Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- Der Empfang in Karlsruhe
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt** N£v22 Np sagte der Grossherzog: „Auch mir sind solche Missverständnisse zu Ohren gekommen. Es ist eine schwierige Sachel. Man niuss den Leuten klar machen, dass keineswegs alle mitgehen müssen. Man kann ja niemanden dazu zwingen. Für Ihre Glaubensgenossen im'Östen ist es ein Bedürfnis. Denen geht es ja sehr schlecht.. Es wäre ja für sie eine wahre Wohlthat. Das fängt schon im Posenschen an, dann in Oesterreich gewisse Bezirke, dann in Eussland und jetzt wieder in Eumänien. An die. deutschen Juden denken Sie doch nicht?" Darauf sagte Dr. Bodenheimer: „Wir wollen die Pionniere und Officiere stellen, königliche Hoheit." Der. Grossherzog machte hiezu eine beifällige Bemerkimg und kam dann auf die erforderlichen materiellen Mittel zu sprechen. Dr. Schauer erwähnte nun die Thätigkeit der Jüdischen Colonialbank. Dr. Friedemann sprach vom neubegründeten Jüdischen Nationalfonds, der auf'freiwilligen Beiträgen beruhe und dazu bestimmt sei, Ländereien anzukaufen. Es seien auch schon in der kurzen Zeit seit der Eröffnung4 der Sammlungen namhafte Beträge für den Jüdischen Nationalfonds eingegangen. Dies brachte das Gespräch auf die Qualität des- Landes. Der Grossherzog sagte: „Das Klima von Palästina soll vorzüglich sein/* Dr. Friedemann verwies auf die gewiss objective Schrift des englischen Majors Conder, der Palästina ein glänzendes Zeugnis ausgestellt habe. Der Grossherzog bemerkte: „Das habe ich auch schon gehört. soll ein sehr gesundes Land sein, und fruchtbar ist es wohl auch. Es dürften jetzt auch verschiedene Eisenbahnen projectiert werden." Dann wendete sich der Grossherzog wieder an Doctor Moses und stellte einige Fragen über die Versammlung in Mannheim, kam dann zu allgemeinen Bemerkungen über die Lage von Landwirtschaft und Industrie im Grossherzogthum Baden und bemerkte endlich, zur gän2^n* Abordnung gewendet: „Sie haben mir wirklich eine grosse Freude gemacht, und ich hoffe, dass Sie die Schwierigkeiten überwinden werden/4' Dr. Bodenheimer sagte nun, dass, „wenn wir auch nicht alle strenggläubige Juden seien, wir doch auf die Vorsehung hoffen und glauben, dass wir doch mit Gottes Hilfe unser Ziel erreichen werden." Der Grossherzog erwiderte: „Das ist ja selbstverständlich. Es ist tief bedauerlich, dass eonfessionelle Unterschiede gemacht werden. Es gibt sogar eine Partei^ die sich darauf stützt — als wenn es im Staatsleben nich| wichtigere Aüfgaben zu lösen gäbe, hinter denen alle confc&siöriellen Gegensätze zurücktreten müssten." Endlich wendete sich der Grossherzog zu Dr. Klee, von dem er gehört hätte, dass er im Herbste nach Russland gehe, und wünschte ihm glückliche Reise und guten Erfolg. Dr. Klee meinte, es müsse auch der russischen Regierung daran liegen, dass unser Ziel gefördert werde. Die Lösung der Präge in unserem Sinne werde ja auch als eine Entlastung der Regierung nur angenehm sein können. Der Grossherzog entgegnete: „Das glaube ich auch." Noch sagte der Grossherzog den Herren einige freundliche Worte, verabschiedete sie in der liebenswürdigsten W^ise, drückte jedem einzelnen die Hand und sagte: „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!" Aus Australien. Wir berichteten im Jänner aus -diesem Erdtheile, dass der Zionismus in Brisbane (Queensland) Wurzel gefasst habe und sich dortige Gesinnungsgenossen, -zu einer starken Organisation vereinigten. Nun kommt die gleiche Nachricht aus Sydney, der Hauptstadt von Neu-Süd-Wales, von wo Herr Philipp Wolfson an Herrn Dr. Moseo vitz in Braila schreibt, dass er lOOSchekel und ausserdem Geld für Actien an ihn absende. „Eine