Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Der Roman eines Judenknaben
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 ^Die # Welt" Nr. 21 wogenden Binnengetriebes in der kindlichen Seele ebenso schön, wie psychologisch wahr und scharf durchgeführt. Die heimliche Sehnsucht nach Freiheit und Schönheit treibt den Knaben aus Schule und Haus, wo er beide nicht findet, hinaus in die Einsamkeit des Flusses, wo er seine Augen schweifen lässt auf die weite Landschaft und seine Seele über diese hinaus. Und als er einmal badet in dem Flusse mit Kameraden, da erblicken diese badende Mädchen und rufen es Leo zu: und dieser taucht beschämt unter, aber sein Blick hat flüchtig und.verschwommen noch das Bild erhascht — und ein leises Dämmern steigt in ihm auf von einer Schönheit, die ihm noch verborgen ist, die des Weibes. tMit einer selten discreten Zartheit hat der Dichter dies nur angedeutet; als der Knabe aber nachhause gieng, da „spielte vor seinen Augen ein weisser, schimmernder Glanz, der blasser und blasser wurde". Aber all das, was er ahnt und bange fühlt von Freiheit und Schönheit, das tritt ihm in leibhaftiger Gestalt entgegen in seiner Cousine. Als sie den Jungen fortschickt mit einem Brieflein an ihren Geliebten, einen Lieutenant, da küsst sie in süsser Erregung und Erwartung den kleinen Vetter auf den Mund. Und dieser Kuss ward sein Verhängnis. Um dieses Erlebnis spinnen und ranken sich jetzt Träume im Schlafe und im Wachen und diese Träume verweben die Phantasie zu einem reichen Binnenleben voll Glanz und Poesie, das neben dem eintönigen wirklichen Leben im Verborgenen durchlebt wird. Selten hat eine Feder dieses Seelenbinnenleben ergreifender geschildert, als die Ephraim Frischs: „Der Traum überwucherte allmählich den Tag und seine Kümmernisse. Er war froh, wenn der Tag sank und die Nacht kam, in der Nacht sprang ihm alles Verhaltene wie ein Quell auf, er streckte die Arme aus und von seinen Lippen troffen unbewusst die Worte, süss und thörieht". Auch die Entfernung des Gegenstandes seiner Träume, der Cousine, die sich taufen und entführen liess, änderte an dem Glücks- und Liebestraum nichts, sie gab ihm nur neue Nahrung. Wohl behütet und verschlossen wird das Innenleben, schweigsam und trotzig erscheint der Knabe den Seinen, die ihn nicht verstehen und verstehen können, und wenn des Vaters jäher Eifer über den das „Lernen" vernachlässigenden Sohn in Sehelte und Misshandlung sich entlädt,, so wird umso gieriger Ersatz gesucht in dem Beichthum und in der trunkenen Schönheit der süssen Traumgebilde. Der Autor bewährt sich als ein Kenner der kindlichen Seele im höchsten Masse, wenn er weiter zeigt, wie das Geheimnis ihn zu drücken beginnt: er war mit seinem Baue fertig und wusste nichts weiter. Da überschleieht ihn die Sehnsucht, von seinem Geheimnis zu reden, und nach einem leisen, misslungenen Versuche, der Schwester davon zu sprechen, entdeckte er sieh und sein Geheimnis seinem Freunde, einem verdorbenen, frühreifen Jungen — er erzählt zaghaft und stockend die fingierte Geschichte seiner Verlobung, das Product seiner Träume, die mit den Worten schliesst: „ich habe sie geküsst". Auf die Preisgabe des Geheimnisses folgt eine lange Scham, eine peinigende Unruhe, dass der leichtfertige Kamerad es weiter erzähle — und doch drängt es ihn immer wieder, dem einzigen Mitwisser des Geheimnisses davon zu sprechen. Die Geschichte, deren psychologische Entwicklung nun ihren Höhepunkt erreicht hat, ist bald erzählt. Der Freund erzählte das Geheimnis den Chederjungen weiter, welche den herrlichen Traum in grausamem Hohn verspotteten. Die Angst, dass auch der strenge Vater ihn erfahren wird, steigert sich. Leo geräth, indem er in einem verrufenen Gesellen Hilfe gegen den verrätherischen Freund suchen will, auf Abwege, er wird nachlässig, immer verstockter, die Strafen und Misshandlungen des Vaters, der ihn zu rastlosem Lernen antreibt, mehren sieh. In einem Luftcurort, wo sich seine Mutter aufhält und wohin der Knabe auf Drängen