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Die Welt · 1902-05-16 · 20 (16.5.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
20 (16.5.1902)
Article
Zur Hygiene Palästinas
Date
1902-05-16
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt46 Nr. 20 gessen, die wir selbst miterlebt haben. Uns zuliebe raisonnieren sie wie Bewohner längst versunkener Pfahldörfer. Sie wollen nichts von der friedlichen, aber darum erst recht wirksamen heutigen Art wissen, der Givilisation neues Land zu gewinnen. So sind, um nur ein Beispiel zu erwähnen, die Engänder gerade im Begriffe, im Pharaonen-Lande grosse Länderstrecken erst jetzt bewohnbar und anbaufähig zu machen, indem sie bei Assouan den alten Herrn des Landes, den Nilstrom, in ein kolossales Reservoir und Dämme zwängen, und ihm vorschreiben, wann, wie oft und in welcher Stärke er mit seinen befruchtenden Ueberschwemmungen Aegypten segnen soll. Aehnliche Aufgaben harren auch unser in Palästina. Das eine können unsere Gegner nicht leugnen, dass das Land genügende Ausdehnung hat, um bei mittlerer westeuropäischer Bevölkerungsdichte viele Millionen Menschen zu beherbergen. Was aber Wasser auf ihre antizionistische Mühle ist, das ist der gegenwärtige Zustand Palästinas, der, wenn er immer so bleiben müsste, gewiss den Hoffnungen nicht entsprechen würde, die die Zionisten auf ihn setzen. Es ist nicht unsere Aufgabe, alle jene moderntechnischen Pläne auseinanderzusetzen, die eine völlige Umgestaltung der culturellen und industriellen Verhältnisse des Landes herbeiführen können. Wir wollen nur auf einen Punkt hinweisen, in dem die Wissenschaft in allerjüngster Zeit eine unglaubliche Aenderung und einen Sieg über Naturkräfte davongetragen hat Zwei Länder, deren Ufer das Mittelmeer bespült, leiden schwer vom Sumpffieber, der Malaria. Das eine, Italien, zählt jedes Jahr nicht weniger als zweieinhalb Millionen Malaria-Erkrankungen, Seit urältester Zeit wüthet die Seuche in den Maremnen Toscanas, in den pontinischen Sümpfen der römischen Campagna, in Galabrien, in Sicilien. Erst unsere Zeit gebietet dem Uebel endlich Halt. Das zweite Land ist das Land unserer Sehnsucht. Grosse Strecken desselben sind vom Fieber verheert und bringen jedem, der sich ihnen nähert, Verderben. Der gräberreiche Friedhof von Chedera weiss davon zu erzählen. Was in Italien in unseren Tagen im Kampfe gegen die Malaria geschieht, ist der Mühe wert, erzählt zu werden, damit jene, welche auf Palästina hoffen, hier an einem wirklichen Beispiel sehen, was die Wissenschaft von heute in einem auch für die Zionisten wichtigen Falle erreicht hat, und dass es dann weniger Utopie erscheint, von dem palästinensischen Morgen noch viel Bedeutenderes zu erhoffen. Vor 20 Jahren" hat die medicinische Forschung die Ursache des Sumpffiebers entdeckt. Es ist ein mikroskopisch kleines Thierchen, das sich im Blute einnistet und all die Erscheinungen der bösen Krankheit, den Schüttelfrost und das lange anhaltende Fieber, die Abzehrung und schliesslich oft den Tod herbeiführt. Man beschuldigte seit urdenklichen Zeiten alles Mögliche, auch das Wasser und die Luft, den Krankheitserreger in sich zu bergen und in den schwülen Nächten auf die Hirten und Bauern der Sumpfgegenden zu übertragen. Seit einigen Jahren ist es gelungen, den wahren Grund der Ansteckung zu finden, und es ist unumstösslich klar geworden, dass mit dem Stiche gewisser Mosquitos, die nur in der Nacljt ausfliegen, um im Menschenblute Nahrung zu suchen, jene kleinen Thierchen in den gesunden Menschen gebracht werden und sich dann in seinem Blute weiterentwickeln. Schritt für Schritt ist man