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Die Welt · 1902-05-02 · 18 (2.5.1902) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
18 (2.5.1902)
Article
Beim Rabbiner
Date
1902-05-02
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 ,#>ie 2$ Welt" Nr. 18 „die Gedärtne und Eingeweide soll man ihm herausreissen, die Augen soll man ihm aasstechen, die Hände sollen ihm verdorren; zugrunde hat er mich gerichtet, mein Leben hat er mir verbittert, er ..." „Was wollen Sie also? Wollen Sie sich von ihm scheiden lassen?Ä „Wo denken Sie hin? Wo denken Sie .hin?* wirft sie erschrocken mit den Händen um sich. „Ich habe ihm ja vierhundert Rubel gegeben, mein ganzes Geld, um ihn zu heiraten; er ist ein Nikolajew'scher Soldatensohn. Ich habe ihn nur deshalb geheiratet, um das Recht zu haben, in N. zu wohnen, und jetzt sollich mich von ihm scheiden!:' „Ja, was wollen Sie also?" „Er will mir keinen separaten Pass geben, er verlangt dafür 50 Rubel jährlich, sonst will er sich ganz von mir scheiden. Man trägt ihm eine Braut mit tausend Rubeln an. Ich kann ihm keine 50 Rubel jährlich zahlen, ich habe einen kleinen Laden und ernähre mich mühselig ich pflegte ihm 25 Rubel zu geben, wir hatten es vor der Hochzeit so abgemacht; jetzt aber ist er damit nicht" zufrieden." „Gut. Gehen Sie nachhause. Ich werde ihn rufen lassen und werde mit ihm reden; kommen Sie in einigen Tagen wieder/ Der Rabinner begibt sich mit Schneersohn in das anstossende Zimmer; die Frau geht fort. Schatzki und der junge Mann blieben zurück. Einige Augenblicke betrachtet ihn Schatzki stumm. »Darf man erfahren", beginnt er „welchen Matrikelschein Sie wünschen?" „Den von David Morgulius." „David Morgulius?" •Ja." „Sagen Sie mir, bitte, sind Sie vielleicht der Sohn von Meier Morgulius?" „Ja, ich bin dessen Sohn." „Sie sind der Sohn von David Morgulius? Das kann nicht sein! Ist es möglich, dass er einen so grossen Sohn haben, soll?* „Wie Sie sehen." „Ei—ei—ei,Ä schüttelte er den Kopf, „einen so grossen Sohn! Und darf man erfahren, zu welchem Zwecke Sie den Matrikelschein benöthigen?" „Ich möchte mir einen Pass fürs Ausland nehmen." „Fahren S^ie, um zu studieren?" „Ja." „f)arf man erfahs en> wo Sie studieren wollen?" „In Berlin." „Um Ingenieur oder Doctor zu werden?li „Ins Polytechnikum, als Ingenieur." „Das ist recht. Sagen Sie, bitte, haben Sie eine Marke?" „Was für Marke?" „Eine Stempelmarke um fünfundsiebzig Kopeken, die auf den Matrikelschein aufgeklebt werden muss." „Nein, ich habe keine/4 „Eine Stempelmarke muss da sein." „Wenn Sie gestatten/' beeilte sich der junge Mensch, „so will ich eine Marke holen lassen/' Er zog hastig sein Portemonnaie aus derTasche. „\jder ich laufe selbst hinunter/' „Man kann eine Marke holen lassen/* sagt nachdenklich Schatzki, „oder man kann sie bei mir . . . ich kann Ihnen eine geben/' Er nähert sich dem Fache, sucht das Matrikelbuch und spricht halblaut mit sich selbst: „Natürlich kann man schicken . . . Hm . . . man kann schicken. Man kann sie auch bei mir nehmen. Im Laden muss man unbedingt zehn Kopeken mehr für die Stempelmarke zahlen, da ist es schon besser, wenn ich diese zehn Kopeken verdiene." Endlich ist das Buch gefunden, der Matrikelschein herausgeschrieben. Schatzki klebt die Stempelmarke auf und trägt den Schein zum Rabbiner zur Unterschrift. Er kehrt bald zurück und händigt dem jungen Manne das Schriftstück ein. Dieser gibt ihm einen Rubel. „Für die Stempelmarke/' „Für die