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Die Welt · 1902-05-16 · 20 (16.5.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
20 (16.5.1902)
Article
Der II. österreichische Zionistentag in Bielitz
Date
1902-05-16
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 20 einer solchen weitausgreifenden Thätigkeit wird es notiiwendig sein, dass unser Landes-Comite alle zur Arbeit heranzieht, die für jüdisch-wirtschaftliche Actionen Interesse und Fähigkeiten haben. Es muss ein über ganz Oesterreich sich erstreckendes Gomite gebildet werden, das zwar unter der Leitung des Referenten im zionistischen Landes-Comite arbeitet, seinen Mitgliedern jedoch eine bestimmte Tendenz — ausser jener der wirtschaftlichen Hebung durch Selbsthilfe — nicht vorschreibt. Jedes Mittel zur ökonomischen Kräftigung unseres Volkes muss, soweit es unserer zionistischen Gesinnung nich zuwiderläuft, benützt, jede Arbeit auf diesem Gebiete unterstützt werden — natürlich nur dann, wenn sich diese nicht als Scheinthätigkeit politischer Bauernfänger erkennen lässt. Die Priorität des Gedankens ist uns nichts, sein Wert für das jüdische Volk alles, wir müssen hinauswachsen aus den engen Grenzen des Parteiinteresses, sowie unser Zionismus über den Localegoismus des staatsbürgerlichen Judenthums hinausgewachsen ist. Unser Ziel ist das jüdische Volk und nicht die jüdische Clique, und da gilt es mitzubauen, wo immer jüdische Hände Schutzdämme gegen Proletarisierung errichten wollen. Die Culturarbeiten des zionistischen Landes- Comites haben sich ohne Berührung religiöser Fragen auf Förderung und Pflege jener Keimtriebe zu erstrecken, die uns schon heute die schönsten Blüten nationaler Kunst, Literatur und Wissenschaft versprechen. Die Renaissance des jüdischen Volkes ist nicht nur eine in Parteiorganisationen nach Ausdruck ringende Thatsache, sondern auch eine Verjüngung des jüdischen Geistes. Dieser junge Geist ist das Kostbarste, was unser altes Volk, das sich innerlich langsam nach der Moderne hin entwickelt, überhaupt besitzt, er ist das grosse Versprechen einer Nationalcultur, die, ihrem eigensten Boden entspriessend, eine Leuchte für die Menschheit werden kann — und werden muss, wenn das erreichte Zion dem erj! träumten auch nur nahe kommen soll. Der Referent für Culturarbeiten im Landes-Gomite hat die Pflicht, das Interesse des zionistischen Judenthums für alle Bestrebungen wachzurufen, welche der Entwicklung des jüdischen Geistes dienen. Diese Thätigkeit bringt ihn in enge Verbindung mit dem vom Baseler Gongresse gewählten ständigen Cultur - Ausschusse, der ja auch ohne Unterstützung der österreichischen Partei und ihrer Leitung niemals zur Erfüllung seiner Aufgabe im Geiste des Congress - Beschlusses gelangen kann. Das Programm der geistigen Hebung, welches sich als Aufgabe nationaler Erziehung darstellt, ist nicht nur Sache der ausserhalb der Partei, jedoch innerhalb der zionistischen Bewegung Stehenden, sondern es ist auch schon zum eisernen Bestandtheil unserer Organisations-Bestrebungen sanctioniert worden. Wir verlangen viel vom IL österreichischen Parteitage und den von ihm ausgehenden Directiven, wir verlangen, dass er trotz seiner kleinen Mittel Anschluss an die jüdischen Weltideen zu gewinnen sucht, wir. verlangen, dass er von dem realpolitischen Sehlagworte zur realpolitischen That übergeht und last not least dass er uns wieder zum Kampfe aufruft gegen todte und doch noch tödliche Ideen und Gesinnungen; denn das erscheint uns als das Wertvollste, was uns der Parteitag geben oder richtiger wiedergeben kann: das Bewusstsein von unserer Bestimmung als Kämpfende. Der