrem Volke zu sagen, was noththut und was zu thun wäre, aber leider ist die Majorität noch fahrlässig, durch Bequemlichkeitsrücksichten verwüstet und unintelligent genug, um uns zu opponieren. Es bleibt nichts übrig, als rund um die Erde zu reisen, um das zusammenzubringen, was die Zionisten für ihr Volk brauchen« Und das ist der Gedanke, der mich leitet. Ich