der Verwandten geschickt wird, findet sein Hang nach Freiheit und Schönheit in der herrliehen Natur Befriedigung, und in der Gestalt des schwindsüchtigen Dichters und Phantasten Markus tritt ihm das, was er als Höchstes unbewusst gesucht, die Kunst, verkörpert entgegen. Aber das Verhängnis trifft ihn liier wieder, als sein Freund aus der Stadt ebenfalls aufs Land herauskommt und Leos Geheimnis auch hier verrathen will. In rasender Wuth schlägt Leo den Verräther nieder, seine Mutter reist mit ihm nachhause, das freudlose Haus, das düstere Glieder umfängt ihn wieder, aber nicht lange, die körperliche und geistige Zerrüttung wirft den Knaben aufs Krankenlager, nach ein paar Fiebertagen stirbt er, bis zu seiner letzten Minute das Traumleben fortführend. Der Dichter hat in der ganzen Erzählung den tiefen Schacht des kindlichen Seelenlebens fast ausgeschöpft und Avas wir uns in trockenen Eegeln der Wissenschaft bannen konnten, dem gab er Form und Ausdruck in herrlicher Poesie. Der Verfasser lässt uns auch einen Blick in das warme Phantasieleben des Knaben thun, das ihn schon vor der Verlöbnisgeschichte, auf seinen einsamen Spaziergängen, in den einförmigen Chederstunden begleitet. Während des trockenen Unterrichtes sieht er das, was in der alten talmudischen Lehrweise vorgetragen wird, farbenreich und plastisch, das Synhedrion taucht vor seiner Seele auf; wo der Lehrer einmal mit allem Raffinement die Fragen der Schadloshaltung deutet, da stellt dem Knaben die üppige Einbildungskraft eine leibliche Gerichtssitzung vor das geistige Auge. Die Phantasie aber erhielt reiche Nahrung aus den kleinen weltlichen Büchern seiner Schwester, die er heimlich las. „Die Bibel war heilig und unantastbar, die Gesetze waren streng und furchterregend und die Commentare waren klug, aber auch heilig. Durch den Wust aller seltsamen Darlegungen konnte er zu keinem einfachen Gefühle durchdringen. Auch Welt und Mensehen der Vergangenheit waren Schattenbilder, gefallen, verzerrt durch eine falsche TJeberlieferung. Aber in den kleinen Erzählungen und Gedichten, so einfach sie waren, griff ein seltsam Lebendiges an sein Herz und er fühlte ein Verwandtes in sich wiederklingen und die Gestalten verwoben sich in seinem Traum und kreisen um den einen strahlenden Punkt seiner Sehnsucht." Als er aber verhöhnt und gestossen war, verlassen von den Knaben, verurtheilt von dem Vater zu tage- und nächtelangem Lernen^ da trat ihm das Schicksal seines Volkes vor die Seele: „Die durch Jahrtausende angesammelte Trauer und Klage vom Glücke Verbannter um ein unwiederbringlich Verlorenes, das niemand kannte, drang zu ihm aus den alten Büchern, mit denen er lebte, und seine eigene Hilflosigkeit fand einen schmerzlichen Trost, in jenes Weh zu versinken, dem er sich zugehörig fühlte und nicht wusste, warum." Nirgends ist in dem Büchlein ein lehrhafter Ton angeschlagen, der die reizvolle Poesie getrübt hätte: und dobh spricht es zu uns, welche die Regeneration unseres Volkes beschäftigt, wie ein grosses Lehrgedicht. Der Dichter hat freilich durch den Tod des kleinen Helden dem Komane dort ein Ende gesetzt, wo der Arzt das unter dem Drucke einer trostlosen Oede des äusseren Lebens wuchernde Phantasiegetriebe allmählich einlenken sehen musste in krankhafte Irrgänge des Geistes. In meiner oben angezogenen Schrift habe ich die pathologischen Gefahren gezeichnet, welchen das Seelenbinnenleben solcher phantasiebegabter unverstandener Kinder zusteuert. Aber, abgesehen von solchen pathologischen Erscheinungen, spricht die Tragik der in jenem freudlosen Milieu aufwachsenden, innerlich aber über die Oede und Dumpfheit desselben sich hinaussehnenden und hinauswachsenden Kinder beredt genug aus jeder Seite des FriscVschen Buches. Man hat den Vertretern der neujüdischen Renaissancebewegung, insbesondere den Aerzten unter ihnen es böse verdacht, wenn sie in ihrer Kritik der rTothlage unseres Volkes und in ihren Bestrebungen zur Hebung der letzteren nicht Halt gemacht haben vor den Chedern des Ostens