Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- Der Empfang in Karlsruhe
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Dieselbe überbrachte dem Grossherzog die Glückwünsche ihrer Vereinigung zum Regiemngsjubiläum und den Dank für seine Theilnahme an ihren Bestrebungen." Diese Mittheilung bekundet, was einem engeren Kreise schon früher bekannt war, dass der gütige und weise Grosslierzog von Baden den Bestrebungen der Zionisten sein Wohlwollen nicht vorenthält. Ohne die Person dieses allverehrten Fürsten in den noch immer an manchen Stellen erhitzten Streit über die Beurtheilung des Zionismus hineinzerren zu wollen, wird es uns doch gestattet sein, unserer Freude darüber Ausdruck zu geben, dass eine Abordnung deutscher Zionisten die Auszeichnung erfuhr, von ihm so freundlich empfangen zu werden. Die ganze edle Liebenswürdigkeit des Grossherzogs kam bei diesem Empfange zum Vorschein. Allen Theünehmern der Unterredung wird es zu den besten Erinnerungen ihres Lebens gehören, wie gütig und herzlich der Grossherzog mit jedem Einzelnen sprach, wie er sich über den Stand unserer Bewegung bis in die Einzelheiten unterrichtet zeigte, und wie er mit Worten der Anerkennung den menschenfreundlichen Zug in unserer Bewegung hervorhob. Nachdem der Führer der Abordnung, Herr Dr. Bodenheimer, sämmthehe Herren vorgestellt hatte, hielt er eine Ansprache an den Grossherzog und sagte unter anderem, dass ein solcher Fürst, der stets einen offenen Blick und ein empfangliches Herz'für Noth und Elend gezeigt, wo immer es zutage trat, der jedes uneigennützige Bestreben für das Gemeinwohl allezeit zu würdigen verstand, nicht nur ein Recht auf die Liebe seiner TJnterthanen, sondern auch auf die Anerkennung der gesammten Menschheit habe. Die Zionisten der ganzen Welt, insbesondere aber die des Deutschen Reiches, blickten deshalb mit inniger Verehrung und Dankbarkeit zum Grossherzog auf, weil es nicht unbekannt geblieben sei, dass er auch dem zionistischen Bestrebungen sein Wohlwollen zugewendet habe. Der Grossherzog habe mit vorausschauendem Blicke, der durch die Erfahrungen eines langen und ereignisvollen Lebens geschärft sei, die Bedeutung jener Bewegung wohl erkannt, die dahinzielt, für die zerstreuten Glieder des jüdischen Volkes, welche heimatlos sich nach einer dauernden Zufluchtsstätte sehnen, eine neue Heimat auf dem geheiligten Boden ihrer Väter zu schaffen und das wandernde Volk der Juden wieder zum Ackerbau und Gewerbefleiss auf eigener Scholle zurückzuführen. Der Grossherzog dankte hierauf den Mitgliedern der Abordnung in einer ungemein freundlichen Weise für ihr Erscheinen und ihre Glückwünsche. Er sagte ferner wörtlich: „Das, was Ihr Führer Doctor Herzl eingeleitet hat, zu unterstützen, war mir eine werte Pflicht. Ich freue mich^ zu constatieren, dass das Verständnis für die Bewegung zunimmt. Die Verschiedenheit der Auffassung erschwert ja das Verständnis. Ihre Mannheimer Tagung, die jetzt gescMossen hat, hat ja auch wohl dazu beigetragen, Missverständnisse zu beseitigen." Dr. Bodenlieimer bemerkte nun, dass in Mannheim auch Mitglieder des Oberrathes und andere einflussreiche Stammesgenossen mit neuerwachendem Interesse den Berathungen des Delegiertentages gefolgt seien. Der Grossherzog erkundigte sich nach dem Stande der Bewegung in anderen Ländern und kam wieder auf die badischen Comites zurück, nachdem er gehört hatte, dass Dr. Kaufmann bemüht sei, unsere Idee unter den Juden in Baden zu propagieren. Der Grossherzog fragte, ob ein rechter Erfolg wahrzunehmen sei. Dr. Kaufmann entgegnete: „Wir haben in Baden mehrere ansehnliche zionistische Ortsgruppen, so in Freiburg und Mannheim. Wir haben im ganzen Lande viele Gesinnungsgenossen, die auf das Inslebentreten einer Organisation warten. Wir haben wiederholt Gelegenheit gehabt, zu beobachten, dass unsere Bewegung Beifall hat. Herr Dr. Moses hier ist der Vorstand der Mannheimer Ortsgruppe." Auf die Frage des Grossherzogs: „Haben Sie viele Mitglieder?" antwortete Dr. Moses: „Jawohl, Königliche Hoheit; aber es hat grosse Mühe gekostet, die Missverständnisse zu überwinden." Dr. Bodenheimer bemerkte hiezu, dass er in Mannheim darauf hingewiesen habe, welch ein Irrthum es sei, wenn man glaube, dass wir auch diejenigen, die sich hier woblbefinden, in die neue Heimstätte überführen wollen.