Stempelmarke?u ,:Ja." „Hm . . . für die Marke. Herausgeben soll ich?'' Jener schweigt. ,,Hm . . . herausgeben . . . /' brummt vorwurfsvoll Schatzki, „herausgeben ..." Er öffnet, ohne zu wissen warum, die Schublade des Schreibtisches, blickt nachdenklich hinein, schliesst sie wieder, fährt mit den Fingern in die Westentaschen, sucht mit derselben nachdenklichen Miene in den Hosentaschen herum und murmelt: ,,Herausgeben . . . hm . herausgeben . . . Der junge Mann entfernt sich mit dem Matrikelscheine, ohne den Rest vom Rubel erhalten zu haben. Schatzki schliesst bedächtig das Buch, stellt es in das Fach, seufzt, steckt den Rubel in seine Börse und geht mit ernstem Gesichte ins andere Zimmer zum Rabbiner, um seinen Kaffee zu trinken. Die Vormittagsarbeit ist zu Ende. Zweierlei Juden. Romwn von Max Viola. (Fortsetzung.) „Lass mich in Ruhe! Ich mische mich nicht in solche Dinge, Das fehlte mir noch, mir Salme Goldner zum Feinde zu machen und dadurch die ganze Gemeinde gegen micli aufzubringen. Suche Schinischele Hecht und Chajim Stenzel auf, gib jedem zehn Kronen und sie werden zu dieser Cerenionie sogar ihre Seliabbesröcke anlegen/"' „Ich werfte sie aufsuchen. Und wie lautet der Spruch, den ich zu sagen habe?" „Hare* at mekudesches Ii betabaas su kedass moscheh wejisroel." Das heisst: „Du bist meine Angetraute nach den Gesetzen Mosis und Israels." „Und das genügt?" „Für Reb Salme Goldner allerdings." „Bitte, schreibe mir das auf. Ich kann mir es nicht merken." „Du willst also wirklich?" „Natürlich, und das unverweilt. Ich will doch sehen., ob ich diesem Zeloten nicht beikomme. Sind meine Waffen nicht scharf genug', so schlag' ich ihn mit seinen eigenen." Finkelstein zuckte die Schulter, schrieb ihm den Spruch auf einen Zettel, und dann gieng Paul zu Clara und bat sie, Mirjam zu verständigen, dass er sie heute noch sprechen müsse, Mirjam erschien nach dem Abendessen mit Clara und noch einigen Freundinnen in der langen Gasse, und da die Mädchen wussten, dass sie und Paul ein Liebespaar bildeten, so fanden sie sich von den übrigen Promenierenden bald abgesondert. Nach den ersten herzlichen Liebesworten, die sie ausgetauscht, nach einem Händedruck, der ihre beiden Körper in Seligkeit erschauern Hess, fragte Paul die Geliebte, ob sie von ihrem Vater Vorwürfe empfangen habe, weil er um ihre Hand angehalten. „Nein," erwiderte Mirjam, „er ist zärtlicher um mich besorgt, als sonst. Weil er mich so oft weinen hört, kommt er tagsüber mehreremale aus seinem Studierzimmer heraus und streichelt mir die Wangen. Er droht mir lächelnd mit dem Finger, um mich aufzuheitern und kehrt dann wieder zu seinen Büchern zurück. Doch, Paul, warst Du bei Onkel Heinrich V Hat er Dir Hoffnung gegeben? Sprich, um Gotteswillen!" „Da ist nicht viel zu berichten. Mirjam. Was Doctor Goldner für uns tlmn kann, bedeutet so viel wie nichts. Er wird Deinen Vater umzustimmen versuchen, allein ich weiss, es wird vergeblich sein. Nein, Mirjam, wir müssen uns selbst helfen, da uns niemand anderer hilft. Ich habe alles bedacht und könnte trotzdem noch einmal in Deinen Vater dringen. Er aber würde sich doch nicht erweichen lassen. Dass Du ihn verlassest und gegen seinen Willen mir folgest .....?" „Das kann nicht sein, Paul, nein, nein, das ist unmöglich," unterbrach sie ihn. „Verlange, welche Opfer Du willst; dass ich für Dich sterbe, und ich will freudig in den Tod gehen, denn

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