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Die Welt · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Article
Der Roman eines Judenknaben
Date
1902-05-23
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Die & Welt" Seite 15 Das Erziehungssystem, welches sich an das Wort Cheder knüpft, aber durch dasselbe noch nicht in allen seinen Theilen gezeichnet ist, Jässt, wie es kein Verständnis im physischen Sinne für Luft und Licht hat, keinen Raum, für die Entwicklung einer freien Individualität. Nachsichtslos zerstört es Begnügen einer sehnsüchtige]) Phantasie oder bannt sie in die geheimen Kammern des Binnenlebens, welche sie, wie uns die Geschichte der jüdischen Moderne lehrt, nicht selten als erhabene künstlerische Gebilde verlassen, in denen, sie aber gar oft hinführen zu einer schrillen Dissonanz, zu einem unheilbaren Riss der Seele. Indem uns die vorhegende Erzählung alle diese Gefahren, welche, sich von Geschlecht zu Geschlecht fortwälzend, die Psyche unserer Ghettojugend bedrohen, zum Bewusstsein bringt, lässt sie uns dankbar anerkennen alle Anstrengungen, welche der neuerwachte Jugendgeist macht, um. Luft und Lieht, Freiheit und Schönheit hineinzutragen in dumpfe Winkel, nicht zum wenigsten aber die Anstrengungen, welche die jüdische Jugend aus sich selbst heraus unternommen hat, die körperliche Ausbildung zum. Gemeingut unseres Volkes zu machen und dadurch den mächtigsten Schutz wall aufzurichten gegen Entgleisungen des Geistes und Entartungen des Gemüthes. („Jüdische Tum-Zeitung.") Zweierlei Juden. Roman von Mm Viola. (Fortsetzung.) „Nach. Italien müssen Sie, Frau Gräfin, frisch und fröhlich nach Italien, doch nicht mit unzähligen Koffern, Zofen und Kammerdienern, sondern mit leichtem Herzen und leichtem Gepäck, in der Gesellschaft einiger Künstler und ihrer jungen Frauen. Da wird die Seele weit und das Auge badet sieh in so herrlichen Farben, dass die ganze Welt in rosigem Lichte glänzt. Jj Man meint, es wäre ewig Frühling, und alle Menschen hätten sich! vereint in der Anbetung Tizians, Rafaels, Michelangelos undj Boticellis." „Diese Schwärmerei müsste in mir erst geweckt werden." „Sie kommt von selbst beim ersten Stückchen italienischen Himmels und Beim ersten Stückchen Leinwand, das Tizian bemalt hat. Ja, Frau Gräfin, wie ist es auch möglich, von Glück zu sprechen, wenn man Tizian und Rembrandt nicht kennt? Das waren Aristokraten', wahre Prinzen von Geblüt, und wenn ich sie auf hängre, sind sie nicht hochmüthig, sie nicken mir vertraulich zu: Komm nur näher, so klein Du auch bist, wir sehen Dich doch gerne bei uns. „Und würden Sie auch mich gerne bei sich sehen?" „Wenn Sie von guter Gesellschaft eingeführt würden, gewiss." „Gute Gesellschaft? Da zählen auch wir dazu," klang hinter ihnen eine unangenehme Stimme. ErsehreclFt wendeten sich beide um. Da stand Herr Moriz Fischl, elegant wie eine Puppe im Schaufenster eines Herrenschneiders, und an seinem Arme befand sich Emmy von Tulpenthal. Gräfin Mary machte Paul mit ihrer Schwester bekannt, die ihm einen scheuen Blick zuwarf und dann das Haupt neigte. «Der Sohn unseres Herrn Hosenstein, wie ich von Papa vernahm?" sagte sie mit leiser Stimme. Paul bejahte und wollte bemerken, das Fräulein in der letzten Kunstausstellung gesehen zu haben, doch Fischl unterbrach ihn. „Junger Mann, sind Sie Maler?" fragte er. „Wenn Sie gestatten," erwiderte Paul. „Weshalb sollte ich nicht gestatten? Es ist sogar neuerdings eine salonfähige Beschäftigung geworden. Bei von Eisenbergs, von Pollaks, von Äpfelstamms hat man in letzter Zeit wiederholt Maler angetroffen; es gehört zum guten Ton, seine drei, vier Hausmaler zu haben. Wenn man die Kunst unterstützen will, darf es einem auf das bischen Champagner und die paar feinen Cigarren nicht ankommen; auch darauf nicht, dass man um zwei- bis dreihundert Kronen angepumpt wird/* Paul biss sich in die Unterlippe, bemerkte aber alsbald lächelnd: „Sie können ebenfalls sich getrost Ihre Hausmaler anschaffen, denn die Gefahr des Angepumptwerdens wird von Tag zu Tag eine geringere. Neulich soll sogar ein Maler wegen Wuchervergehens vor den Gerichten gestanden sein." „So, so? Wie heisst der Mann?" „I<'h habe seinen Namen vergessen."1 „Nun, das thut nichts. Sollte man Sie einmal zu den berühmten Malern zählen, so wird es mir ein Vergnügen