Zionismus darf die Form seiner Sturm- und Drangperiode noch nicht überwunden haben, weil er über ihren Geist noch nicht, hinaus ist: „Kampf ist das Losungswort, Sieg — und so klingt es fort" Georg Brandes und der Zionismus. Von Josef Michaelsen, (Kopenhagen). In der hiesigen Monatsschrift „Tilskueren* hat Georg Brandes vor einiger Zeit einen Artikel über die Judenhetze der Rumänen veröffentlicht. Mit gewohnter Schärfe der Gedanken hat der berühmte Verfasser es unternommen, die unmenschlichen Verfolgungen von Schwachen und Wehrlosen darzustellen und die Rumänen vor Europa in ihrer wahren Gestalt zu zeigen. Ich kann nicht umhin, den Schluss dieses Aufsatzes den Lesern der „Welt" vorzulegen. Er lautet: „Von dem Könige, der Königin und den Ministern des Landes haben die unglücklichen jüdischen Rumänen keinen Beistand zu hoffen. Hoffnungslos ist jedoch darum ihre Lage keineswegs. Wenn alle Männer jüdischer Abstammung in Europa und Amerika einig daständen, um sie zu vertheidigen; wenn diese Männer sich ihrer Macht bewusst wären und diese Macht zu benützen verständen, dann würden sie der Uebelthäter eines barbarischen Kleinstaates bald Meister werden. Die Zeiten sind vorüber, wo der jüdische Stamm genöthigt war, sich misshandeln zu lassen, ohne einen Laut von sich zu geben. Gewiss bildet dieser Stamm keine Einheit, weder staatlich noch sprachlich; seine Enkel sind in nationaler Beziehung sogar längst in die Völkerschaften, denen sie gehören, aufgegangen. (?) Früh haben sie sich die Vorschrift Jeremias (29,7) eingeprägt: das Beste des Staates zu fördern, in welches ihr Gott sie entführt hat. Viele von ihnen erinnern sich in unseren Tagen ihrer Abstammung nur, wenn diese ihnen höhnisch vorgeworfen wird. Der modernen Barbarei mit ihrer frechen Grausamkeit gegenüber wäre es aber einfach schimpflich mit den Verfolgten sich nicht solidarisch zu fühlen. Es ist ausserdem keine Schande, einem der zwei höchst begabten Völkerschaften der Erde anzugehören: den Juden oder den Griechen. Auf zweierlei Weise jedoch sind die Stammesgenossen imstande, ihren rumänischen Brüdern zuhilfe zu kommen, und diese zweierlei Dinge sind es, vor denen ihre Unterdrücker sich fürchten: Sie können die ungeschminkte Wahrheit über die rumänischen Verhältnisse sagen, ohne die lügenhaften Dementis, die nicht ausbleiben werden, zu beachten. Hierdurch allein werden sie schon Gutes thun, denn die Antisemiten von Rumänien möchten die öffentliche Meinung Europas im Rücken haben, und lieben es nicht, als die Barbaren, die sie sind, gekennzeichnet zu werden. Andererseits müsste die jüdische Finanzwelt, die — wenn ihre Macht auch übertrieben wird — dennoch eine gewisse Macht hat, sich weigern, dem durch eigene Schuld zerrütteten rumänischen Staate irgendwelche Geldanleihen zu gewähren, ehe dieser Staat die Bedingungen erfüllt haben wird, unter welchen allein die Grossmächte im Jahre 1878 seine Unabhängigkeit zugestanden haben. Denn die antisemitischen Rumänen, welche den Juden Geldgier vorwerfen, haben auf dieser Erde nur die eine Begierde, die nach Geld; und vermögen sie dieses Geld nur durch Ueberbordwerfen ihrer Prineipien zu erlangen, so wird es über diese Prineipien hergehen und die jüdische Bevölkerung Rumäniens wird frei aufathmen können/ Beim Durchlesen dieses Aufrufes fühlt man, dass — trotz aller Selbstbeherrschung des Verfassers — das jüdische Blut seinen Adern wallt, und schon die aufs neue doeumeutierte Erkenntnis von der Kraft des Bandes, mit der ■ das alte Blut die Stammesgenossen selbst gegen ihren Willen zusammenhält, lässt für den

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