Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 20 (16.5.1902)
- Article
- Der II. österreichische Zionistentag in Bielitz
- Date
- 1902-05-16
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14189. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, EX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction täglich von 72I2—72l Uhr. fr- Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeüe 30 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. 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Dieses Verhältnis war für den Anfang kein erfreuliches : auf einer Seite ein Menschenmaterial, das dem jüdischen Eniancipationsgedanken entweder aus verhärteter Indolenz oder infolge eines beispiellosen wirtschaftlichen Nothstandes apathisch gegenüberstand, und auf der anderen Seite die grösstmögliche Zerrissenheit in; ethischer, socialer und politischer Beziehung. In Westösterreich erscheint der zionistische Kampf umso schwieriger, weil hier die Juden entweder als kosmopolitische Nachtwandler oder als chauvinistische Anhänger feindlicher Volksstämme der national-jüdischen Idee gegenüberstehen. Hier galt es vor allem in die jüdische Oeffentlichkeit einzudringen — wenn auch vorerst nur mit ernüchternden eiskalten Worten. Hier galt es mit Muth und Kraft die Wahrheit in all die nebelhaften Illusionen zu tragen und im Namen des lebenswilligen und hoffnungsfreudigen Judenthums den Kampf aufzunehmen gegen die officiellen Lügen und Halbheiten. Ein weithin sichtbarer Mittelpunkt war zu schaffen, der mit magnetischer Kraft all die charaktervollen Einsamen an sich ziehen würde, ein Gentrum der Unzufriedenen, weil Freien. Das vom I. österreichischen Parteitage zu Olmütz gewählte Landes-Comite hatte die Bestimmung, ein solcher Mittelpunkt zu sein. Wenn es seiner Aufgabe nach dieser Richtung hin nicht gerecht werden konnte, so lag es nicht an mangelndem Verständnisse, sondern an den Schwierigkeiten des Constituierungsjahres. Die mühevollen Arbeiten zur Sicherstellung der Partei-Einkünfte, die Nothwendigkeit der Competenzabgrenzung nach unten und oben lenkten die Thätigkeit der Parteileitung von den Aufgaben der öffentlichen Initiative ab. Das Landes-Comite des Bielitzer Parteitages wird weitergehen, es wird sich der Thatsache bewusst sein müssen, dass die Leitung der Partei nicht nur . die Arbeiten des Secretariates, sondern auch die der thatsächlicheu Führung auf allen Gebkten des jüdischen Lebens zu übernehmen hat. Bei der Eigenart unserer österreichischen Zustände können wir die Agitationsarbeit nicht allein mit kleinen Vereinszellen betreiben, sondern vor allem durch die hierzu beauftragte Gruppe nackensteifer muthiger Männer, die, allen hörbar, überall dort das Wort ergreift, wo wahrhaft jüdische. Interessen auf dem Spiele stehen. Jeder Zionist muss Freude haben an der Thätigkeit seines Landes-Gomites und dadurch auch leicht veranlasst werden, es mit seiner ganzer Persönlichkeit zu unterstützen. Neben zionistischer Interessen nach innen die mächtige der Vertretung nach aussen ist aber auch Arbeit der Organisation zu leisten. Diese Aufgabe kann nur durch weitgehende Arbeitstheilung innerhalb des Landes-Comites — wie solche auch theilweise bereits durchgeführt ist — bewältigt werden. Allmonatliche Ressortberichte über die Organisationsbestrebungen auf allgemeinzi'onistischem, wirtschaftlichem und jüdisch-culturellem Gebiete wären für die Parteileitung selbst ein wohlthätiger Zwang zur Arbeit, für die Partei aber eine Quelle steter Anregung und Aufmunterung. Der Referent für wirtschaftlichs Actionen hat bei weitem die schwierigste Aufgabe zu bewältigen. Er muss unter Aufwendung des Höchstmasses an politischem Takt die realpolitischen Gemeinsamkeiten des Gesammtjudenthums zum Ausgangspunkte allgemeiner Actionen machen, welche dem zionistischen Postulate der wirtschaftlichen Hebung entsprechen. Seine Thätigkeit muss eine wahrhaft intensive sein in dem Sinne, dass er mit geringen Mitteln möglichst bedeutende Resultate erzielt. Wirtschaftliche Ideen müssen wir haben, kunstvolle Combinationen ersinnen, welche unseren social divergierenden Classen mit Hilfe der einzelnen ökonomischen Zusammenhänge Organisationen schaffen können. Nicht nur das Erprobte, Bewährte muss in die ökonomischen Coalitionsbestrebungen des wirtschaftlich kämpfenden Judenthums einbezogen werden, unsere ungewöhnliche Lage muss uns ungewöhnliche Mittel ersinnen lassen. Aufgabe des- Landes-Comites wird es sein, Anregungen und Initativkraft zu bieten und den genossenschaftlichen Begriff in seinen verschiedensten Formen in Anwendung zu bringen. Zur Unterstützung