sein, Sie in meinem Hause zu empfangen/' „Das Vergnügen wird ganz auf meiner Seite sein, und um es rascher zu g*eniessen, will ich mich beeilen, die erforderliche Berühmtheit zu erlangen." Während dieser Unterhaltung stand Emmy Tulpenthal mit niedergeschlagenen Augen da., während Gräfin Mary nervös an ihrem Tasehentuehe zerrte. „Herr Rosenstein/c sagte sie^ „Sie müssen mir noch einige Augenblicke schenken. Kommen Sie! Ich bin bald wieder hier/' bemerkte sie zu Emmy und Fischl und schritt mit Paul, der sich höflich verneigt hatte, davon. „Sie sind verletzt worden? Sie zürnen?" fragte sie, als sie sich ausser Hörweite befanden. „Wo denken Sie hin, Frau Gräfin?! Keinen Augenblick! Dies war doch bloss ein unschuldiger Seherz." „Es würde mich schmerzen, wenn Sie uns in Missstimmung verliessen. Wenn Ihnen bei uns hie und da eine Ungeniertheit begegnet, so vergessen Sie nicht, dass Sie hier eine Freundin besitzen, die Sie ausserordentlich schätzt und Ihre Wohlmeinung so gerne erringen möchte." „Sie beschämen mich, Frau Gräfin. Ich bin es* der sich glücklich fühlen würde, Ihre Freundschaft zu gewinnen." „Ist das Ihr Ernst?" fragte sie warmen Blickes und reichte ihm die Rechte. Er drückte seine Lippen auf ihre Hand. „Fühlen Sie nicht die Ehrlichkeit meiner Worte?" Sie erröfhete. Ja, Sie sind anders, so ganz anders. Ich glaube, bei Ihnen ist völlige Ehrlichkeit so ganz selbstverständlich?" „Das ist kein grosses Verdienst, Frau Gräfin. Ich hasse die Schlechtigkeit nicht allein weil sie schlecht, sondern auch weil sie dumm ist." Sie waren beim Parkthore angelangt und verabschiedeten sich. Geschah es unwillkürlich, dass sie ihre Hand länger in der seinen ruhen Hess? Er zog sie abermals an seine Lippen, dann verneigte er sich und gieng. Sie kehrte in den Park zurück, doch nach wenigen Sehritten blieb sie stehen und wendete sich zögernd um. Paul war aus dem Gesichtskreise verschwunden. , Er gieng heim und suchte Clara auf. Vielleicht hatte sie \während seiner Abwesenheit von Mirjam eine Nachricht einjfpfangen. Nein, sie wusste nichts, sie hatte ihre Freundin seit jjgestern nicht gesehen und auch nichts von ihr gehört. Sofort sank seine Hoffnung. Er wurde mutlos, gieng eine Weile erregt in der Stube auf und ab und verfügte sich dann in den Garten, um seinen unruhigen Spaziergang fortzusetzen. Eine halbe Stunde lang lief er hin und herr, dann ertrug er es nicht länger, er musste auf die Gasse hinaus. Und als er einmal draussen war, zog es ihn mit unwiderstehlicher Macht zu Mirjams Behausung. Vorsichtig schritt er vorüber; Mirjam sass nicht beim Fenster. Er gieng noch einigemale vorbei, es war vergeblich, sie Hess sich nicht blicken. Mit unendlich schwerem Herzen kehrte er heim. Er warf sich aufs Sopha und konnte nicht schlafen, er versuchte zu arbeiten, es gelang ihm nicht. Er gieng durch den Garten auf die Felder hinaus, wanderte planlos durch die Furchen des neugestürzten Bodens und kehrte auch nicht um, als das Pollen des Dzonners und in langen Intervallen aufzuckende Blitze das Herannahen eines tüchtigen Gewitters verkündeten. (Fortsetzung folgt.) Spenden. Für den jüdischen Nationalfonds: Zionist Society Porfcland 10 Pfund Sterling Kr. 240,—, Dr. J. Wassermann, Rozniatow 10.-, Sammlung Frau Selzer in Lemberg (bei Familie Pomeranz 3.52, Familie Margulies 1.26, Familie Selzer 1.42, Frl. Felber 2.—, Heimatlos 1.—, K. M. —.30, Leonie Orange —.30, ab Porto) 9.77, Sammlung beim Mazzes-Verkauf in Galatz (Simche Schnürer Francs 29.60, Schmiel Glück und Schmiel Ellmann 22.75, Nissen Frischberg, Meier Rosenzweig und M. Goldenberg 10.15, Motke Landmann 8.55, Frau Braue Ite Feldmann 2.—, ab Porto und Agio) 67,75, Sammlung stud, mont.Ignaz Schindler, Leoben (in Judenburgl7.20, in Knittelfeld 8.90, ab Porto) 26.05, Sammlung Bernhard Schick aus Neutra bei Hochzeit Bertha Hauser mit Alois Feldmann in Pressburg 4.97, Sammlung gelegentlich der Kreisversammlung der Vereine „Haschachar" und „Emunah" in Bielitz 8.97, M. D. Urabin, Gablonz a.N., beim Aufrufen zurThora in Jaworzno 5.—, Sammluner stud. Lurie bei Studenten in Darmstadt 14.04, Prof. Oscar Stock, Wien 2.—, „Societä Bnei Zion Kadimah", Galatz (Louis Singer Francs 8.15, Braunstein-Paves bpi der Comite-Wahl 8.30, Societatea „Kadimah" 14.47, Josef Frisch und

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