eifrige Propaganda für die Rückkehr in unsere theure Heimat", heisst es in dem Briefe, „macht sich hier bemerkbar, und wir hegen die freudige Hoffnung, dass der fex^ne ^Erdtheil .auf dem nächsten Congress durch einige Delegierte vertraten sein wird." Unsere Mitkämpfer ineiden sich von allen Weltenden Gross wie unsere Idee ist auch ihr Weg. Aus allen Erdtheilen reichen Juden einander die Hand, um die Kraft; zu vergrössern, die in die Heimat führt. Die märkischen Juden und ihre Zukunft. Von einem Zionisten. Wer den märkischen, insbesondere den Berliner Juden in seinem Denken und Fühlen beobachten, sein Handeln und seine Lebensweise verstehen will, muss auf die Entstehungsgeschichte dieser Judengemeinden zurückgreifen. Die Zusammensetzung der heutigen Einheit, ihre Herkunft und ihre Ueberlieferungen machen uns Strömungen verständlich, die heute um die Herrschaft ringen, deren endgiltigen Erfolg aber niemand vorherzusagen vermag. Das Gesellschaftsbild, das wir so erhalten, ist kein erfreuliches; aber die Aufgabe des sorgfältigen Beobachters' ist nicht die, das Versöhnende zu suchen. Er hat vielmehr die nackte Wahrheit zu zeigen, selbst da, wo sie crass und brutal erscheint. Liefert er doch bescheidene Beiträge für die Erkenntnis derjenigen, deren Lebenswerk in der Beseitigung trauriger Schäden, in der Ausgleichung tiefer Gegensätze des Volkskörpers besteht. Als Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der grosse Kurfürst, die Regierung antrat, glich sein Land einer Wüste. Die Bauern waren erschlagen, die Städte verarmt, der Adel verwildert, die Festungen in der Hand der Schweden. Als endlich der Friede kam, war niemand im Lande, der Geld besass; und der Kurfürst brauchte Geld, denn er wollte ein Heer schaffen. Da rief er holländische Bauern ins Land und schenkte ihnen den mit Unkraut bewachsenen Boden. Und aus Oesterreich Hess er fünfzig Judenfamilien kommen, denen er Schutzbriefe ertheilte. Einzelne dieser Familien bestehen noch heute; sie sind stolz auf ihre lange, stets mit dem Wehe, manchmal auch mit dem Wohle des Landes verbundene Geschichte. Das Herz der ersten Siedler mag ängstlich gepocht haben, als sie durch den endlosen nordischen Kiefernwald zogen, dessen düstere Eintönigkeit nur schilfbewachsene Meerniederungen und melancholische kleine Seen mit todesruhigem, tiefschwarzem Wasser unterbrachen. Die Räder ihrer Karren blieben im grundlosen Sande stecken und die wenigen Menschen waren-ernst, schweigsam, hart gegen sich und andere, eigensinnig wie ihr Boden, dem sie mit endloser Mühe die karge Frucht abringen mussten. Auch der Empfang durch die Märker war wenig glückv«?rheissend. Die Stände petitionierten gegen die Aufnahme der Juden, „weil sie christlichen und getreuen ünterthanen das Brot vor dem Munde wegnehmen", und der Kurfürst, der sich sonst principiell nicht darum bekümmerte, was seine getreuen Stände wünschten eder nicht wünschten, kam doch der Volksstimmung soweit entgegen, dass er 1682 alle nicht mit Schutzbriefen versehenen Juden aus der Residenz verj agte. Aber die Söhne des fremden Volkes hatten in vielhundertjähriger Wanderschaft gelernt, sich den Völkern und den Ländern anzupassen. Sie wurden wie die Menschen um sie her: ernst, arbeitsam, einfach, und als neuer Zuzug von andersher kam, da nahmen die Ankömmlinge diesen Charakter an. Sie wurden oft hart, aber doch nicht mit der masslosen Willkür behandelt, wie die Brüder andeiwärts im Reiche. Die Behörden gaben ihnen Schutz und wenigstens in der Regel fanden sie Gerechtigkeit bei den Königen. Und als die Stein-Hardenberg'sche Epoche ihnen eine Art von Emancipation brachte, da empfanden sie, dass sie mit dem Lande ihrer Geburt eng verwachsen seien, Geist-