in die Erkenntnis aller Einzelheiten dieser so wichtigen Krankheit eingedrungen, und heute steht fest, dass nur die Mosquitos bei ihrem Blutsau gungsacte den mikroskopisch kleinen Krankheilserreger dem fieberkranken Menschen entnehmen und so die Seuche weiterverbreiten. Wohl, ist es das höchste Ziel der heutigen experimentellen Medicin, einen Impfstoff gegen die Malaria zu finden, und man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass dieses Ziel über kurz oder lang von einem glücklichen Forscher erreicht werden wird. Aber schon heute kennt man Mittel und Wege, um in malariareichen Ländern die Bewohner gegen die Krankheit zu schützen. Richtige und genaue regelmässige Verabreichung von Chinin vermehrt zunächst den Widerstand des gesunden Körpers gegen die Ansteckung; aber hauptsächlich ist der Kampf gegen die Malaria darauf gerichtet, einerseits den Menschen vor den Stichen zu bewahren, andererseits die Mosquitolarven, bevor sie sich noch zu reifen Insecten umgewandelt haben, dort, wo sie in grossen Massen zu finden sind, auf der Oberfläche stehender Gewässer, zu zerstören. Was man da nach kaum dreijähriger Einfuhrung der Schutzmassregeln erreicht hat, mögen folgende Ziffern beweisen: Die Bediensteten der die Malariagegenden durchquerenden Eisenbahnen waren, da sie auch stets Nachtdienst leisten müssen, im höchsten Masse, viel mehr selbst als die Bauern, vom Uebel heimgesucht. Es gibt in Italien Strecken, auf welchen während der Fieberzeit die krank gewordenen Bediensteten alle 5—6 Wochen durch gesunde ersetzt werden müssen, die ihrerseits wieder mit Schrecken der fast sicheren Erkrankung entgegensehen. Darum haben die italienischen Eisenbahngesellschaften ihre Bediensteten mit den dazu erfundenen Masken und Schleiern für das Gesicht ausgerüstet. Auf der Strecke Rom—Pisa zum Beispiel (300 km Länge) wurden die 1592 Personen des Zugspersonales vollkommen (durch Chinin und die Mosquitomasken) und 314 Personen des Bahnhofspersonales nur unvollkommen geschützt. Die Resultate waren seit der letzten Fieberepoche statt 60 und 80% der gewöhnlichen Erkrankungsziffer 23% für die ersten, 36% für die zweiten. In Ostsicilien bekamen von den geschützten Bahnbediensteten 9% das Fieber, von den Nichtgeschützten 60%, in der Lombardei von Geschützten 8%%, von den Nichtgeschützten 56%, in der Romagna von den Geschützten 0%^ von den Nicht geschützten 30%, in der Gegend von Foggia, auf einer Strecke von 178 km sind von 2006 geschützten Individuen zum erstenmale von der Krankheit im ganzen 82 Personen befallen worden. Man weiss ferner, dass die Austrocknung der Sümpfe durch die Anpflanzung von Eucalyptusbäumen ausserordentlich gefördert wird. Aber erst mit der Anwendung der jetzigen Schutzmassregeln für die damit beschäftigten Arbeiter kann an eine grossangelegte Austrocknung gedacht werden. Die bis jetzt nur in einigen kleinen Gebieten, so in Sardinien, eingeführte Zerstörung der Larven durch Petroleum auf den Sümpfen selbst hat die glänzendsten Resultate geliefert. Schliesslich erhalten die Bauernhütten an Thüren und Fenstern eng anschliessende Gitternetze, welche den Mosquitos den Eintritt bei Nacht verwehren. Diese letztere Massregel schützt die Landbewohner, die bei Nacht ihre Hütten nicht verlassen müssen, absolut sicher. Englische Forscher, die sich in solchen Hütten in den sonst sicher den Tod gebenden Sümpfen an der' Tibermündung Monate hindurch aufhielten, bei offenen, wenn auch mit solchen Mosquitogittern versehenen Fenstern schliefen, sind nach den glänzend verlaufenen Experimenten vollkommen gesund

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